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Kirche

03.11.2018

Reformation befeuerte die Demokratie

Regionalbischof Michael Grabow bei seinem wohl letzten öffentlichen Auftritt in Nördlingen. Er geht Ende des Jahres in Ruhestand.
Bild: Ronald Hummel

Regionalbischof Grabow sprach in der Sankt Georgskirche

Luther war kein Demokrat und hielt es mit den Fürsten, über die Kieler Matrosenaufstände und die Demokratisierung vor 100 Jahren waren beide Kirchen entsetzt, die Evangelische Kirche bekannte sich erst 1985 ausdrücklich und offiziell zur Demokratie. Und dennoch legte die Reformation entscheidende Grundsteine unserer heutigen Demokratie.

So erinnerte der evangelische Regionalbischof Michael Grabow beim Festabend zum Jahrestag in der Nördlinger Sankt-Georgs-Kirche daran, dass Luther die Gewaltenteilung einführte, wobei der Kirche auch weltlicher Einfluss, dem Staat aber das Gewaltmonopol und die Gesetzgebung zustand. Auch die Glaubensfreiheit ermöglichte er – vom Streben des Kaisers nach einem einheitlichen Glauben brachte die Reformation ab und gestand den Landesherren die Glaubenswahl zu. Die Untertanen ihrerseits konnten den Herrschaftsbereich verlassen, wenn der dortige Glaube nicht mit ihrem Gewissen vereinbar war; unter anderem gab es großen Zustrom in die freien Reichsstädte. Diese Regelung funktionierte wiederum, weil der Staat erstmals Toleranz gegenüber der freien Glaubenswahl aufbrachte – nicht immer und überall, aber der Anfang war gemacht.

Die Bildung, Grundlage jeder Demokratie, war Luther extrem wichtig. Damit jeder Gottes Wort verstehen und verinnerlichen konnte, übersetzte er die Bibel auf deutsch, wonach unter anderem mehrere Bauernfamilien jeweils eine Bibel kauften. Luther pochte auf die Schulpflicht nicht nur für eine Bildungselite in den Städten, sondern für alle Menschen, Jungen und Mädchen. Die erste weibliche Schulleitung 1560 in Cham ist als historische Sensation anzusehen, so Grabow. Auch der Sozialstaat wurzelte in der Reformation, die statt erbettelter Almosen geregelte Unterstützung mit Rechtsanspruch für alle Bedürftige einführte. Vor allem in nordischen, seit jeher evangelischen Ländern, habe sich der Sozialstaat bis heute am konsequentesten entwickelt. Auch das Subsidiaritäts-Prinzip entstammt laut Grabow der Reformation als Maxime der Eigenbestimmung, die dem Staat nur die Aufgaben überlässt, die auf den unteren Ebenen nicht bewältigt werden können. So entstanden die Freiräume für das kirchliche soziale Engagement als Basis der demokratischen Gesellschaft, wo der Einzelne möglichst viel soziale Verantwortung trägt. „Heute ist es selbstverständlich, dass jeder Christ Demokrat ist“, schloss der Landesbischof als Fazit. „Lassen sie uns nicht nachlassen, die Demokratie zu verteidigen.“

Dekan Gerhard Wolfermann hielt die Andacht, in die der Festabend eingebettet war; die musikalische Ausgestaltung lag bei den Posaunenchören der evangelischen Kirchengemeinden Enkingen, Grosselfingen und Möttingen unter Leitung von Marlene Bissinger. Auf der Orgel spielte Elisabeth Koerber.

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