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04.05.2020

Nördlinger Tafel: Helfer in der Krise

Helmut Weiß ist Sozialarbeiter des Diakonischen Werks Donau-Ries. Gemeinsam mit anderen hat er einen Lieferdienst für Lebensmittel ins Leben gerufen. Hunderte sozial schwache Familien im Ries werden so mit Lebensmitteln versorgt.
Bild: David Holzapfel

Plus Der Nördlinger Tafel- und Kleiderladen versorgt Menschen, die sonst wenig haben. Wegen der Corona-Pandemie musste er schließen. Doch die Hilfe geht weiter.

Es ist Donnerstag und Mechthild Eberl hat heute ihren freien Tag. Es ist ein guter Tag, um frei zu haben: Die Sonne lacht vom wolkenlosen Himmel, vor den Eisdielen der Stadt stehen die Menschen im gebotenen Abstand an. Mechthild Eberl aber kriegt davon nichts mit. Sie steht inmitten des Nördlinger Tafel- und Kleiderladens, von der Decke strahlen kalte Leuchtstoffröhren, vor ihr stapeln sich mannshoch Kisten, sie sind gefüllt mit Lebensmitteln. Eberl ist ehrenamtliche Helferin der Tafel.

Gerade trägt sie Mundschutz, wie sie es hier alle tun. Jeder Handgriff sitzt: Eine Dose Sauerkraut, Spaghetti, für die Kinder einen Schokoosterhasen – nächste Tüte. Normalerweise wimmelt es in dem Laden von Menschen; Senioren mit knapper Rente, Migranten, Alleinerziehende. Sie alle können hier günstig Lebensmittel und Kleidung einkaufen. Die Nördlinger Tafel bietet ihnen Hilfe an, wenn das Geld wieder einmal knapp wird. Doch wie überall ist auch hier gerade alles anders.

Aktuell dürfen keine Kunden in den Laden. „Die Ansteckungsgefahr ist einfach zu groß“, sagt Helmut Weiß vom Diakonischen Werk Donau-Ries. Viele der ehrenamtlichen Helfer und Kunden seien Senioren, also Risikogruppe.

Am 17. März hatte die Nördlinger Tafel zum letzten Mal geöffnet. Dann kam die Weisung, dass geschlossen werden muss. Das traf auch Hunderte andere Tafeln im ganzen Land. Der Dachverband Tafel Deutschland schätzt, dass insgesamt rund 1,65 Millionen Menschen betroffen sind; Menschen, die die aktuellen Einschränkungen besonders hart treffen. Manche stehen vor der existenziellen Frage: Wie komme ich an Lebensmittel?

Man suchte nach Lösungen, auch in Nördlingen. „Dann haben wir einen Lieferdienst auf die Beine gestellt“, sagt Sozialarbeiter Weiß jetzt. Er führt durch den Laden, zeigt auf eine Reihe von Regalen, die an der Wand stehen. Darin stapeln sich Konserven, Nudeln und andere schwer verderbliche Lebensmittel. Sie stammen aus einem Zentrallager der Diakonie, aus Supermärkten oder aus dem Restbestand des CaDW. Auch lokale Unternehmen beteiligen sich; Nördlinger Bäcker beispielsweise stellen wöchentlich Brot zur Verfügung.

130 Haushalte, 130 Tüten, 130 Fahrten

Insgesamt fünf haupt- und ehrenamtliche Helfer stehen jeden Donnerstag und Samstag im Laden und verpacken das, was eben gerade da ist. „Jeder bekommt die gleiche Tüte“, sagt Weiß. Auf Individualwünsche könne nicht eingegangen werden, zu groß sei sonst der Aufwand.

Denn der ist auch so schon enorm. 130 Haushalte im gesamten Ries nehmen das Lieferangebot der Tafel in Anspruch. Das sind 130 Tüten, 130 Fahrten – jede Woche. Die Lieferungen übernehmen fünf Männer der Reservistenkameradschaft Nördlingen, die sich freiwillig gemeldet haben. Jeden Samstag um 10 Uhr kommen sie an den Laden, packen in ihre privaten Autos so viele Tüten, bis nichts mehr hineinpasst und beginnen ihre Tour durchs Ries. „Wir sind ihnen wirklich dankbar“, sagt Weiß. Noch sei das machbar, erzählt er. „Aber sollte die Nachfrage stark ansteigen, müssen wir weitersehen.“ Weiß hält in diesem Falle einen Lieferturnus von 14 Tagen für realistisch.

„Unsere Kunden sind sehr erleichtert“, sagt Weiß. Für viele sei die Tafel die einzige Möglichkeit, einkaufen zu gehen. Zu Beginn der Lieferdienste, am 4. April, hätten rund 60 Rieser Haushalte das Angebot in Anspruch genommen. „Jetzt sind es mehr als doppelt so viele.“ Helmut Weiß freut sich, dass das Angebot solch großen Anklang findet. Doch macht diese Entwicklung auch deutlich: Tafeln sind noch immer systemrelevant, besonders in einer Krise.

Wie sich der Nördlinger Lieferdienst letztlich finanziert, sei indes noch nicht abschließend geklärt, sagt Weiß. Personalkosten fallen keine an, die Mitarbeiter sind Bufdis, Ehrenamtliche und Angestellte der Diakonie. Fahrten zum Lebensmittelzentrallager in Baden-Württemberg und anfallende Gebühren aber müssen die Helfer aus eigener Tasche bezahlen, sie sind auf Spenden angewiesen. Die Kartei der Not als das Hilfswerk der Augsburger Allgemeinen und des Allgäuer Zeitungsverlages unterstützt die Nördlinger Tafel dabei, Lebensmittel einzukaufen und Schutzkleidung für die Ehrenamtlichen zu besorgen. Damit Menschen wie Mechthild Eberl auch weiterhin helfen können.

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