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Inklusion

19.05.2015

Selbstversuch im Rollstuhl

Alerheims Bürgermeister Christoph Schmid vor dem Rathaus. Er hat seinen Alltag als Rollstuhlfahrer simuliert, um die Probleme von Gehbehinderten besser zu verstehen.
Bild: William Harrison-Zehelein

Alerheims Bürgermeister Christoph Schmid hat seinen Alltag als Gehbehinderter geprobt. Besonders an einem Ort waren die Hürden hoch

Alerheim Christoph Schmid sitzt etwas hilflos in einem Rollstuhl am Straßenrand vor dem Rathaus. Die vorbeigehenden Alerheimer sind irritiert und schauen besorgt auf ihren Bürgermeister. „Nur ein Test, nur ein Test“, ruft Schmid und sorgt für allgemeine Erleichterung. Den sonst kerngesunden Bürgermeister so plötzlich im Rollstuhl sitzen zu sehen, ist für die meisten Alerheimer doch ein kleiner Schock.

Mit diesem „Test“ will Schmid das Bewusstsein der Menschen schärfen und prüfen, wie behindertengerecht und barrierefrei die Gemeinde eingerichtet ist. Er bezieht sich dabei auf einen Vorschlag von Ministerpräsident Horst Seehofer, den Freistaat bis 2023 komplett barrierefrei zu machen. Heute will er seinen Alltag in einem Rollstuhl sitzend simulieren.

Beim Eingang zur Kita beginnen schon die Probleme

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Los geht es morgens mit dem Gang zur Kita. Schmid bringt seine beiden Kinder täglich dort hin. Bereits an der Eingangstür wird es schwierig für ihn. Die Tür aufzubekommen und gleichzeitig auf die Kinder aufzupassen, ist eine Herausforderung. „Hier wäre ein automatischer Türöffner sinnvoll“, meint Schmid. Innen ist ein solcher bereits angebracht – er hängt allerdings außerhalb der Reichweite eines Rollstuhlfahrers. Sonst erweist sich die Kita als behindertengerecht. Alles ist im Erdgeschoss untergebracht und für Schmid tun sich keine weiteren Probleme auf. Das Gebäude ist allerdings eines der neuesten in Alerheim und wurde erst vergangenes Jahr fertiggestellt.

Anders sieht es im Rathaus aus – beziehungsweise vor dem Rathaus. Hier führen gleich zwei Treppenaufgänge zum Eingang hinauf. Schmid sitzt etwas ratlos in seinem Rollstuhl. Ohne fremde Hilfe hätte er keine Chance, zu seinem Arbeitsplatz zu gelangen. Es gibt noch einen Hintereingang. Zu diesem gelangt man aber nur über einen steilen Hang und einen Schotterweg – alles andere als ideal für Rollstuhlfahrer. Nur mit viel Kraftaufwand schafft es Schmid den Hang hinauf zum Hintereingang. Der 38-Jährige ist groß und kräftig gebaut. Eine schwächere Person würde den Anstieg nicht meistern. Eine dicke Schwelle im Türeingang bedeutet gleich die nächste Hürde. Mit Ach und Krach schafft es der Bürgermeister in sein Rathaus.

„Es schadet nicht, ein Gespür für behinderte Menschen zu bekommen. So kann ich als Bürgermeister in Zukunft ihre Wünsche besser berücksichtigen“, sagt Schmid.

Er hatte zunächst viele Bedenken wegen des Selbstversuchs. „Am Angang fand ich die Idee affig.“ In Gesprächen mit gehbehinderten Menschen im Bekanntenkreis sei er jedoch zum Versuch ermutigt worden. Er erhält für die Aktion auch viel Zuspruch von den Leuten. In seinem Büro endlich angekommen, merkt Schmid erst so richtig, wie sehr ihn der Rollstuhl in seinem Alltag einschränkt. Er hat heute mindestens das Dreifache der normalen Zeit gebraucht, um an seinen Schreibtisch zu gelangen. Jeder Handgriff bedeutet für ihn Arbeit. Jede Bewegung kostet Zeit.

Der Sitzungstisch im Rathaus ist zu niedrig für Rollstuhlfahrer

Schmid rollt in den Sitzungssaal des Rathauses ein. Er versucht sich an den Sitzungstisch zu setzen. Keine Chance. Der Tisch ist viel zu niedrig. Schmids Beine passen nicht darunter. Für den Bürgermeister wäre als Gehbehinderter bei einer Gemeinderatssitzung also kein Platz. Inklusion und Barrierefreiheit sehen anders aus.

Der 38-Jährige zieht aus seinem Selbstversuch entsprechende Schlüsse: „Ich denke, dass das Versprechen Seehofers voreilig war. Eine komplette Barrierefreiheit ist nicht so leicht umsetzbar – gerade für kleinere Gemeinden. Sie kostet schließlich auch viel Geld“.

Schmid selbst hat von seiner kurzen Zeit als Rollstuhlfahrer gelernt. „Es ist schon eine große Herausforderung, den Alltag als Rollstuhlfahrer zu bewältigen. Man wird mit vielen Problemen und Hindernissen konfrontiert, mit denen man nicht rechnet. Man muss das erst am eigenen Leib erfahren, um die Problematik zu verstehen“. Wenn in Zukunft etwas in der Gemeinde gebaut wird, werde er auch an die Rollstuhlfahrer denken, versichert Schmid. Beim Hinausrollen aus dem Büro bleibt er an einer Tischkante hängen. Es ist für heute die letzte Hürde, die es zu nehmen gilt.

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