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Zwölf Stämme

05.09.2013

Sieben neue Zeugen bringen die zwölf Stämme ins Wanken

Nur ein kleiner Teil der Einsatzfahrzeuge ist auf diesem Bild zu sehen und lässt erahnen, in welchem Umfang und mit welchem Organisationsaufwand die gestrige Polizeiaktion erfolgte.
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Nur ein kleiner Teil der Einsatzfahrzeuge ist auf diesem Bild zu sehen und lässt erahnen, in welchem Umfang und mit welchem Organisationsaufwand die gestrige Polizeiaktion erfolgte.
Bild: Ronald Hummel

Amtsgerichtsdirektor Beyschlag schildert, wie der Fall der Kindesmisshandlung neu aufgerollt wurde. Die Aussagen der Zeugen ließen wohl keinen Zweifel an einem Horrorszenario.

Nicht nur der Polizeieinsatz, bei dem gestern 40 Kinder der Zwölf Stämme im Alter von sieben Monaten bis 17 Jahren aus dem Schlaf weggeholt wurden, war eine Blitzaktion – bei einer Pressekonferenz in Donauwörth gestern schilderte Nördlingens Amtsgerichtsdirektor Helmut Beyschlag, dass das juristische Vorspiel dazu gerade einmal zwei Wochen dauerte: Der Vorwurf der Kindesmisshandlung – und nur um den geht es, denn die schulischen Querelen spielen aktuell keine Rolle – war von der Staatsanwaltschaft mangels Beweisen fallen gelassen worden. Am 16. August erhielt das Jugendgericht am Amtsgericht Nördlingen Informationen von neuen Zeugen. Fünf Tage später wurden sechs von ihnen vernommen, weitere fünf Tage darauf ein weiterer.

Weidenruten sichergestellt

Die Aussagen der Zeugen ließen laut Beyschlag wohl keinen Zweifel an einem wahren Horrorszenario: Dass Kinder von Eltern und Lehrern regelmäßig geschlagen wurden, sei nun zweifelsfrei belegt – beim Polizeieinsatz in Klosterzimmern stellten Beamte der Kripo Dillingen Weidenruten sicher. Säuglinge habe man durch „Restraining“ gequält, wobei der Bewegungsdrang durch zu enges Wickeln, Herabdrücken von Kopf und Gliedmaßen gezielt beeinträchtigt werde. Auch von seelischer Misshandlung und entwürdigenden Maßnahmen wie die soziale Isolation innerhalb der Gemeinschaft wurde berichtet. Dabei habe man über 15-Jährige zur Bestrafung wochen- und monatelang von ihren Familien, Gleichaltrigen und gemeinsamen Veranstaltungen fern gehalten.

Nochmals fünf Tage darauf bestellte das Amtsgericht, sprich Beyschlag, das Jugendgericht zum Pfleger der 28 minderjährigen Kinder. Den Eltern wurde damit das Sorgerecht abgesprochen. Das war fünf Tage vor dem gestrigen Polizeieinsatz.

Sieben neue Zeugen bringen die zwölf Stämme ins Wanken
Die Polizei hat 28 Mädchen und Jungen aus der umstrittenen Sekte "12 Stämme" mitgenommen. Das Amtsgericht Nördlingen hatte vorläufig das Sorgerecht wegen Hinweisen auf Kindesmissbrauch entzogen. Etwa 100 Beamte waren im Einsatz

„Das Gericht war gesetzlich gebunden, schnell zu handeln“, betonte Beyschlag mehrfach, dass ohne eine gerichtliche Eilentscheidung weitere Misshandlungen der Kinder nicht abzuwenden gewesen wären. Nicht nur schnelles, auch heftiges Handeln sei angesagt gewesen: „Weniger einschneidende Maßnahmen hätten nicht ausgereicht, die Kinder zu schützen“, so Beyschlag. In unzähligen Gesprächen habe man Eltern und andere Verantwortliche nicht dazu bringen können, von Züchtigungen ausdrücklich Abstand zu nehmen.

Großeinsatz der Polizei bei der Glaubengemeinschaft "Zwölf Stämme" in Klosterzimmern (Kreis Donau-Ries) am 5. September 2013: Die Beamten nahmen alle Kinder der Gruppe mit.
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Polizeieinsatz bei den "Zwölf Stämmen"
Bild: Dieter Mack

Auf die Frage der Rieser Nachrichten, ob das Herausreißen der Kinder aus der Gemeinschaft nicht eine Traumatisierung bedeute, räumte Beyschlag ein, dass eine Entfernung von den Eltern immer Leid für die Kinder mit sich brächte. Aber das Gericht müsse immer wieder abwägen zwischen der obersten Richtschnur, dass die Erziehung der Kinder primär in der Hand der Eltern zu liegen habe und Schaden, der von den Eltern ausgehe. In diesem Fall gehe der Schaden weit über die Misshandlungen hinaus: „Man muss auch daran denken, dass die Kinder vom normalen Leben unserer Gesellschaft völlig abgeschnitten sind und ihnen viele Chancen vorenthalten werden.“

Alfred Kanth, Fachbereichsleiter Jugend, Familien und Senioren am Landratsamt, betonte, dass in den Jugendhilfeeinrichtungen und Pflegefamilien darauf hingearbeitet werde, den älteren Kindern berufliche Perspektiven zu eröffnen.

Die Kinder zeigten kaum Emotionen

Kanth machte in der Pressekonferenz eine bemerkenswerte Feststellung: „In 40 Berufsjahren habe ich solch eine Reaktion bei Kindern noch nicht festgestellt.“ Er meinte damit, dass die Kinder kaum Emotionen zeigten, als sie den Eltern weggenommen wurden. Auf Nachfrage unserer Zeitung, ob Kanth den Eindruck gewonnen habe, die Kinder seien froh gewesen, wegzukommen, deutete er in vielsagender Miene an, dass er dies nicht bejahen dürfe, aber auch nicht verneine. Zumindest ein betroffener Vater hatte jedoch unserer Zeitung gegenüber ausgesagt, die Kinder hätten geweint.

Beyschlag unterstrich, die Eilentscheidung des Gerichts habe nichts damit zu tun, dass es sich um eine Sekte handle: „Die Maßnahmen finden ausschließlich zum Wohl der Kinder, nicht zum Schaden der Eltern statt.“

Die Pressekonferenz wurde vom stellvertretenden Landrat Alfred Stöckl geleitet (Landrat Rößle ist im Urlaub), der auf die ständige enge Abstimmung zwischen ihm, Rößle und dem stellvertretenden Landrat Peter Schiele hinwies.

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