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Rieser im Dritten Reich (10)

31.07.2020

Nationalsozialismus: Über das Leben zweier Jüdinnen in Nördlingen

Kennkarte von Adelheid Kaufmann.
Bild: Stadtarchiv Nördlingen

Plus Bei der Familie Thrän lebten zu NS-Zeiten zwei Jüdinnen: Adelheid Kaufmann und Mina Arensberg. Warum die Stolpersteine mit ihren Namen am Marktplatz 5 eingelassen sind.

Am Marktplatz 5 in Nördlingen sind zwei goldene „Stolpersteine“ auf dem Boden zu finden, auf denen die Namen „Adelheid Kaufmann“ und „Mina Arensberg“ stehen. Doch wer waren diese beiden Frauen?

Die Ausstellung „13 Jahre – 13 Dinge“ von Andrea Kugler im Stadtmuseum Nördlingen zeigt 13 Jahre Nationalsozialismus mit passenden Biografien aus dem Ries auf. Wie berichtet, begleiten wir diese Ausstellung mit der Artikel-Serie „Rieser Biografien aus dem Dritten Reich“. Diesmal geht es um Adelheid Kaufmann und Mina Arensberg.

Kinder wurden losgeschickt, um Besorgungen zu machen

Die Familie Thrän lebte um 1940 am Marktplatz 5, in einem zurückgesetzten Gebäude hinter dem Sturm-Haus. In der Erinnerung von Anni Bäuml, einer geborenen Thrän, lebten im gleichen Haus im oberen Stock auch zwei alte Damen.

Nationalsozialismus: Über das Leben zweier Jüdinnen in Nördlingen

Die zwei Jüdinnen kamen dort zur Miete unter. Als Juden in den Geschäften nicht mehr bedient wurden und deshalb nicht mehr einkaufen gehen konnten, schickte man Kinder – darunter auch Anni Bäuml – los, um Besorgungen für die beiden Jüdinnen zu machen. Als Dank und Belohnung bekamen die Kinder von den Frauen „Matzen“ – ungesäuertes Brot – geschenkt. Anni Bäuml erinnert sich, dass die Jüdinnen mit Familiennamen „Kaufmann“ geheißen hätten.

Adelheid Kaufmann heiratete 1890 in Nördlingen

Aus den Quellen des Stadtarchivs lässt sich mehr über die beiden Frauen erfahren, schildert Museumsleiterin Andrea Kugler. Nach dem Einwohnerbuch von 1936 wohnte im Haus am Marktplatz 5 – dem einstigen Wohnhaus von Anni Bäumls Familie – die Lacklederfabrikantenwitwe Adelheid Kaufmann.

Aus dem Dokumentationsband der Rieser Kulturtage 1988 von Dr. Hermann Keßler, ist zu entnehmen, dass Adelheid Kaufmann am 24. November 1865 geboren wurde. Ihre ursprüngliche Kennkarte belegt, dass ihr Geburtsort Lauchheim sein musste. Nach Recherche von Andrea Kugler heiratete sie am 15. Oktober 1890 in Nördlingen. Ihr Ehegatte war der Bruder ihrer Mutter, Elkan Kaufmann. Er betrieb ab 1881 zusammen mit Julius Henle die Lacklederfabrik „Familie Henle & Kaufmann Lederhandlung en gros“ in der heutigen Glashütterstraße 5.

1942 wurde Adelheid Kaufmann von den Nationalsozialisten abgeführt

1906 starb Elkan Kaufmann plötzlich, weshalb seine Witwe Adelheid Kaufmann die Teilhaberschaft ihres Mannes übernahm. Zwei Jahre später musste das Unternehmen Konkurs anmelden. Ab 1926 lebte sie am Marktplatz 5 im Haus von Anni Bäumls Familie, recherchierte Kugler. 1942 wurde sie von den Nationalsozialisten abgeführt und von München ins Ghetto Theresienstadt abtransportiert. Wenige Monate später starb Adelheid Kaufmann an einer „Darmentzündung“, wie es aus Dr. Hermann Keßlers Dokumentationen zu entnehmen ist. Zuletzt wohnte Adelheid Kaufmann mit anderen jüdischen Mitbürgern – darunter auch Mina Arensberg – im Haus Frauengasse 17.

Dieses diente schon in den Vorjahren als „Sammelunterkunft“ für jüdische Nördlinger. Mina Arensberg wurde ebenso ins Ghetto Theresienstadt befördert. Im Jahr 1943 starb sie im Alter von 67 Jahren an „Altersschwäche“. Heute erinnern zwei „Stolpersteine“ am Marktplatz 5 – ihrem letzten, mutmaßlich aus freiem Willen gewählten Wohnhaus – an die beiden Frauen Adelheid Kaufmann und Mina Arensberg aus Nördlingen, die Opfer des Holocausts wurden.

Die aktuelle Ausstellung „13 Jahre – 13 Dinge“ ist im Nördlinger Stadtmuseum dienstags bis sonntags von 13.30 bis 16.30 Uhr zu sehen.

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