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Geschichte

12.01.2020

Nördlingen und die Stunde Null: Wie war es, als die Amerikaner kamen?

Wilfried Sponsel auf dem Neujahrsempfang in Nördlingen.
Foto: Josef Heckl

Stadtarchivar Dr. Wilfried Sponsel referiert über das „grüne“ Nördlingen 1945 und die Zeit danach. Wie sich ein Stadtamtmann und ein NS-Kommandant über Fahnen am Daniel stritten.

Im Sommer und Herbst 1945 war Nördlingen eine grüne Stadt – zumindest modisch gesehen. Zahlreiche Bürger trugen Kostüme, Anzüge und Mäntel aus grünem Stoff, genauer gesagt aus Polizeistoff. Der wiederum stammte aus einem Eisenbahnwaggon. Am 20. April 1945 hatte es einen Luftangriff auf Nördlingen gegeben, getroffen worden war unter anderem der Bahnhof, wie Stadtarchivar Dr. Wilfried Sponsel am Sonntag im Klösterle beim Neujahrsempfang der Stadt berichtete. Er zitierte einen Zeitzeugen: „Als die Färberei Wildfeuer ihren Betrieb aufnahm, wandelte sich das Bild in Dunkelbraun und Blau.“

Sponsel hatte es sich bei seinem diesjährigen Festvortrag zur Aufgabe gemacht, über das Thema „Als die Amerikaner kamen… Das Leben nach der Stunde Null in Nördlingen“ zu referieren. Und dabei gab er seinen Zuhörern nicht nur einen Überblick über Daten und Fakten, sondern erzählte auch gekonnt, was sich damals so zugetragen hatte. Etwa der Disput zwischen dem Stadtamtmann Rudolf Steger und dem NS-Kampfkommandanten Major Dürr. Die beiden stritten zum Ende des Krieges über die Frage, ob nun am Daniel Rot-Kreuz-Flaggen zu hissen seien oder nicht. Steger war dafür und ordnete es an – Dürr drohte ihm daraufhin mit der Erschießung und bestand auf der Abnahme der Flaggen. Um die wiederum möglichst lange hinauszuzögern, wurden die Fahnen stückweise abgeschnitten. Der Major verließ schließlich „Hals über Kopf die Stadt“, wie Sponsel sagte, „was offensichtlich mit dem Verschwinden der sich bisher noch im Stadtgebiet aufhaltenden SS-Verbände zusammenhing.“

Im April besetzten die Amerikanischen Truppen Nördlingen

Amerikanische Truppen besetzen Nördlingen am 23. April 1945 – Steger hatte ihnen die Stadt kampflos übergeben. Die US-Soldaten beschlagnahmten die Gegenstände aus dem Lager und dem Büro der Waffen-SS, richteten eigene Büros, eine Unterkunft und ein Kasino ein. Sie forderten Stoff für Wintermäntel – und für das Kino und das Café Madlon jeweils ein Klavier. Für die Nördlinger dagegen gab es keine Tageszeitung, kein Kino, keine Schule, kein Archiv, kein Museum und keine Bibliothek – und Lebensmittel nur über Bezugskarten. Erst im Januar 1946 fand die erste Stadtratswahl statt. Steger organisierte die Stadtverwaltung zunächst mit ehrenamtlichen Mitarbeitern. „Eine interessante Idee“, meinte Stadtarchivar Sponsel schmunzelnd, was die zahlreichen Gäste im Klösterle mit Gelächter quittierten.

Nur langsam sei damals die Normalität in den Alltag zurückgekehrt, berichtete der Historiker. Im Winter musste der Unterricht an der Oberschule eingestellt werden, weil Heizmaterial fehlte – Kohleferien habe man das damals genannt, sagte Sponsel. Die Mitglieder der einstigen Hitlerjugend mussten im Juli 1945 den während der NS-Diktatur geschändeten Judenfriedhof instand setzen und umgeworfene Steine und Platten wieder in Ordnung bringen.

Die Mess' fand 1947 das erste Mal wieder statt

Zahlreiche Flüchtlinge kamen in den folgenden Monaten ins Ries, sagte Sponsel: „Bis Mitte Juli des Jahres 1946 waren dem Landkreis Nördlingen 17255 Personen zugewiesen worden, das waren circa 47 Prozent der einheimischen Bevölkerung. Weiterer Wohnraum war gefordert.“ Einige Flüchtlinge brachten ihre Ideen, Firmen beziehungsweise Maschinen mit in die Region – etwa Hans Schulz aus Ostpreußen, der im Rieser Kinderwagenwerk schließlich 70 Arbeiter beschäftigte.

Die Mess’ fand 1947 erstmals wieder statt, das Scharlachrennen ein Jahr später. Und Johannes Weinberger konnte als Oberbürgermeister am 16. Mai 1949 das erste Stabenfest nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnen, so Sponsel: „Der Festzug wurde zu einem Spiegelbild des wirtschaftlichen Aufschwungs – trotz hoher Arbeitslosigkeit zeigte er Nördlingen als eine Stadt des Handwerks, in der gebaut und Neues geschaffen wird.“

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