Kunst

22.05.2017

Orgel trifft Hip Hop

Das HipOrgue-Experiment fand in der Nördlinger St. Georgkirche großen Beifall und darum kann die Idee des Organisten Serge Schoonbrodt, Orgelmusik von J. S. Bach und Kollegen in Tanz zu übersetzen, als gelungen beurteilt werden. Die tänzerische Umsetzung lag bei der zeitgenössischen Tanzkompanie „Irene K.“ , unter der künstlerischen Leitung von Irene Borguet-Kalbusch, mit professionellen Tänzern verschiedener Nationalitäten.
Bild: Mayer

In Sankt Georg gelingt ein ungewöhnliches Experiment – das Zusammentreffen zweier vermeintlich unvereinbarer Elemente der Kunst

Hip Hop und klassische Orgelmusik passen im Grunde zunächst überhaupt nicht zusammen. Wenn man vor wenigen Jahren ein Orgelkonzert mit Hip Hop in einer evangelischen Kirche angesetzt hätte, wäre ein Sturm der Entrüstung entfacht worden. Zu Hip Hop gehören allgemein Rapper- oder bestenfalls Funk- und Soulmusik oder auch Breakdance, die zur Subkultur unserer Zeit zählen. Deshalb muss man dem Organisten und Erfinder von „Hip Orgue“ Serge Schoonbroodt bescheinigen, dass sein Experiment, Orgelmusik von Bach und Kollegen mit „Hip Hop Dance“ zu verbinden, sehr gewagt ist, und dem Nördlinger Kirchenmusiker Udo Knauer, dass er mit der Aufnahme in sein Jahresprogramm viel Mut gezeigt hat. Damit gingen beide in gewisser Weise neue Wege. Spätestens beim überaus großen Beifall des Publikums war aber klar, dass das Experiment, – zumindest in Nördlingen – gelungen ist.

Sogar eine offenbar nicht vorgesehene Zugabe wurde, als der Beifall nicht aufhören wollte, vom Organisten und der Tanzkompanie Irene K. kurzfristig organisiert. Dabei wurde dem Zuschauer eigentlich erst so richtig klar, dass diese moderne Art des Tanzes offenbar keine feste Choreografie erfordert, sondern eher Intuition und Musikgefühl, um die Musik und den Tanz zu verschmelzen. Die Improvisation spielt offenbar eine große Rolle, die dem modernen Tanz auf der Bühne gegenüber dem traditionellen Ballett einen großen Schub verliehen hat.

Die Körpersprache des Tänzers wendet sich intuitiv der Musik zu und verleiht dieser eine große Lebendigkeit. Bachs Musik, die durch ihre harmonischen Grundlagen viele moderne Kompositionen beeinflusste, eignet sich mit ihrer Ausdrucksstärke dazu, Musik in tänzerische Bewegungen umzusetzen. In J. S. Bachs „Passacaglia“ wechselten die Tänzer rasch die Plätze, in dem Maß, wie sich die Intensität des Stücks steigerte. Hier blickt der erstaunte Zuseher wie auf ein modernes abstraktes Gemälde, dessen Bedeutung er mit seinen Gedanken erfassen muss. Auch bei „Pari Intervallo“ von Arvo Pärt bleibt die Deutung der Körper- und Fingerbewegungen dem Betrachter überlassen, – meditative Andacht oder Trauer?

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Die Orgel verdrängte mit einem Forte solche Gedanken, die Bewegungen der Tänzerin wurden schneller und verschlangen sich nahezu ineinander. „Carillon de Longpont“ des Pariser Notre Dame Organisten Louis Vierne, eine Imitation des Glockengeläuts, setzten drei Tänzer unter Ausnutzung des gesamten Chorraums und darüber hinaus mit hoher Energie um. Und wieder war es J. S. Bach mit dem Choral „Erbarm dich mein“, der die Vorlage für eine weitere Tanzimprovisation lieferte.

Insbesondere bei der „Toccata“ von Léon Boellmann, ein sich bis ins Furiose steigerndes Monumentalwerk der Romantik, erwies sich Serge Schoonbrodt als exzellenter Organist, der offensichtlich seine Freude am Wechsel zwischen den beiden St. Georgs-Orgeln fand. Eindrucksvoll klang seine Improvisation mit rufender Stimme durch den weiten Kirchenraum. Der Höhepunkt der Aufführung war zweifellos die tänzerische Interpretation der bekannten „Toccata und Fuge in d-Moll“ von J. S. Bach durch einen Solotänzer, in einer absoluten Übereinstimmung von Körper und Orgelklang. Erfreulich, dass ein solches Erlebnis in der Nördlinger St. Georgskirche möglich war.

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