Veranstaltung

09.05.2019

Singen in der Synagoge

Musizierten in der Synagoge (von links): v.l. Christoph Lambertz, Ernst Mayer, Werner Eisenschink, Joachim Gericke.
Bild: Peter Urban

Nördlinger Musikanten spielen verfemte Lieder

Was sich zunächst wie ein lockeres Beisammensein und eine Art „Wirtshaussingen“ anhörte, entpuppte sich vergangenen Sonntag als genauso schöne wie schauderhafte Reminiszenz an die Schrecken der Naziherrschaft in Deutschland. Der Freundeskreis der Synagoge Hainsfarth und die Nördlinger Musikanten um Ernst Mayer, Joachim Gericke und Werner Eisenschink, verstärkt mit Christoph Lambertz am Kontrabass, dem Leiter der Volksmusikberatungsstelle des Bezirks Schwaben, luden zu einem etwas anderen Volksmusik-Nachmittag. Und viele waren gekommen, selten hat man die ehemalige Synagoge so voll gesehen.

Die Formation sang und spielte sogenannte verfemte Lieder von Komponisten und Textern, die von den Nazis verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden. Die Texte, die ans Publikum zum Mitsingen verteilt wurden, reichten bei weitem nicht aus, und dennoch wurde es ein stimmungsvolles Konzert, das die Zuhörer und (größtenteils) Mitsänger erleben durften. Erstaunlich, wie viel bekannte Melodien darunter waren, die auch heute noch in aller Ohren sind.

Nach dem Einstiegstitel „Spiel mir eine alte Melodie“ von Irving Berlin erzählte Werner Eisenschink in einem kurzen und doch entsetzlichen Abriss vom Leben und (oft genug) Sterben der Protagonisten, deren Texte und Kompositionen an diesem Nachmittag gesungen werden sollten. Namen wie Julius Brammer, Jean und Robert Gilbert, Fritz Grünbaum oder Fritz Rotter wurden wieder ins Gedächtnis gerufen und auch die Geschichte der Comedian Harmonists, deren drei jüdische Mitglieder ab 1935 Berufsverbot erteilt bekamen.

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Angesichts der für viele unsterblichen Melodien ist es für uns heute unerklärlich, welche Schätze die Machthaber zu vernichten versuchten. Lieder wie „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“, „Oh Donna Clara“, „Ausgerechnet Bananen“, „Ein Freund, ein guter Freund“ oder „Mein kleiner grüner Kaktus“ seien nur stellvertretend genannt. Augenfällig und durchaus überraschend für viele war auch das Positive, die Fröhlichkeit, Lebenslust und zum Teil auch originell verstecke Erotik („Veronika, der Lenz ist da“), die diese Melodien ausstrahlten.

Beinahe unfassbar dann im Gegensatz das beispielhaft genannte Schicksal des Librettisten (Lehar-Operetten), Schriftstellers und Schlagertexters Fritz Löhner-Beda, der im KZ Buchenwald sogar eine Hymne auf diese Einrichtung (Buchenwaldlied) schreiben musste. Schmählich von Franz Lehar im Stich gelassen, auf dessen Fürsprache er gehofft hatte, wurde er wegen nachlassender Arbeitsleistung in Auschwitz von einem Wärter brutal erschlagen. Der Mörder wurde freigesprochen, weil die „Beweislage nicht hinreichend für eine Verurteilung ausreichte“.

Vielleicht gerade deshalb agierten die Nördlinger Musikanten bewusst zurückhaltend und ließen ihr Sängerpublikum nicht allzu enthusiastisch mitsingen. Die wunderbaren und herzerfrischenden Kompositionen hätten das durchaus hergegeben, doch im Kontext zu Entstehungszeit und Verfemung war das sicher ein richtiger Weg. Nichts könnte das besser erklären als das von Ernst Mayer als Zugabe jiddisch vorgetragene „Dos Kelbl“ (über das Kälbchen, das zur Schlachtbank geführt wird), weltweit besser bekannt als „Donna Donna“.

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