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Nördlingen

20.11.2017

Pfarrer missbrauchte Minderjährigen: Neue Details über Fall bekannt

Die Kirche St. Salvator in Nördlingen: Der Nördlinger Stadtpfarrer und Dekan Paul Erber hat zugegeben, einen Jungen sexuell missbraucht zu haben.
Bild: Dieter Mack (Symbolbild)

Nach dem Geständnis des Dekans und Nördlinger Stadtpfarrers werden Einzelheiten klar. Strafrechtliche Konsequenzen drohen dem Geistlichen wohl nicht.

Die schockierende Nachricht des vergangenen Sonntags begreifen viele Rieser Gläubige und Weggefährten des in den Ruhestand versetzten Stadtpfarrers Paul Erber noch immer nicht. Der 68-Jährige hat zugegeben, einen Minderjährigen in seiner früheren Wirkungsstätte im Unterallgäu sexuell missbraucht zu haben. Den Gläubigen ist, wie berichtet, die Straftat vor dem Sonntagsgottesdienst vorgelesen worden, aus einem Brief des Bischofs Dr. Konrad Zdarsa. Wie die Staatsanwaltschaft Memmingen mitteilt, ist der Missbrauch am 13. November von der Missbrauchsbeauftragten des Bistums Augsburg angezeigt worden. Das Schreiben des Opfers, mit dem es sich offenbar an das Bistum gewandt hat und das am 6. November eingegangen sein soll, lag bei.

Inzwischen ist bekannt, was konkret vorgefallen sein soll. Wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft Memmingen, Thomas Hörmann, auf Nachfrage unserer Redaktion sagt, hat der Geschädigte angegeben, dass Erber ihn zwischen 1983 und 1988 mehrfach „oberhalb der Kleidung“ berührt haben soll, so die Formulierung aus Justizkreisen. Der Jugendliche war also angezogen. Es handelt sich nach weiteren Angaben der Staatsanwaltschaft nicht um schweren sexuellen Missbrauch, also nicht um Geschlechtsverkehr, sondern um sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen. Ob Erber den Jungen in den Räumen des Maristenkollegs in Mindelheim angefasst haben soll oder außerhalb der Schule und des Internats, ist nach Auskunft des Bistums bislang nicht bekannt.

Der Bub soll im Tatzeitraum über 14 Jahre alt gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft bestätigt zudem, dass die Straftat inzwischen verjährt ist. Die Frist habe in diesem Fall bei zehn Jahren gelegen. Die Staatsanwaltschaft kann somit den sexuellen Missbrauch nicht mehr verfolgen.

„Solche Handlungen werden heute wesentlich gravierender gesehen als damals“

Seit Montag ist Erber, nachdem er den Stellenverzicht angeboten hatte, von seinem Amt als Stadtpfarrer und Dekan entpflichtet. Der Wallersteiner Pfarrer Jürgen Eichler, bis Sonntag Prodekan, übernimmt kommissarisch das Nördlinger Dekanat. Der Oettinger Stadtpfarrer Dr. Ulrich Manz soll die vakante Stelle besetzen, die Eichler zurücklässt.

Welche Strafe den 68-Jährigen vor der Verjährung erwartet hätte, lässt sich unter den teilweise unklaren Umständen noch nicht genau sagen. Klar ist aber, und das sagt Gerhard Schamann, stellvertretender Direktor am Amtsgericht Nördlingen: „Solche Handlungen werden heute wesentlich gravierender gesehen als damals.“

Wie die Rieser Nachrichten erfahren haben, soll das Opfer, das nicht mehr in Deutschland lebt, den Fall erst nach Jahrzehnten angezeigt haben, weil es erst jetzt den Mut gefunden habe, um über den Missbrauch zu sprechen.

Der Sprecher des Bistums Augsburg, Karl-Georg Michel, teilt mit, dass das Bistum im Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger „klare Leitlinien“ befolge. Darin sei festgehalten, dass Opfer sexuellen Missbrauchs „besonderer Achtsamkeit bedürfen“. Ein Arbeitsstab sei derzeit auch für den Missbrauchsfall des Nördlinger Pfarrers in Mindelheim eingebunden. Über die kirchenrechtlichen Folgen werde schließlich der Vatikan in Rom entscheiden. Möglich seien kirchliche Strafverfahren.

Am Maristenkolleg gab es weitere Missbrauchsfälle

Der erste Fall von sexuellem Missbrauch, der am Maristenkolleg in Mindelheim öffentlich wurde, stammt aus dem Jahr 2007. Ein Erzieher soll sich mindestens an zehn Jungen vergangen haben. Die Maristen haben allerdings erst 2010 eingeräumt, dass ein Mitbruder 2008 wegen sexuellen Missbrauchs eines Internatsbuben verurteilt worden ist. Beim Täter handelte es sich um den damaligen Leiter des Internats. Die Informationspolitik wurde damals hart kritisiert. Im März 2010 sollen sich nach weiteren Informationen unserer Redaktion weitere Personen bei Behörden und Medien gemeldet haben. Insgesamt zählten die Maristen in einem umfassenden Bericht 25 Personen, die von sexuellem Missbrauch und Gewalt betroffen waren.

Gottfried Wesseli, heutiger Leiter des Maristengymnasiums, ist deutlich anzumerken, wie sehr ihn das alles mitnimmt. „Das verschlägt einem wirklich die Sprache.“ Erber arbeitete von 1983 bis 1996 am Maristeninternat und den angeschlossenen Schulen. Dem Leiter zufolge genoss er dort hohes Ansehen.

