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Oettingen

25.10.2020

Oettinger Missionar: Grabstein mit Weltgeschichte

Eine Grabplatte des Missionars Julius Knogler in der St.-Anna-Kapelle am Rand Oettingens.
Bild: Hermann Engel

Plus Am Weltmissionstag sammelt die Kirche für die ärmsten Gegenden dieser Welt. Die besondere Geschichte eines Oettinger Missionars ist auf einem Grabstein im Nordries zu finden.

Am Weltmissionstag, dem 25. Oktober, sammelt die Katholische Kirche in ihren Gottesdiensten für ihre Arbeit in den ärmsten Gegenden auf dieser Welt. Im Gegensatz zu früheren Zeiten, in denen sich die Missionstätigkeit hauptsächlich auf die Bekehrung zum katholischen Glauben richtete, und oft Vorwürfe von Kolonialismus, Zerstörung von Kulturen und Überheblichkeitsgefühl hervorrief, besteht die Missionsarbeit heute im Bildungsbereich, in der Gesundheitsfürsorge und im Schutz des Lebens.

Neben einer großen Anzahl von historischen Grabsteinen in der Jakobskirche in Oettingen ist auch eine Grabplatte in der außerhalb der Stadt liegenden St.-Anna-Kapelle erhalten, die durch ihre bildliche Darstellungen immer wieder zu Verwunderung und Diskussionen führt. Es handelt sich um die Grabplatte des Missionars Julius Knogler.

Großer Priestermangel nach dem Dreißigjährigen Krieg

Nach dem Dreißigjährigen Krieg herrschte großer Priestermangel. Um diesem Übel abzuhelfen und um die Seelsorge aufrechtzuerhalten, holte die damalige Fürstin Jesuiten nach Oettingen. Sie lebten in einer klosterähnlichen Niederlassung in der heutigen Pfarrgasse 7.

Der Jesuit Knogler wurde 1717 in Gansheim im ehemaligen Herzogtum Pfalz Neuburg geboren. Knogler trat 1737 in den Jesuitenorden ein. Der begabte und strebsame junge Pater versah anfangs verschiedene Aufgabengebiete als Professor an einem Jesuitenkolleg in Solothurn in der Schweiz. Doch an dieser Aufgabe fand Knogler anscheinend keinen Gefallen und im März 1748 stach er vom italienischen Hafen Livorno aus in See, um seine Missionstätigkeit zu beginnen. Durch widrige Umstände erreichte er zusammen mit sechs anderen Missionaren erst im September 1748 den Hafen von Buenos Aires in Argentinien. Von dort ging es in einem mühseligen Fußmarsch in das Innere des Kontinents in den Südteil des heutigen Staates Bolivien.

Briefe Knoglers bezeichnen Oettingen als das "andere Indien"

Durch die Arbeit der Missionare entstand in Paraguay ein Jesuitenstaat, in dem die Jesuiten unter der indigenen Bevölkerung ein christliches Sozialsystem eingeführt hatten und sie so von der spanischen Regierung immer unabhängiger machten. Das gefiel den Spaniern immer weniger. Sie befürchteten einen Staat im Staate. 1767/68 mussten deshalb alle Missionare das Land verlassen. Knogler kehrte nach 20-jähriger erfolgreicher Missionsarbeit nach Deutschland zurück. Er wurde 1770 nach Oettingen versetzt. Neben der Arbeit als Krankenseelsorger betreute er auch die Gemeinden Ehingen und Hirschbrunn. Wohl durch die harte Arbeit als Missionar ausgezehrt, verstarb er am 20. Mai 1772 mit nur 55 Jahren und wurde unter Beteiligung der Bevölkerung, sowohl evangelischer Christen als auch Katholiken, auf dem Friedhof St. Anna begraben, um nach eigenem Wunsch bei den Ärmsten der Armen zu liegen.

Briefe Knoglers an seine Schwester berichten von der damaligen Situation in Oettingen. Er bezeichnet Oettingen als das andere „Indien“ und schreibt: „Man könnte auch viel Gutes tun zu Ehren Gottes, wenn nur die Leute nicht gar so arm wären. Alles schreit nach Brot. Die Hungersnot wird immer größer, dass ich mich fürchte aus dem Haus zu gehen, um die vielen Klagen nicht anhören zu müssen, da ich doch nicht helfen kann.“

Ein einzigartiges Oettinger Kulturdenkmal

Ein Brief Knoglers an einen Freund ist ein weiteres Zeitdokument, wird heute kontrovers diskutiert und hat einen negativen Beigeschmack. Er bezeichnet seine Missionstätigkeit als „geistliche Jägerei, weil man die Indianer mit Fug und Recht Waldmenschen nennen kann, weil sie in großen Wäldern nicht anders als wilde Tiere leben“. Solche Äußerungen hört man heute nicht mehr gerne. Man tut Knogler aber Unrecht. Ansichten und Ausdrucksweisen haben sich in den vergangenen Jahrhunderten, wie so vieles, geändert. Knogler war auch mutig. Seine Grabplatte zieren für die damalige Zeit ausgefallene, in Stein gemeißelte exotische Darstellungen. Ein kelchtragender Engel ist mit einem Federkopfschmuck und dem Federrock eines Indianers abgebildet. Auf seinem Rücken trägt er einen Köcher voller gefiederter Pfeile und ist mit einem Bogen bewaffnet. Der andere Engel trägt unter anderem Pilgerstab und Pilgerflasche. Wer Indianer zu Engeln macht, kann kein Rassist sein.

Wenn ein Grabstein seine Geschichte erzählt, sollte man hinhören, denn es ist selten, dass Grabsteine mehr als nur stumme Zeugen fast anonymer Sterblichkeit sind. Der Grabstein von Julian Knogler ist eine Rarität und ein einzigartiges Oettinger Kulturdenkmal.

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