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10.03.2015

Naus en d’Welt, nei off Nearle

Mit Bruckwagen brachten die Bauern ihre Waren und Tiere in Kisten wie hier 1965 „off Nearle nei“ auf den Wochenmarkt.
Bild: Archiv des Kreisheimatpflegers

Rieser fahren nach München „nei“, nach Stuttgart „na“ und nach Nürnberg „hendre“

Von Herbert Dettweiler

Nördlingen Im Heimatkundeunterricht vor gut 60 Jahren lernten wir, Nördlingen ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Gemeint war, dass sich unsere Rieser „Hauptstadt“ wegen ihrer Lage im Kreuzungspunkt der Fernstraßen Paris – Stuttgart – Regensburg – Prag, Frankfurt – Würzburg – Augsburg – München sowie Nürnberg – Ulm – Bodensee – Italien so prächtig entwickeln konnte. Leider machte Kolumbus 1492 mit seiner Entdeckung Amerikas unseren Rieser Kaufleuten im wahrsten Sinne des Wortes einen Strich durch die Rechnung, indem sich danach der europäische Binnenhandel hin zum Handel auf den Weltmeeren an die Küsten verlagerte. Das war wohl auch ein Grund, warum der „Daniel“ mit einem Helm vorlieb nehmen musste und keine Spitze mehr erhielt wie etwa das Ulmer Münster.

Fortbewegungsmittel auf diesen Straßen waren für Reisende die Postkutschen, aber auch von Pferden gezogene Planwagen, mittels derer die Waren der Kaufleute transportiert wurden, etwa Salz von Salzburg nach Nördlingen (Hallgebäude).

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Für die Rieser in ihren Dörfern draußen aber war es schon was Besonderes, wenn man in die Stadt fuhr, eben „off Nearle nei“, vielleicht im Sommer mit einem offenen Leiterwagen mit seinen Kisten für Geflügel oder Ferkeln zum Wochenmarkt oder im Winter mit einem großen Pferdeschlitten mit ein paar vollen Getreidesäcken „en d’Schrann“.

Fußgänger fragten dann nicht selten „bei de Gailbaura, ob no a Plaatz isch offm Waga“ oder „en dr Schees“ (franz. Chaise = Kutsche), um nicht den weiten Weg zur Stadt auf Schusters Rappen zurücklegen zu müssen.

Doch es konnte ihnen dann gehen wie Maria und Josef in Michel Eberhardts „Schwabenweihnacht“, als Josef auf einen Großbauern aufmerksam wird und zu seinem Weib sagt:

„I glob, dr Moier spannt grad ei’!“

Dr Josef weard ganz hell.

„Ha, dear muaß oh en ds Städtle nei. Maria, komm nor schnell.

Do gommer na, do fahr mr mit!

Heit mag’s, du wearscht seah,

weils allweil no an Ausweg git,

trotz Herraplog ond Schnea.“

„Ja“, sagt dr Baur, „off Nearle fahr i wohl. Doch Leitla, de’scht a so,

ui seahts ja, mei Schliet isch vol.

Ja, überlada scho!“

Und das war so gang und gäbe so bis gut zum Zweiten Weltkrieg. Die Bauern fuhren, ärmere Leute, Knechte und Mägde gingen zu Fuß, und das oft „barfuaßad“, um die Schuhe zu schonen. Erst kurz vor den Toren zogen die Leute ihre guten Schuhe an.

Ab 1849 konnte man von Nördlingen aus aber auch zusätzlich noch mit der Eisenbahn verreisen oder hierher kommen. Die König-Ludwig-Süd-Nord-Bahn war gebaut worden. Abenteurer fuhren hinaus in die Welt, „off Ogschburg nauf“ oder gar „off Mencha nei“. In die andere Richtung ging’s „off Schtuagrt na“ oder „off Nieraberg hendre“, also fort zu den großen Städten Augsburg, München, Stuttgart und Nürnberg. Trotzdem galt für viele Rieser Dörfler lange Zeit das geflügelte Wort: „Fahr naus en d’Welt, fahr nei off Nearle!“.

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