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Porträt

07.07.2018

Sie lebt die Nächstenliebe

Gisela Münderlein und Dackel Amigo finden zu jedem Zugang – selbst, wenn es gilt, Demenz-Schranken zu überwinden.
Bild: Ronald Hummel

Gisela Münderlein gibt Senioren Halt, wo er am nötigsten ist. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch „Amigo“, ihr Rauhaardackel.

Gisela Münderlein lebt mit ihrem Mann noch in dem Haus in Lehmingen, wo sie als Kind am Küchentisch mitbekam, wie ihr die Eltern die christliche Grundhaltung der Hilfsbereitschaft vorlebten: Jahrzehnte lang versahen sie den Mesner-Dienst und die Friedhofspflege und waren im Dorf immer zur Stelle, wenn jemand Hilfe brauchte. So zog es sie nach der Schulzeit nach Nürnberg in ein christlich geprägtes Internat der Diakonie Neuendettelsau, wo sie Hauswirtschaft lernte, bevor sie im Oettinger Krankenhaus eine Ausbildung zur Krankenschwester machte und 25 Jahre lang dort arbeitete. Aus dem Antrieb, sich intensiv und ganzheitlich um Patienten zu kümmern, versah sie zuletzt ihren Dienst in der Intensivüberwachung.

Glaube und Kirche verknüpfte sie eng mit sozialem Engagement. Vor 24 Jahren trat sie in den Kirchenvorstand von Lehmingen ein, wo sie mittlerweile Vertrauensfrau ist. Im Ausschuss des evangelischen Dekanats Oettingen absolviert sie schon die zweite Periode, auch dem Kooperationsausschuss der drei evangelischen Dekanate im Landkreis gehört sie an. Seit 21 Jahren ist sie Dekanats-Missionsbeauftragte, war schon dreimal in Partner-Dekanaten von Papua-Neuguinea. Dort hielt sie Gottesdienste, woraus wiederum Ehrenämter als Lektorin und Prädikantin erwuchsen. Überhaupt wuchs ein erfüllendes und interessantes Amt aus dem anderen: „Das Leben hat mir einen bunten Strauß geschenkt“, drückt es Gisela Münderlein aus.

So spross aus der Prädikantenausbildung wiederum eine Ausbildung zur Katechetin, sprich Religionslehrerin in Grund- und Mittelschule hervor. Und schließlich wurde ihr 2012 von Diakonie und Evangelischem Dekanat eine Projektstelle angetragen, in der sie Senioren in schwierigen Lebenssituationen beistehen sollte. Seit Anfang dieses Jahres hat sie, bedingt durch die Vakanzzeit, zudem noch den Auftrag als Altenseelsorgerin erhalten, und zwar auch im Seniorenwohnheim „Phoenix“.

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Hier schließt sich der Kreis der Religiosität: „Gerade Senioren sind oft im christlichen Glauben verankert, durch den man leicht Zugang findet.“ So ist beispielsweise die tiefe Sorge, wie es denn im hohen Alter nach einer Reha-Maßnahme weitergehen soll, als Gabelung auf dem Lebensweg zu sehen – genau dort holt Gisela Münderlein die Menschen ab. Gläubige Menschen vertrauen darauf, dass sie auch auf der Abzweigung geborgen sind, ihr Urvertrauen bewahren, das Dasein bejahen und Lebensqualität bewahren können. Die Seelsorgerin versucht, ein guter Gesprächspartner zu sein: „Als solcher gebe ich keine Antworten, sondern bringe die Menschen dazu, diese selbst auszusprechen.“ Und sie gibt sich authentisch, teilt lieber die Sprachlosigkeit und den Schrecken nach Eröffnung einer Krebsdiagnose, statt gleich Optimismus zu versprühen. Genau dieses Teilen beseitigt schon das Gefühl, allein zu sein.

Dazu trägt noch jemand bei: „Amigo“, ihr Rauhaardackel. Er ist kein ausgebildeter Therapiehund, wie sie auch eingesetzt werden, aber seine Ruhe, Freundlichkeit und Entspanntheit stecken sofort an, erzeugen ein tiefes Wohlgefühl und durchbrechen sogar die Schranke der Demenz. Auch Religiosität kann Altersdemenz überwinden: „Psalme und Verse sind so in Gläubigen drinnen, dass sie nie gelöscht werden können, und wir beten sie dann gemeinsam.“ Menschen in einer Phase vom Koma am Beatmungsgerät bis zur Entlassung zu begleiten, erfordert viel Zeit. Die acht Wochenstunden der Stelle reichen da nicht, sie legt ehrenamtlich noch etliche Stunden mit drauf.

Schließlich geht es ja nicht allein um die Bezahlung – es bereichert, hautnah zu erleben, wie man vom Wackelzahn des jungen Schülers bis zur Sterbebegleitung des Hochbetagten hautnah helfen und Beziehungen knüpfen kann, welche Weisheiten Menschen nach 95 Lebensjahren geben können, dass Freude und Leid untrennbar zusammen gehören. „Mir ist es einfach wichtig, zu sehen, was ich bewegen kann“, zieht Gisela Münderlein das Resümee ihrer Arbeit.

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