Newsticker
10.000 Impfdosen stehen bereit: Bayern beginnt mit Impfungen für Polizisten
  1. Startseite
  2. Lokales (Nördlingen)
  3. Rudi Beck: „Ich war ein richtiger Mess’-Bua“

Erinnerungen

19.01.2019

Rudi Beck: „Ich war ein richtiger Mess’-Bua“

1963 war Rudi Beck extra auf den Daniel gestiegen, um die letzte Altstadt-Mess für sein Erinnerungs-Album zu fotografieren.
Bild: Ronald Hummel

Der frühere Chef des Schuhhauses Dippel Rudi Beck erzählt, was er beim Volksfest in der Altstadt erlebte.

Bei seinem Neujahrsvortrag berichtete Stadtarchivar Dr. Wilfried Sponsel von persönlichen Erinnerungen an die Mess’ in der Nördlinger Altstadt. Also fragten die Rieser Nachrichten das Nördlinger Original Rudi Beck, bis vor wenigen Jahren Chef des Schuhhauses Dippel und gefeierter Schauspieler auf der Freilichtbühne Alte Bastei, wie er Kindheit und Jugend mit der Mess’ vor der Haustür erlebte – er arbeitete damals im elterlichen Friseurgeschäft in der Berger Straße.

„Ich war ein richtiger Mess’-Bua“, schildert er, wie er sich jede freie Minute in den Rummel stürzte: „Sobald ich 50 Pfennig Trinkgeld in der Tasche hatte, war ich vorne am Weinmarkt, drehte eine Runde in Menzel’s Autoscooter und ging dann wieder zurück zur Arbeit.“ Vom ersten bis zum letzten Tag machte Rudi Beck die Nachkriegs-Mess’ in der Altstadt mit, als sie 1947 erstmals wieder stattfand, war er sieben Jahre alt, mit seinen Freunden genoss er die Attraktionen.

Am Weinmarkt gab es den "Rotor"

So gab es ebenfalls am Weinmarkt den „Rotor“, eine Zentrifuge, in der man durch die Fliehkraft an die Wand gedrückt wurde, dann klappte der Boden weg und nur noch Musiker blieben in der Mitte sitzen. Der Besitzer ließ Beck und seine Kumpane -zig Mal umsonst fahren unter der Bedingung: „Buben, schreit recht laut, dann kommen die Leute.“ Am Brettermarkt warteten die Steilwandfahrer Kitty und Pit mit einem Motorrad und einem zwei Meter langen Spezial-Auto, das wie ein Mercedes-Silberpfeil aussah. „In der Steilwand fuhren sie verbrecherische Manöver in Schlangenlinien auf gegenläufigem Kurs“, lacht Beck noch heute herzlich, wenn er daran denkt. Rund ging es auch im Riesenrad und dem Kettenkarussell, auf der Schiffschaukel und der legendären Zugspitzbahn, die heuer zur Jubiläums-Mess’ wiederkommen soll. Viele Geschäftsleute aus Nördlingen und von außerhalb hatten Stände in den Gassen der Stadtmitte, die Bauern schoben ihre Einkäufe vom Muskatnuss-Reibeisen bis zur blauen Schürze, von Strohhut oder Schildkappe bis zur Kittelschürze grundsätzlich bis zur Mess’. An den Sonntagen waren die Geschäfte offen: „Am zweiten Sonntag war mehr los, da war der Großteil der Heuernte eingebracht.“

Ein etwas anderer Beweis für die Qualität seiner Rasierklingen

Die Leute schoben sich dann in Strömen durch die Straßen, im Dehlergarten und der zugehörigen Wirtschaft war immer der Platz knapp, Anlass für so manche Raufereien, die an der Tagesordnung waren. Unter den Händlern waren berühmte Originale wie der Vater des heute noch aktiven Billigen Jakobs Georg Huber, der als Härtetest schon einmal mit der Drahtbürste über die Strumpfhosen fuhr. Jeden Morgen ließ er sich im Friseurgeschäft Beck rasieren um dann am Stand die jungen Frauen über seine glatte Gesichtshaut streichen zu lassen – als Beweis für die Qualität seiner Rasierklingen.

Ein sehr beleibter Gardinenhändler rief bei jedem Verkauf marktschreierisch: „Schoooon wieder eine weg!“; der Pfeifen-Jakob bei der Alten Wache konnte mit seinen Gaumen-Pfeifchen alle Vogelstimmen nachträllern, von den Kunden brachten höchstens zwei von zehn einen Ton heraus. Das Toni Reiter-Eis aus München gegenüber dem Goldenen Lamm war so begehrt, dass unabhängig von Tageszeit oder Wetter zehn bis 15 Leute Schlange standen – Rudi Beck drängelte sich als Bub immer wendig nach vorne. 1964 wurde die Mess’ dann auf die Kaiserwiese verlagert und veränderte damit ihren Charakter: „Vorher war es eine heimelige, fast regionale Veranstaltung, wo nur Rieser waren, die sich großteils kannten“, erinnert sich Beck. Doch die neue Verbraucherausstellung mit zehn, fünfzehn Ständen lockte, begünstigt von der aufkommenden Motorisierung, Menschen bis von Augsburg, Dillingen oder Ulm an. Die Mess’ in ihrer heutigen Form als eines der bedeutendsten Volksfeste Schwabens war geboren.

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren