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Donau-Ries

02.08.2015

Seit 20 Jahren gibt der Mord an zwei Frauen der Polizei Rätsel auf

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Das Grab der beiden Opfer auf dem Oettinger Friedhof. Noch heute kommen ab und zu Bürger und zünden dort Kerzen an. Ein Ehepaar pflegt das Grab ehrenamtlich.
Bild: Jan Kandzora

Vor 20 Jahren fanden Pilzsammler die Leichen zweier Frauen im Ries. Der Mord ist bis heute ungeklärt. Warum die Polizei trotzdem hofft, die Täter noch zu fassen.

Vielleicht war es so: Zwei junge Frauen, die aus dem Osten Europas nach Deutschland kamen, etwa aus dem damals wie heute bitterarmen Rumänien, mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, die sich nicht erfüllte. Sie gerieten an die falschen Leute, in eine Halbwelt aus Verbrechen und Gewalt, in die Prostitution. Vielleicht war es so, dass jemand aus dieser Halbwelt sie ermordete, aus welchen Motiven auch immer. Vielleicht war es so. Wer weiß das schon?

Tatsächlich weiß man heute nicht viel mehr, als dass zwei junge Frauen 1995 umgebracht wurden, es muss ziemlich genau vor zwanzig Jahren gewesen sein, Ende Juli, Anfang August. Pilzsammler fanden einige Wochen später die Leichen im Wald „Heiligenholz“ bei Oettingen-Erlbach, am 15. September 1995. Die Leichen lagen in einem Wassergraben, sie waren stark verwest, teilweise schon Skelette.

Die Frauen waren Opfer eines brutalen Verbrechens geworden. Sie trugen Kleidung, die in Osteuropa gefertigt worden war, eine Isotopen-Analyse ergab zudem Hinweise darauf, dass sie aus dieser Region stammten und innerhalb der letzten zwei Jahre ihres Lebens nach Deutschland gekommen waren. Bei einer solchen Analyse werden Isotope untersucht, also Elemente, die Menschen aus ihrer Umgebung aufnehmen, und die sich zum Beispiel in Knochen oder Haaren nachweisen lassen. Anhand dieser Analyse lässt sich erahnen, wo ein Mensch gelebt hat.

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Eine der Frauen hatte auf dem linken Oberarm ein schlichtes Tattoo: zwei Querstreifen, dazwischen die Großbuchstaben A und D, zwei Zentimeter darunter ein Winkel, dessen Spitze nach unten zeigt. Ein Taxifahrer in Ingolstadt gab an, die Frauen Ende Juli 1995 mitgenommen und beobachtet zu haben, wie sie danach in einen dunklen Mercedes stiegen, in dem zwei Männer saßen. Auch in Neuburg an der Donau wurden sie offenbar gesehen. Dort hatte eine Frau zwei Anhalterinnen aufgelesen und bis kurz vor Rain gebracht. Die beiden erzählten, sie wollten über Donauwörth nach Oettingen weiterreisen.

Die Polizei gibt den Fall nicht auf

Die Polizei hat nur wenige Hinweise darauf, wer die beiden Opfer gewesen sein könnten, aber nichts, was man als gesicherte Erkenntnisse bezeichnen könnte. Und es existieren nicht einmal Hinweise darauf, wer die Frauen umgebracht hat, oder warum er es tat. Die Ermittler tappen nicht im Dunkeln, eher schon stapfen sie durch eine regelrechte Finsternis, in die sich nicht einmal ein kleiner Lichtstrahl hineinzwängt. Doch aufgegeben hat die Polizei den Fall nicht. Auf der Homepage des Polizeipräsidiums Schwaben Nord steht er unter „Fahndungen“ an zweiter Stelle. „Zweifacher Frauenmord aus dem Jahr 1995 noch ungeklärt!“, steht dort. Mit Ausrufezeichen.

Im Büro von Holger Duderstadt hängt ein altes Fahndungsplakat von damals an einem Schrank. Duderstadt, 59, ist Leiter des Kommissariats Eins bei der Kriminalpolizei in Dillingen und außerdem der Sachbearbeiter des Falls. Das Plakat in seinem Schrank weist noch darauf hin, dass „5000 DM Belohnung“ für Hinweise über den Doppelmord winken. Vor zwanzig Jahren hingen hunderte dieser Plakate an Wänden, Läden, Laternenpfählen im gesamten Ries und darüber hinaus, jetzt dürfte jenes in dem Büro des Ersten Kriminalhauptkommissars eines der letzten seiner Art sein.

Auf Duderstadts Schreibtisch liegt ein dicker Ordner, mehr als 1000 Seiten stark, der Polizist blättert sie durch. Es ist eine der Hauptakten, die die Polizei zu dem Doppelmord angefertigt hat. Drei solcher Akten gibt es, alle sind in etwa gleich dick, daneben haben die Beamten zig weitere Ermittlungsordner angelegt. Tausende Seiten, in denen zahllose Hinweise, Vermerke, Aussagen verborgen liegen. Doch nichts, was bislang auf eine heiße Spur geführt hätte. „Es waren schwierige Ermittlungen“, sagt Duderstadt. Er erzählt von einer Kette von Hinweisen, die dafür spricht, dass die Frauen in Wassertrüdingen waren. Und davon, dass es in Ehingen eine Lokalität gab, in der damals Prostituierte arbeiteten. Auch das war 1995 ein Hinweis. Aber eben nicht mehr.

Bringt der technische Fortschritt die Ermittler weiter?

Möglicherweise, sagt Duderstadt, hätte man damals mehr in Erfahrung bringen können, wenn es heutige Ermittlungsmethoden gegeben hätte, etwa moderne DNA-Technik. Es ist eine der Hoffnungen der Ermittler: dass der technische Fortschritt den Hinweisen und Spuren von damals neue Erkenntnisse entlockt. Einmal, im Laufe der Jahre, schien diese Hoffnung sich zu erfüllen.

Die Polizei hatte Vermissten-Dateien in Osteuropa überprüft, 2011 gab es plötzlich einen Treffer: Eine junge Rumänin, die in Deutschland gelegentlich als Prostituierte gearbeitet haben und oft per Anhalter gefahren sein soll, wurde als eine der Toten identifiziert. Ein Phantombild, das eine Rechtsmedizinerin aus Freiburg anhand der Schädelknochen angefertigt hatte, ähnelte ihr sehr. Als dann auch noch ein Abgleich des Erbguts der Toten mit der DNA der Mutter der Rumänin ein zunächst positives Ergebnis brachte, schien der Durchbruch geschafft. Acht DNA-Merkmale stimmten überein.

Dann folgte der Rückschlag. In einer neueren, genaueren Untersuchungsmethode wurden acht weitere Merkmale verglichen, und die stimmten nur noch nur zu Teilen überein. Das Ergebnis war damit unbrauchbar. Für die Ermittler war es die Erkenntnis, dass die vermeintlich heiße Spur keine war. Eine neue heiße Spur gab es seitdem nicht mehr. „Wir haben keine Anhaltspunkte zu der Identität der Frauen oder zu irgendeiner Verbindung“, sagt Duderstadt, was sich ein wenig resigniert anhört.

Doch so war es nicht gemeint. Ob er noch hofft, dass sich die Morde aufklären lassen? „Immer“, sagt Duderstadt, „immer“. Um das zu unterstreichen, zeigt er auf ein Blatt, das an einer Pinnwand neben seinem Schreibtisch hängt. „Niemals aufgeben“, steht dort drauf. Ein Kalenderspruch, klar. Aber vielleicht führt er ja zu etwas.

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