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Amtsgericht

07.12.2013

Schränke voller Diebesgut

Rentnerin muss für 17 Monate ins Gefängnis. Richter: Sie ist eine notorische Diebin, voll schuldfähig und unverbesserlich

Nördlingen Es war filmreif, was die damals 64-jährige Nördlingerin auf dem Künstlermarkt im Frühjahr vergangenen Jahres abzog: Sie stahl zwei Ringe an einem Schmuckstand, der Standbesitzer bemerkt es, stellt sie zur Rede und sagt, er werde die Polizei rufen. Die Frau bittet darum, ihren Mann holen zu dürfen, der in einem Café auf sie warte. Die Frau des Standbesitzers begleitet sie, merkt aber schnell, dass die Diebin nur die Flucht im Sinn hat. Sie will mit ihr zurück zum Stand.

Die Rentnerin versucht es mit Bestechung, bietet zehn Euro an; als das nichts hilft, wird sie aggressiv, schlägt mit einem Gartenzierstab um sich und verletzt die Händlerin. Beim Handgemenge entreißt diese der Diebin die Handtasche in der Hoffnung, sie damit zurück an den Stand zu bringen. Doch jetzt dreht die 64-Jährige den Spieß um und schreit, sie werde bestohlen, muss aber notgedrungen mit zurück zum Stand. Dort wartet bereits die Polizei. Die Diebin will erneut weglaufen und kann nur mit Mühe ins Polizeiauto gesetzt werden. Als ein Beamter kurz abgelenkt wird, flüchtet sie aus dem Wagen, der Polizist verfolgt sie durch die Innenstadt. Sie wehrt sich, schreit, bis ihr schließlich mit Gewalt Handschellen angelegt werden. Auf der Wache weigert sie sich, ihre Personalien anzugeben, erlaubt aber schließlich die Durchsuchung ihrer Wohnung ohne richterlichen Beschluss.

„So etwas habe ich noch nie gesehen“, staunt der erfahrene Nördlinger Polizeibeamte in der Verhandlung vor dem Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Helmut Beyschlag: „Alle Schränke quollen über; darin lagen zum Beispiel 20 Geldbörsen und vier Bügeleisen, alles original verpackt.“ 200 verschiedene Produkte, vermutlich alles Diebesgut, stellt die Polizei sicher. „Das ist nur die Spitze vom Eisberg“, räumt die Frau später ein: Was keinen Platz mehr hatte, warf sie nämlich einfach weg.

Bis zum Verfahrensbeginn leugnet sie jedoch, wiegelt ab, zeigt kein Schuldbewusstsein. Dann, als Richter Beyschlag ihr das Wort erteilt, die überraschende Wende: Sie weint, sackt auf der Anklagebank zusammen, jammert, wie sehr sie unter diesem krankhaften Drang zum Stehlen leide. Ihr Mann schäme sich, durch die Fußgängerzone zu gehen, aus allen Vereinen sei sie ausgetreten. Doch jetzt habe sie es eingesehen und sich in Therapie eines Nördlinger Psychologen begeben; der bescheinige ihr auch Besserungstendenzen.

„Alles Theater“, attestieren die drei Gutachter, die ihr gegenübersitzen – es gehöre zu ihren Wesenszügen, immer die Reuige zu spielen, sobald die Gefahr einer harten Strafe drohe. Und das war oft der Fall – 30 Jahre lang ist sie schon auffällig, neun Einträge hat sie im Strafregister, etliche Bewährungsstrafen, ein aktueller Fall vom vorletzten Monat ist auf dem Weg zum Staatsanwalt. Alle drei Gutachter, zwei vom Bezirkskrankenhaus Günzburg, sind sich einig: Es liegt nicht ansatzweise eine psychische Erkrankung oder eine seelische Abartigkeit vor. Sie ist eine impulsive Persönlichkeit, normal intelligent, geht planvoll und nicht krankhaft verwirrt vor. Kurz: Sie ist voll schuldfähig. Das Gefälligkeitsgutachten des Nördlinger Psychologen sei der Angeklagten nach dem Mund geredet und wertlos, das Krankheitsbild, das man früher „Kleptomanie“ nannte, sei wissenschaftlich ohnehin umstritten; Diebstahl sei nicht für sich, sondern im Zusammenhang mit anderen Faktoren zu sehen.

Die Staatsanwältin fordert für schweren räuberischen Diebstahl, gefährliche Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte ein Jahr und sieben Monate Gefängnis, der Vorsitzende und die Schöffen bleiben nur zwei Monate darunter.

„Man tut der Frau keinen Gefallen, die konsequente Strafe zum wiederholten Mal erneut aufzuschieben und alle Bedenken außer Acht zu lassen“, so Richter Helmut Beyschlag. „Die Freiheitsstrafe ist zwingend notwendig; von einer günstigen Sozialprognose kann auch der wohlwollendste und gutmütigste Betrachter nicht mehr ausgehen.“

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