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Nördlingen

27.12.2020

Nördlingen: Wie in St. Georg Heiligabend gefeiert wurde

Am Weihnachtsgottesdienst in St. Georg waren teilweise mehr Stühle als Menschen da. Es war ein Gottesdienst unter besonderen Umständen. Dekan Wolfermann sprach sich für die Durchführung der Gottesdienste aus.
Bild: Jochen Aumann

Plus Das Stattfinden der Gottesdienste am 24. Dezember war durchaus umstritten. Besucher sagen, warum sie zum Gottesdienst kommen. Eindrücke von einer besonderen Christmette.

Heiligabend, kurz vor 19 Uhr, am Eingang der St.-Georgs-Kirche beim Marktplatz: Zwei junge Gemeindemitglieder stehen unter einem Zeltdach und kontrollieren die Eintrittskarten der Besucher und notieren deren Telefonnummern. Nieselregen fällt, es hat leichte Plusgrade. Vor der Kirchentür steht ein Desinfektionsmittelspender. Wer den Gottesdienst besuchen will, musste sich zuvor anmelden. Die Zahl der Plätze ist auf 200 begrenzt. Normalerweise sind die Kirchen an Heiligabend voll. Doch in diesem Jahr ist alles anders.

Zur Christmette um 19 Uhr kommen circa 30 Besucher. In der vorausgegangenen Diskussion um Gottesdienstbesuche an Weihnachten hatte unter anderem der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhard, davon abgeraten. Er sagte, Menschen, die im kleinen Kreis zusammen mit anderen Weihnachten feiern, sollten darauf verzichten, einen Präsenzgottesdienst zu besuchen.

Was Nördlingens Dekan Wolfermann zu Gottesdiensten am 24.12. sagt

Dekan Wolfermann hingegen sagt: „Die Freiheit der Religionsausübung hat Verfassungsrang und wir haben funktionierende Hygienekonzepte, sodass die Gottesdienste aus meiner Sicht zu verantworten sind.“ Zudem habe man in der Kirchengemeinde Nördlingen in letzter Zeit festgestellt, dass die Menschen sehr vorsichtig seien und sich der Zustrom sehr in Grenzen halte. Und so ist es auch um 19 Uhr. Bevor der Gottesdienst beginnt, wird quergelüftet. Frische Luft zieht von draußen herein. Wolldecken sind jedoch aus hygienischen Gründen nicht verfügbar.

Vor dem Altarbereich ist aufgestuhlt. Die Stühle stehen in Gruppen beisammen, mit einem Abstand von zwei Metern zueinander – mehr als vorgeschrieben. Festlich ist der Kirchenraum geschmückt, zwei große Christbäume stehen im Chorraum, dessen hohe Fenster und Kreuzrippengewölbe mit blauen, rosa- und orangefarbenen Lichtern angestrahlt werden. An der Seite des Kirchenschiffs ist eine große Krippe aufgebaut.

Wolfermann spricht in seiner Predigt von Weihnachten als Zumutung

Blumenschalen mit Nelken zieren den Altar und die Kerzen des großen Adventskranzes und am Altar brennen. Als die zehn Mitglieder des Posaunenchors St. Georg ein Eingangsstück zu spielen beginnen und der weiche Klang des Blechs den geschmückten Kirchenraum erfüllt, kommt tatsächlich etwas Weihnachtsstimmung auf.

Eine Lektorin trägt die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium vor. In seiner Predigt spricht Wolfermann von Weihnachten als einer Zumutung. Dabei geht er zunächst auf die schwierige Situation Josefs ein, der mit dem Kind, das nicht von ihm ist, anfangs haderte. Josef als frommer Mensch habe aber auf die Prophezeiung des Alten Testaments und die Botschaft der Engel vertraut: dass dieses Kind Gott sei. Obschon Josef und die Menschen damals sich das Kommen Gottes ganz anders vorgestellt hätten.

Der Dekan spricht davon, dass Menschen Gott so nahe ließen, wie nur wenige Menschen

„Es ist ja wirklich ein Wunder, ein Geheimnis, dass Gott uns so klein und menschlich begegnet, nicht als der, der uns überwältigt und zwingt, ihn anzuerkennen, sondern als der, der sich ganz einfach als Mensch an unsere Seite stellt“, sagt Wolfermann. „Anders bliebe Gott der Ferne, der Unnahbare, der Herrscher. So aber wird er zum gütigen Vater für uns, ja sogar unserem Bruder in Jesus, in dem Kind in der Krippe.“ Näher könne Gott seinen Menschen nicht kommen, tiefer könne er sich nicht auf diese Welt einlassen.

Dekan Gerhard Wolfermann predigte an Heiligabend in der St. Georgskirche.
Bild: Matthias Link

Manche könnten es jedoch als Zumutung empfinden, Gott so nahe an sich herankommen zu lassen, meint Wolfermann. So nahe wie Gott lasse man nur wenige Menschen an sich herankommen. Gott, das betont Wolfermann wiederholt, zeichne sich durch seine Liebe und Menschenfreundlichkeit aus. Und so wolle Gott auch die Angst nehmen, dass das Leben sinn- und wertlos sei. Weihnachten stehe damit auch für Hoffnung und Zuversicht. Damit konnte die frohe Botschaft von Wolfermann auch in Pandemie-Zeiten verkündet werden.

Die Worte der Predigt klingen in den Besuchern noch nach, während der Posaunenchor „Ich steh an deiner Krippen hier“ spielt. Als Wolfermann am Ende des Gottesdienstes das traditionelle Lied „Oh du fröhliche“ ankündigt, fordert er die Gemeinde auf, „mit dem Herzen einzustimmen“. Richtige Fröhlichkeit indes mag bei untersagtem Gemeindegesang in einer fast leeren und kühlen St.-Georgs-Kirche zwischen weit auseinander sitzenden und Mundschutz tragenden Besuchern nur schwerlich aufkommen.

Es scheint unwahrscheinlich, sich anzustecken

Aber: Sich in der St.-Georgs-Kirche mit dem Coronavirus anzustecken, scheint sehr unwahrscheinlich. Die Orgel vermisst man in der Christmette ebenso. Man habe dem Organisten Udo Knauer, der tagsüber schon mehrfach im Einsatz gewesen sei, einen ruhigen Abend ermöglichen wollen, erklärt Wolfermann.

Wie geht es dem Dekan selbst damit, den Weihnachtsgottesdienst auf diese Weise feiern zu müssen? Wolfermann sagt: „Es ist nicht das, was man sich wünscht, aber wir machen es gerne so, um den Gottesdienstbesuch überhaupt ermöglichen zu können. Wir fühlen uns auch der Gesundheit und Sicherheit der Menschen verpflichtet.“

Was Besucher über den Gottesdienst in St. Georg sagen

Und was bewegt die Gottesdienstbesucher? Ein junger Mann sagt: „Es war mir ein Bedürfnis, ein bisschen Normalität in diese Zeit zu bekommen.“ Seine Freundin schließt sich dem an und meint: „Der Gottesdienst gehört zu Weihnachten dazu und es tut gut, diese Normalität zu erleben.“

Eine 70-jährige Dame möchte mit ihrem Gottesdienstbesuch auch ihre Wertschätzung und Dankbarkeit für die Arbeit des Dekans, der Pfarrer und der Mitarbeiter ausdrücken. „Es ist bestens organisiert!“, sagt sie. Darüber hinaus sei sie wegen des Posaunenchors gekommen, in dem ihr Mann und ihre Kinder mitspielten.

Insgesamt fanden an Heiligabend in der St.-Georgs-Kirche von 15 bis 20 Uhr sechs kürzere Gottesdienste im Stundentakt statt. Sie dauerten jeweils 35 Minuten und wurden neben Dekan Wolfermann von den Pfarrern Dr. Philipp Beyhl und Martin Reuter geleitet. Die Anmeldezahlen für die Gottesdienste um 15, 16 und 17 Uhr lagen jeweils knapp unter der Grenze von 200. Für die Gottesdienste später am Abend waren es weniger (121 Personen für 18 Uhr, 31 für 19 Uhr und 52 für 20 Uhr).

In den Jahren zuvor kamen deutlich mehr Menschen

In den Vorjahren seien zum Gottesdienst um 17 Uhr zwischen 1100 und 1200 Besucher gekommen, sagt Wolfermann. In diesem Jahr seien es von 15 bis 20 Uhr zwischen 800 und 900 Besucher gewesen. Sein Eindruck von den bisherigen Gottesdiensten heute sei aber, dass die Besucher trotz der Einschränkungen angetan gewesen seien und es ihnen gutgetan hätte. Für die Zuhausegebliebenen hat Wolfermann sogar einen Heiligabend-Gottesdienst aufgezeichnet und auf der Gemeinde-Website und auf YouTube online gestellt.

Am Ende des 19-Uhr-Gottesdienstes verlassen die Teilnehmer über ein Einbahnsystem die Kirche durch die Tür zur Pfarrgasse und durch die östliche Tür zum Marktplatz. Die Bläser spielen zum Auszug „Stille Nacht“. Und die Nacht draußen ist sehr still. Doch ein Gottesdienst wird an diesem Abend noch folgen.

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