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Online-Vortrag
21.04.2021

Seit 1434 jüdisches Leben in Hainsfarth

Das Ensemble der ehemaligen jüdischen Synagoge in Hainsfarth, wie es sich heute darstellt.
Foto: Hermann Waltz

Gerhard Beck referiert über die Geschichte der Juden in der Region

Der für den Sonntag-nachmittag geplante Rundgang mit Anke Wäcken „Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Hainsfarth“ wurde am gleichen Abend als Online-Vortrag von Gerhard Beck angeboten.

Mit der Urkunde von 1331 erteilte Kaiser Ludwig der Bayer dem Oettinger Grafen Ludwig VI. das Recht, Juden unter seinen Schutz zu nehmen. So entstanden im Ries zum Beispiel in Oettingen, Hainsfarth, Steinhart, Wallerstein und Kleinerdlingen die ersten Judenansiedlungen. Seit 1434 ist jüdisches Leben in Hainsfarth urkundlich bezeugt. Damit gehörte diese israelitische Gemeinde neben Oettingen und Wallerstein zu den ältesten im Ries. Die Grafen von Oettingen förderten die Ausbreitung und das Wachstum der jüdischen Gemeinde in Hainsfarth. 1616 übernahmen Juden das sogenannte Freihaus, das ehemals im Besitz eines Oettingischen Beamten war, und begannen damit, jüdisches Leben in Hainsfarth zu integrieren. In diesem Zusammenhang ist auch der Bau einer ersten Mikwe für rituelle Waschungen zu sehen.

Im 18. Jahrhundert wuchs die jüdische Gemeinde allmählich sehr stark an und bildete über hundert Jahre lang im Ort die stärkste Glaubensgruppe. Um 1840 war fast die Hälfte der Bevölkerung jüdischen Glaubens. Man wohnte aber nicht in Ghettos, sondern in der Nachbarschaft zu den christlichen Bewohnern und war auch im dörflichen Leben integriert. 1667 ist bereits ein Schulmeister bezeugt: Denn Bildung und Sprachenkenntnisse waren für die Juden von grundsätzlicher Bedeutung, einerseits, um möglichst früh die biblischen Texte lesen zu können, andererseits, um für die Handelsschaft/den Hausiererhandel gewappnet zu sein. Nach dem Judenedikt von 1813 durch den bayerischen König standen den Juden auch die angesehenen Handwerksberufe offen. Dennoch blieben sie meist ihrem Handelsgewerbe treu, das streng reglementiert zu einer erdrückenden Konkurrenzsituation unter den Juden selbst führte. Zur Erfüllung ihrer Religionsgesetze besaß die Gemeinde immer schon den Schächter, Bäcker, Schneider und Buchbinder.

Mit dem Judenedikt von 1813 wurde die Einführung von Familiennamen Pflicht. Ein Bethaus ist bereits für das 18. Jahrhundert bezeugt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden eine Schule und eine neue Mikwe errichtet. 1850 wurde ein eigener Friedhof angelegt, nachdem vorher die Verstorbenen in Wallerstein beigesetzt worden waren. Im 19. Jahrhundert zogen viele Hainsfarther Juden in die Großstädte und nach Amerika. Bekannte Personen wie der kalifornische Multimillionär Michael Ries, der Münchner Bankhausgründer Heinrich Aufhäuser oder die Schauspielerin Therese Giehse hatten ihre Wurzeln in Hainsfarth. Übrig blieb eine überalterte und geschrumpfte Gemeinde. Das Ende bildete 1942 die Deportierung der letzten jüdischen Einwohner Hainsfarths in das Vernichtungslager Theresienstadt.

In den Jahren 1993 bis 1996 wurde die 1860 eingeweihte Synagoge unter großem Einsatz von Bürgermeister Max Engelhardt, seinem Gemeinderat und Architekt Wolfgang Obel restauriert. Die Synagoge als Zentrum jüdischen Lebens wurde im Dritten Reich geschändet und führte bis in die 1990er Jahre ein trauriges Dasein. Sie bildet heute zusammen mit der 2016 bis 2018 renovierten jüdischen Schule, dem Friedhof und den vermutlichen Resten einer alten Mikwe ein wunderbares Ensemble, das an die bedeutende jüdische Geschichte in Hainsfarth erinnert.

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