Auch der Nördlinger Oberbürgermeister Hermann Faul ist bestürzt über die Nachricht und die Gründe für den Amtsverzicht des Dekans, die er schon am Samstag erfahren hat. Einerseits habe er großes Mitgefühl für das Opfer. Andererseits habe er Paul Erber als vertrauensvollen und fleißigen Menschen kennengelernt. „Mir tut das unfassbar leid für den Dekan“, sagt Hermann Faul. Erber habe sich teilweise auch über die Grenzen hinaus für seine Aufgaben eingesetzt und war „ein wichtiger Baustein“. Die Tat sei als solches nicht mehr zu löschen, sagt er weiter. Doch als Christ solle man den „Weg des Verzeihens“ gehen.

Wie berichtet, plant die Diözese einen Gesprächsabend, bei dem sich die Gläubigen austauschen können. Ein Termin steht allerdings noch nicht fest. Die Diözese will kurzfristig informieren. mit baus

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

29.11.2017

Ich war von 1986 bis 1990 in Mindelheim im Internat, und selbst von den Übergriffen des späteren Internatsleiters betroffen. Das habe ich sowohl an die Staatsanwaltschaft Memmingen als auch an die Missbrauchskommission der Bundesregierung berichtet, beides folgenlos für den Täter aber für mich befreiend.

Dass nun auch der Priester damals Kinder begrapscht hat, passt einerseits ins Bild, andererseits macht es mich wieder fassungslos. Was wird noch ans Licht kommen?

Die Situation im Internat war für die Täter ein Traum: Große Menge von Jungen von 10 bis erwachsen, und oft wegen familiärer oder persönlicher Probleme weg von zu Hause und im Internat; viele Kinder hatten also wenig Rückhalt durch eine funktionierende Familie. Dann die Atmosphäre von Respekt und Gehorsam und religiösem Brimborium, und plötzlich baut ein Erzieher ein Vertrauensverhältnis auf. Man fühlt sich angenommen und bedeutend; der Erzieher benutzt dies aber nur um den Übergriff durchzuführen.

Danke an die Augsburger Allgemeine für die Berichterstattung

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21.11.2017

Liebe Frau Oetken,

sehr schön analysiert. Auch gegenüber mir war Paul Erber - seinerzeit Kaplan - sexuell übergriffig. Nur einmal und ich habe dies im Alter von 17 Jahren zurückgewiesen. Aber der Schaden war da, ich bin nun 55 Jahre alt, aber ich frage mich nun schon seit vielen Jahren, ob es vielleicht nicht noch viel mehr Opfer gibt, weil ich damals nicht so weit war, irgend jemanden etwas davon zu erzählen.

Meinerseits, mea culpa.

Hermann Keßler

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22.11.2017

Es wäre Ihnen damals, vor knapp 40 Jahren vermutlich schlecht bekommen, irgendjemandem von dem Übergriff zu berichten Herr Keßler.

Dazu:

„Ja, Herr Deckers, so wie in Hildesheim keine Krähe der anderen ins Auge hackt, so ist es wohl auch in der übrigen Kirche?- Der mutmaßliche Täter Janssen, längst tot; ebenso der Vertuscher und Nachfolger im bischöflichen Amt Homeyer. Dessen Nachfolger, der wenigstens noch kraft seiner Autorität Reste der Straftat hätte ans Licht bringen können, seit ein paar Wochen unwissend wie die drei entsinnlichten Affen im Ruhestand! Und die Opfer? - Wer weiß denn schon ob sie nicht gerade jetzt selbst das Bistum führen? Nur so würde der Begriff „organisationskulturelle Probleme“ überhaupt Sinn machen - weil sie in Amt und Würden bestens gefüttert einander Unschuld zuschanzen. Und jene schwächeren Opfer, die es nicht zu diesem Futterplatz geschafft haben, sie haben in den Augen der Stärkeren und der so genannten unabhängigen Begutachterseite aus dem Schoße des Münchner Kardinal Marx, es eben wohl nicht kapiert, wie die „institutionelle Selbstgewissheit“ einer Papst-Kirche funktioniert?“ Forist Clemens Oppermann, eingestellt am 17.10.2017 um 16:46 Uhr. Artikel: Daniel Deckers, „Gegen die Kirche“, FAZ http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/missbrauch-kommentar-gegen-die-kirche-15249256.html

Viele Grüße von

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

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22.11.2017

Aus der speziellen Rekrutierungsmethode für Nachwuchs ergeben sich für den Klerus gewichtige Vorteile.

"Zudem, so Westpfahl, hätte die Kirche zur Vertuschung von Missbrauchsfällen auch gezielt sexuelle Tabus und ein "besonderes Erpressungspotenzial" solcher Themen genutzt."

https://www.heise.de/tp/news/Gutachten-zum-Sonntag-2010796.html

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21.11.2017

"Andererseits habe er Paul Erber als vertrauensvollen und fleißigen Menschen kennengelernt"

Schulleiter Wesseli ist sich bestimmt darüber im Klaren, dass dies für Missbrauchstäterinnen und -täter typisch ist. Wie viele Suchtkranke auch, versuchen diese SexualstraftäterInnen sich einen sozialen Vorteil zu verschaffen, um ihr defizitäres Verhalten vor ihren Mitmenschen zu verbergen.

Wie viele Missbrauchsfälle wurden eigentlich die vergangenen Jahrzehnte über an der Einrichtung dokumentiert? Wer hat einen Überblick, welche Einträge in den Personalakten gemacht worden sind? Was wurde an das Bistum und ggf. nach Rom weitergeleitet?

Hält das Maristengymnasium ein Präventionskonzept vor? Falls ja: wird das von unabhängiger Stelle aus supervidiert?

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen erwachsenen Menschen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

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