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Medizin

23.11.2018

Nördlinger Kinderarzt übt heftige Kritik

Ein Stethoskop liegt in einer Kinderarztpraxis neben Spielzeug auf dem Tisch. Der Nördlinger Mediziner Dr. Detlef Grunert übt Kritik an den Rahmenbedingungen, die den Kinderärzten die Bewältigung ihrer Aufgaben erschwere.

Plus Die Rahmenbedingungen seien in Deutschland immer schlechter geworden, sagt Dr. Detlef Grunert. Gibt es deswegen für seinen Kollegen Manfred Kersten noch keinen Nachfolger?

Der Kassensitz des in Ruhestand gegangenen Nördlinger Kinderarztes Manfred Kersten (die RN berichteten) ist noch nicht wieder besetzt. Dr. Sigrid Scharrer-Bothner, bis zu seinem Ausscheiden Praxispartnerin von Kersten, ist derzeit auf der Suche nach einem Nachfolger. „Es besteht keine Eile“, sagte die Medizinerin gestern im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wir lassen uns Zeit. Schließlich muss die Person gut zu uns passen.“

Obwohl sie derzeit die Praxis in der Polizeigasse allein führe, bräuchten die Eltern keinerlei Sorge zu haben, dass ihre Kinder nicht mehr behandelt werden. „Wir weisen niemanden ab“, so Scharrer-Bothner. Sie räumte ein, dass es nicht einfach sei, auf dem Markt eine geeignete Nachfolge für Kersten zu finden. Ob dies letztlich gelingen werde, müsse man sehen.

Dass sich in der Region kein Kinderarzt mehr ohne Weiteres niederlassen will, ist für Scharrer-Bothners Kollegen Dr. Detlef Grunert nicht verwunderlich. Um dieses zunehmende deutschlandweite Problem tiefergehend zu beurteilen, müsse man die Rahmenbedingungen sehen, die in letzten Jahren bis heute immer schlechter geworden seien. So habe man in den zurückliegenden 20 Jahren die ärztlichen Leistungen bei Kassenpatienten sukzessive abgewertet. Zusätzlich seien Mengen- und Zeitbudgets eingeführt worden, betonte Grunert auf Nachfrage unserer Zeitung.

Andere Bedingungen in Österreich

So erhalte beispielsweise ein Kinderarzt für eine Ultraschalluntersuchung an der Hüfte eines Kindes derzeit zwölf Euro. Dazu gebe es ein Zeitbudget von neun Minuten. Diese bedeute pro Stunde ein Honorar (Umsatz) von 80 Euro. Ein Kollege in Österreich würde für die gleiche Leistung mit 49 Euro honoriert, sagt Grunert. Ein Zeitbudget, welches die Menge der behandelten Patienten und die Gesamthonorarsumme begrenzt, gebe es im Nachbarland gar nicht.

„Eine solche Bezahlung ist beleidigend“, sagt Grunert. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass ein Kinderarzt neben einem sechsjährigen Studium zusätzlich eine fünf- bis sechsjährige Facharztausbildung plus Zusatzqualifikationen habe absolvieren müssen. „Und dann solche Honorierungen - das ist ein Witz“.

Auf die Frage unserer Zeitung, welche Lösungsansätze er denn habe, um die Situation zu verbessern, betonte Grunert: „Die Vergütungen für unsere ärztlichen Leistungen müssen an die Inflation angepasst werden. Bisher erfolgt nur eine jährliche Anpassung, die weit unterhalb der Inflation und der Lohnsteigerungen liegt.“

Außerdem müssten die Budgets, insbesondere das Zeitbudget, ersatzlos gestrichen werden. Dann sei es auch möglich, mehr Patienten in einer Praxis adäquat zu behandeln. Und nur dann könnten Aufnahmestopps, die in den meisten Praxen existieren, wieder aufgehoben werden.

Völlig inakzeptabel sei zudem, dass die Honorare für Privatabrechnungen sich seit 23 Jahren nicht verändert hätten. Ganz im Gegensatz zu den Gebührenordnungen bei Rechtsanwälten, Notaren oder Steuerberatern. „Sie müssen sich vorstellen, was das für eine Abwertung unserer Leistungen bedeutet.“

Dr. Grunert nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn er behauptet, dass die Verantwortlichen für die Gesundheitspolitik den Ärzten nicht die Medizin machen ließen, die nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft für die Patienten möglich wäre. „Wichtige neue Leistungen werden einfach nicht eingeführt“, kritisiert der Nördlinger Mediziner. Da würden lieber Milliarden den Lobbyisten zugestanden. Grunerts Beispiel: Die geplante Einführung der Gesundheitskarte mit Telematik, die sinnlos, teuer, zeitaufwendig und bedenklich in Bezug auf die Datensicherheit sei. Hier würden nur die Firmen verdienen, die die Karten und die Geräte herstellten.

Woanders mehr verdienen, ohne gegängelt zu werden

Er könne daher gut verstehen, wenn Kollegen lieber als Oberärzte in Kliniken arbeiteten oder nach Österreich, Norwegen oder Holland gingen, so Grunert weiter. Dort könnten sie eine vernünftigere Medizin machen, würden weniger gegängelt und verdienten auch teilweise mehr, als mit einer eigenen Praxis in Deutschland.

Gerade in Österreich werde eine vernünftige Gesundheitspolitik zum Wohle der Patienten und der Ärzte betrieben.

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