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Donau-Ries

15.06.2017

Nina Hagen: „Wir werden Dornstadt rocken, bis tief in die Seelen“

Nina Hagen steht am Donnerstag beim Wudzdog in Dornstadt auf der Bühne – plus Band. Im Gespräch mit den Rieser Nachrichten erzählt die 62-jährige Berlinerin aus ihrem Leben.
Bild: Ulrich Wagner

Am Donnerstag spielt Nina Hagen mit Band beim Wudzdog in Dornstadt. Im Interview spricht sie über ihre Liebe zu kleinen Festivals und verrät, was sie den Besuchern bieten will.

Das Interview mit Nina Hagen beginnt vier Tage später als geplant. In der Wohnung der 62-Jährigen werden die Balkone umgebaut. Wegen des Lärms fällt das Telefoninterview am Donnerstag flach. Handy besitzt sie keines. Damit hat sie schlechte Erfahrungen gemacht. Sie sieht das als Zeichen des allmächtigen Geists der Liebe.

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Am Montag meldet sie sich wieder und fragt, wo die Rieser Nachrichten denn eigentlich liegen. Die Redakteurin antwortet: „In Nördlingen, gelegen im Rieskrater, der durch einen Meteoriteneinschlag und seinen Trabanten entstanden ist, vor mehreren Millionen Jahren. Es gibt allerdings neuerdings eine nicht ganz ernst gemeinte Theorie, kürzlich gelesen in der Karte des „Crater“: „Der Absturz eines gigantischen, etwa ein Kilometer dicken Raumkreuzers sprengte einen Krater von circa 30 Kilometern Durchmessern in die Landschaft.“ Was Nina Hagen wohl dazu sagt?

Nina Hagen: Ach, das ist ja schön. Aber wenn das so gewesen wäre, dann müssten ja auch Teile des Raumschiffes gesichtet worden sein. Das mit dem Meteoriten kann ich schon eher nachvollziehen.

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Am Donnerstag stehen Sie beim Wudzdog-Festival in Dornstadt auf der Bühne, mit Band. Was ist der Reiz an den kleineren Festivals? Oder dürfen es auch mal die großen sein?

Hagen: Ich hab ja alles gespielt und bin total geehrt, auf so ein familiäres, gemütliches, kleines Festival eingeladen worden zu sein. Groß oder klein, das ist doch ganz egal und so ähnlich wie beim Menschen. Da gibt es kleine und große Menschen und deshalb ist ja der eine nicht besser als der andere. Ich freue mich riesig, auch auf die Zusammenstellung der Acts. Ich finde das toll, dass die Veranstalter so alte Künstler eingeladen haben wie mich oder Birth Control (lacht). Also eigentlich finde ich die kleinen Festivals doch viel besssaaaaaa (da spricht sie deutlich tiefer) und das hat auch nichts mit meinem Alter zu tun. Kleinkunst ist die eigentlich große Kunst.

Der Summer of Love“ , der in diesem Jahr 50 Jahre zurückliegt, hat Sie und Ihre Musik geprägt. Wäre Woodstock damals theoretisch eine Option gewesen, angenommen, sie wären schon ein bisschen älter gewesen?

Hagen:(überlegt) Gut, da war ich 15 und habe schon gesungen, aber mein Englisch war noch sehr limitiert. (überlegt weiter). Es ist aber nicht die Frage, wie groß eine Bühne ist, sondern, wie schön es dort sein kann. Ich hab schon vor David Bowie gespielt und wir waren zusammen im Backstagebereich. Und trotzdem habe ich den großen Künstler gar nicht getroffen und auch nicht dessen Hand geschüttelt. Auch nicht Hallo gesagt, auch wenn ich das damals wirklich gern getan hätte.

Hat Sie die Zeit des Summers of Love geprägt, gerade weil Sie in der DDR aufgewachsen sind?

Hagen: Ja, sowas von. Volle Kanne. Wir haben die Musik oft vom Radio auf Tonband aufgenommen, weil es schwer war, an westliche Musik heranzukommen. Umso mehr haben wir uns deshalb gefreut, wenn wieder Westbesuch gekommen ist, der Vinylplatten herübergeschmuggelt hat. Diese Musik hat Grenzen gesprengt und verbunden. Ich bin ein großer Fan von Janis Joplin, den Rolling Stones oder Jim Morrison.

Beim Berliner Ensemble waren Sie länger unter anderem mit „Brecht-Lieder zur Klampfe“ aktiv, wiederum ein ganz anderes Genre als die Festivals.

Hagen: Das Brecht-Programm macht Riesenspaß. Wir haben jetzt über mehrere Jahre mehr als 33 Shows gespielt und alles professionell aufgenommen und mitgefilmt. Da arbeiten wir bereits an einem CD/DVD-Paket. Bei manchen Shows war sogar meine Mutter dabei, ich habe mit Meret Becker Duette gesungen. Campino hatte leider keine Zeit, aber vielleicht bekomme ich ihn ja ins Studio.

Campino hat Sie in einer Dokumentation über die Brecht-Shows am Berliner Ensemble als größtes Stimmwunder bezeichnet …

Hagen: Wenn, dann müsste man ja Gehirnwunder sagen. Also das ist schon etwas übertrieben. Es gibt unglaublich viele Sänger und Sängerinnen, die man als Stimmwunder bezeichnen kann. Prince, Michael Jackson, Whitney Houston. Aber wenn man einen Künstler nur auf seine Stimme reduziert, wo bleibt denn da der Geist. So wie bei mir, da werde ich oft als die Schrille bezeichnet. Vielleich könnte man schrille Künstlerin sagen, sonst ist das ja wie ein Schlag ins Gesicht.

Was bekommen die Wudzdog-Besucher am Donnerstag zu hören?

Hagen: Die weltbeste Friedens-, Protestrock- und Gospelsängerin. Am Donnerstag gibt es zum Beispiel von Canned Heat „Let’s work together“ oder von Lenny Kravitz „We want Peace“. Das sind meine Lieblingslieder, um das Gefühl zu vermitteln, dass wir zusammen alles erreichen können. Ich bin die Einzige, die diese politisch brisante Mischung liefert, von Leidenschaft bis Rock ’n’ Roll. Ich singe Elvis, ich singe Janis Martin. Bei mir wird man dermaßen befriedigt (lacht erschrocken). Also es gibt auf jeden Fall eine gute Portion an positiven Vibrationen  …

 …und Liebes und Freiheitslieder?

Hagen: Im Grunde genommen geht es mir um Liebe, Solidarität und Frieden. Da bin ich ganz die Tochter meines Vaters, einem Folteropfer der Nazis und die Stieftochter von Wolf Biermann, wobei väterlicher Freund besser klingt. Ich finde das Wort Stiefvater komisch. Ich bin sehr froh, dass er im Leben meiner Mutter und mir aufgetaucht ist. Von ihm habe ich auch den Zugang zu Bertold Brecht und dem Berliner Ensemble bekommen. Welcher Teenager hat das heute schon.

Der Geist der Liebe reist also am Donnerstag nach Dornstadt?

Hagen: Der allmächtige Geist der Liebe bringt mich nach Dornstadt und verteilt sich hoffentlich auf so viele Menschen wie möglich. Wir bringen wunderschöne Lieder mit. Eine Stange Rock’n’Roll, tolle Songs aus den 70ern, wie schon gesagt. Wir werden Dornstadt rocken, bis tief in die Seelen.

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