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Amtsgericht Nördlingen

25.11.2019

Prozess: Das Opfer schwieg, der Zeuge nicht

In Nördlingen stand ein 29-Jähriger vor Gericht.
Foto: Alexander Kaya (Symbolbild)

Ein Streit eskaliert, ein besorgter Nachbar gibt den Ausschlag zur Verurteilung.

Die Beziehung ist in eine völlig verfahrene Situation geraten: Immer wieder streiten ein heute 29-Jähriger und seine 30-jährige Ex-Freundin in deren Nördlinger Wohnung heftig. Bei einer Auseinandersetzung stößt er sie zwei Mal, sie verletzt sich und er wird im Januar wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu einer Haftstrafe mit Bewährung verurteilt.

Zwei Tage nachdem das Urteil rechtskräftig wird, kommt es zur nächsten Eskalation: Der Mann klingelt bei der Ex-Freundin und will mit ihr reden, doch sie lässt ihn nicht herein. Da klettert er über den Balkon und dringt von dort ins Haus ein. Wieder bricht ein heftiger Streit aus und es wird so laut und grässlich geschrien, dass eine Nachbarin aus dem Nebenhaus besorgt ihren Freund anruft, der gerade in der Stadt unterwegs ist. Der kommt sofort. Als Zeuge schildert er in der Verhandlung vor dem Nördlinger Amtsgericht unter Vorsitz von Richter Gerhard Schamann, was er erlebt hat: „In beiden Häusern waren Fenster und Rollos verschlossen, aber es hörte sich an, als fände der Streit nicht im Nebenhaus, sondern in einem Zimmer nebenan statt.“ Er geht hinüber, hört draußen, wie der Mann schreit: „Ich bringe dich um, du Schlampe!“

Die Polizei nimmt den Eindringling fest

Daraufhin ruft er die Polizei, die sofort eintrifft und den Eindringling im Nachbarhaus festnimmt. Vor Gericht wird die Klärung der Situation problematisch: Die angegangene Frau sagt, sie kann sich nicht erinnern, dass der Ex-Freund den vom Zeugen gehörten Satz gesagt habe, mit dem rein juristisch die Tatbestände von Beleidigung und Bedrohung erfüllt gewesen wären. Bei der Polizei machte sie keinerlei Aussage, stellte keine Anzeige und verlangte auch keine Kontaktsperre. Bei ihrer Zeugenaussage vor Gericht wirkt die Frau sehr selbstbewusst und nicht eingeschüchtert.

Da sie keine Anzeige stellte, kommen der Hausfriedensbruch und die Beleidigung nicht zur Verhandlung. Die Bedrohung aber ist ein Offizialdelikt, dem Staatsanwalt Marius Lindig auf jeden Fall nachgehen muss. Der Angeklagte leugnet, die Beleidigung und die Bedrohung je ausgesprochen zu haben: „Ich würde mich schämen, so etwas zu sagen.“ Sowohl Staatsanwalt als auch Richter haben keinen Zweifel an der Aussage des Nachbarn, dass dieser den Satz „Ich bringe dich um, du Schlampe“ gehört hat.

Richter Schamann lobt den Zeugen ausdrücklich für sein beherztes Vorgehen: „Respekt, dass sie sich eingesetzt und nicht Augen und Ohren zugehalten haben.“ Bei der Frage der Strafzumessung gehen die Ansichten auseinander: Staatsanwalt Lindig fordert angesichts der offenen Bewähren und des extrem schnellen Rückfalls nach der kurz zuvor erfolgten Verurteilung eine Haftstrafe von sechs Monaten ohne Bewährung.

Angeklagter hat Anti-Aggressions-Therapie gemacht

Strafverteidiger Thomas Aubele fordert Freispruch, da ja nicht einmal das Opfer die entscheidenden Worte im Streit gehört hatte und seiner Ansicht nach kein Grund ersichtlich war, warum sie lügen sollte.

Richter Schamann verhängt eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 40 Euro, also 4800 Euro. „Ich hätte eine Haftstrafe von vier Monaten für angemessen gehalten; das Gesetz sieht vor, dass Haftstrafen unter sechs Monaten in Geldstrafen umgewandelt werden sollen“, begründet er sein Urteil.

Er hielt dem Angeklagten zugute, dass dieser mittlerweile eine Anti-Aggressions-Therapie erfolgreich abgeschlossen hat; vor Gericht wirkt der Mann umgänglich. Zum Zeitpunkt der vorgeworfenen Bedrohung konnte die Therapie laut Schamann noch keine Wirkung zeigen, da sie erst unmittelbar zuvor begonnen worden war. „Mit dem Urteil sind wohl beide Seiten unzufrieden“, stellt Richter Schamann noch fest.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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