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Geschichte

02.05.2011

Spuren eines längst vergangenen Handwerks

So sahen die Webstühle in den Rieser Dörfern früher aus. Der Webstuhl der Familie Schäble aus Wechingen befindet sich heute im Bauernmuseum Maihingen.
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So sahen die Webstühle in den Rieser Dörfern früher aus. Der Webstuhl der Familie Schäble aus Wechingen befindet sich heute im Bauernmuseum Maihingen.
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Bei der Sanierung eines alten Bauernhauses in Holzkirchen tauchten seltene Zeugen der einstigen Weber auf

Holzkirchen Seit vergangenem Jahr ist Manfred Fälschle dabei, das Anwesen „Dorfstraße 29“ (ehemals Familie Eigner) in Holzkirchen zu sanieren. Beim Entkernen ist er auf Spuren eines längst vergangenen Handwerks gestoßen.

Beim Entfernen der alten Putzschichten kamen im Bereich der ehemaligen Wohnstube drei Lichtnischen zum Vorschein. Anfangs konnte man sich diese Aussparungen in den Wänden nicht ganz erklären. Da in dem evangelischen Dorf Holzkirchen Mauernischen für Heiligenverehrung nicht infrage kamen, war klar, dass es sich hier einzig um Standorte von Lampen oder Kerzen handeln konnte.

Anfangs Verwunderung

Spuren eines längst vergangenen Handwerks

Dass sich in einem einzigen Raum gleich drei solche Lichtquellen befunden haben, verwunderte etwas. Erst ein Blick in die Häusergeschichte klärte die Sache auf. In dem 1796 erbauten Haus waren früher über mehrere Generationen lang Leinweber wohnhaft. In der Wohnstube befand sich der Webstuhl. Da das Weben vor allem in den dunklen Wintermonaten stattfand, musste der Arbeitsplatz mit Lampen erhellt werden.

Die Besitzgeschichte des Anwesens ist bis in das Jahr 1547 zurück überliefert. Die Bewohner gehörten meist zur ärmeren Einwohnerschaft des Marktfleckens Holzkirchen. So ist es nicht verwunderlich, dass es neben Schneidern, hier auch Maurer und Weber gab. Zu Beginn des 30-jährigen Krieges ist auch ein Gastwirt bezeugt. Die Sölde gehörte zu den Häusern, die im 30-jährigen Krieg nicht verlassen wurde. Mehr als die Hälfte der Häuser in Holzkirchen wurde in den Kriegswirren zwischen 1618 und 1648 zerstört und nicht mehr bewohnt.

Leinweber-Tradition

Immer wieder war das Haus im Besitz von Webersfamilien. 1782 begründete Thomas Stegmeier eine fast 100-jährige Leinweber-Tradition auf dem Anwesen. Ihn und seine Familie ereilte am 27. April 1796 eine Katastrophe. Bei einem Großbrand wurden alle Gebäude zusammen mit sämtlichen Nachbarshäusern zerstört. Beim Wiederaufbau wurde das Haus in seiner heutigen Form als kleinbäuerliches Anwesen errichtet. Auch die Lichtnischen in der Wohnstube dürften aus dieser Zeit stammen. Im Jahr 1875 starb mit Philipp Hertle der letzte Leinwebermeister auf diesem Anwesen und damit einer der letzten seines Standes in Holzkirchen. Der Hausname „Weber-Wiedenmann“ erinnerte noch eine Zeit lang an diesen Handwerksberuf.

In Holzkirchen war wie in allen Rieser Dörfern früher das Leinweberhandwerk weit verbreitet. Es sorgte für ein Zubrot der ärmeren Dorfbewohner. Es wurde der heimisch angebaute Flachs weiterverarbeitet und zu Leinen verwebt. Der Webstuhl wurde oft in der Familie weitervererbt. In Holzkirchen und Speckbrodi klapperten bis zum Niedergang der Weberei ständig etwa acht bis zehn (im Jahr 1747 sogar elf) Webstühle. Im Marktflecken Holzkirchen waren die Handwerksberufe des oettingischen Oberamtes Alerheim organisiert. So regelte eine Zunftordnung aus dem Jahr 1715 in 28 Artikeln das Leinweberhandwerk. Die industrielle Fertigung drängte auch in Holzkirchen das Weberhandwerk zurück, sodass bis um das Jahr 1900 dieser Beruf völlig ausgestorben ist.

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