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Das Samstagsthema

21.02.2015

Selbstgeformte Urinpille gegen Fieber

Wo die Menschen früher Hilfe suchten und welchen Hausmitteln sie vertrauten

Heute gibt es ein funktionierendes System zwischen Kranken, Ärzten und Apotheken. Für viele Krankheiten hat die Pharma-Industrie ein Mittel bereit, das einem der Doktor empfiehlt und dann auch verschreibt. Noch vor etlichen Jahrzehnten gab es draußen in den Rieser Dörfern kaum einen Doktor, doch da waren den Landleuten Zimperlichkeit und Kranksein noch fremde Dinge. Diese Widerstandsfähigkeit entsprang dem Umgang mit der Natur, in der sie sich jahraus, jahrein bewegten. Und zum Kranksein hatte man sowieso keine Zeit. War aber wirklich einmal gesund machende Hilfe notwendig, ging man zum Bader oder Gesundbeter, der für viele Leiden ein Gegenmittel kannte. Am einfachsten war es da noch, bei ihm, von Wandermönchen oder im Kapuzinerkloster „an Säga“ zu erwerben, um beispielsweise gegen Wurmbefall vorzugehen:

„Ein Segen vor die Würm

Der gude Job lag in der wisten. Er ruft ser laud zu den Heiligen Christe, Herr, wie hast du mein so gar vergessen daß du so jämmerlich lisest diese Würme essen. Der erste weiß. Der ander ist Schwartz der dridde roth. Herr durch deinen todt gib in den Würmen todt in Christo namen. Amen. – So jemand diesen Brief in seinem Hause hat oder bey sich trägt, der ist sicher vor der leidigen Seuch.“ Dieser Segen fand sich in einem alten Kundenbuch (1856) des Heroldinger Wagners und gelangte ins Pfarrarchiv.

Diese „weiße Magie“, die immer im Namen des Dreieinigen Gottes ausgeübt wurde, verlangte vom Kranken lediglich einen festen Glauben, während man die schweren, undurchsichtigen Krankheiten bei Hexenmeistern oder bei einer Hexe im Dorf behandeln ließ, die der „Schwarzen Magie“ mächtig waren. Auch wenn offiziell 1775 die letzte „Hexe“ in Deutschland hingerichtet wurde, so hielten sich deren Wissen und Handeln bis ins 20. Jahrhundert. Hier ein Beispiel:

„Gegen das Fieber: Man nimmt des Kranken Urin und etwas Mehl und knetet daraus einen festen Teig, den man zu 77 linsengroßen Pillen formt. In der Morgendämmerung geht man zu einem Ameisenhaufen, stochert ein wenig hinein und wirft die Kügelchen hinein. Wenn diese von den Ameisen aufgefressen worden sind, verliert der Kranke das Fieber.“

Lindenblütentee gegen Fieber

Aber natürlich kannte auch jede Hausfrau hauseigene und ortsübliche Mittel gegen Krankheiten, die heute noch natürliche Grundlage für die Herstellung von Arzneien sind. Da ist der Lindenblütentee gegen Fieber oder das heiß auf eine eitrige Wunde gelegte Leinsamensäcklein. Bei starken Halsschmerzen half heiße Milch, in der ein Löffel Honig aufgelöst wurde, oder auch heißer Zitronensaft, der ebenfalls mit Honig gesüßt werden konnte. Gegen Husten kochte man eine Zwiebelmilch. Nach 20 Minuten konnte man die warme, mit Honig kräftig gesüßte Milch trinken. Manche Mutter schwor jedoch auf den Kartoffel-Brustwickel, der heiß auf die Brust des Kranken gelegt und mit einem Handtuch fixiert wurde. In eine warme Wolldecke eingepackt blieb der Kartoffelwickel etwa 20 Minuten aufgelegt. Bei Durchfall verabreichte frau einen geriebenen Apfel, dazu ungesüßten schwarzen Tee oder den selbst besorgten Kamillentee. Die Kamille ist wegen ihrer ätherischen Öle beispielsweise auch ein beliebtes Hausmittel gegen Pickel. Bei echten und vor allem unbekannten Krankheiten holte man doch den Arzt oder anderweitigen Rat, wie oben beschrieben.

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