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19.07.2010

Türke meets Türmer

Nördlingen Gewundert haben sich sicher schon viele Gäste, Besucher und Touristen über den Nördlinger Türmer und sein allabendliches "So, G'sell, so". Doch so nachhaltig fasziniert, dass es gleich als roter Faden in eine Comedy-Show eingearbeitet wird, hat dieses historische Ritual wohl noch niemanden. Bis auf Bülent Ceylan, der mit seinem Programm "Kebabbel net" im Rahmen des Sommer-Open-Airs auf dem Marktplatz auftrat. Mit wachsendem Ehrgeiz bearbeitete er - 850 Besucher im Rücken - den Türmer verbal so lange, bis dieser mitspielte und seinen Ruf quasi als Teil des Programms erschallen ließ.

Dabei beginnt der Abend eher schleppend: mit seichten Gags ("Türk' vor der Kirch'") und reichlich "Kebabbel" ("fliegende Messer gehören nicht zum Programm") kokettiert der langmähnige Deutsch-Türke mit seinem nationalen und sozialen Status und lässt sich von der Friseurin "lieber Kanak als Wuschelhasi" nennen.

Verschiedene Rollen und Verkleidungen

Spannender wird es dann schon, wenn Bülent in seine verschiedenen Rollen und die zugehörigen Verkleidungen schlüpft. Wie Anneliese, die feine Unternehmersgattin im Pelzmantel, die unnachahmlich piepsen kann und feststellt, dass "die Leut' ned nur kein Geld haben, sie geben 's auch ned aus." Oder Manfred, Hausmeister und verkappter Nazi, der spuckenderweise an den Nebenwirkungen seiner Anti-Rassismus-Tabletten leidet und die Probleme dieser Welt am liebsten mit seiner "Pumpenwasserzange" lösen würde.

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Die Paraderollen schlechthin ist Arslan, cholerischer Import-Export-Händler für "Scheport-Artikel", der fast explodiert, weil sein Sohn als "erotischer Analphabet" gilt und die Tochter den "Ossi" Rüdiger zum Freund hat. Dem bricht Arslan präventiv mal die Nase, wenngleich er ihn am liebsten im (Fluss-)Bett sähe.

Auch nach der Pause ist zunächst Rollenspiel angesagt: Hasan, gockelhafter Jungtürke, beherrscht Bauchtanz und Moonwalk, scheitert jedoch an der Paranuss. Und Harald, heißer Kandidat für "Deutschland sucht den Superdepp", hängt beim IQ-Test nur den Kartoffelsalat souverän ab.

Bülent Ceylan präsentiert sich in Nördlingen als Comedian reinsten Wassers. Ausgestattet mit einem Mundwerk wie eine Schnellfeuerpistole lässt er Witze und Pointen im Sekundentakt auf die Besucher herunterprasseln.

Die spontane Interaktion mit dem Publikum gehört zu den Stärken des Mannheimers: schnell hat er die Zuschauer-Fixpunkte "Berrrrnd", "Muppets-Show" und "die Elfjährige" gesetzt, mit denen er gekonnt jongliert.

Allerdings verliert der Komiker bei aller Spontaneität und improvisatorischem Talent auch häufig den Faden, lässt sich von Launen treiben und verfällt dann ohne Not in alberne Flachwitzelei und banalsten Klamauk, was der Show deutlich an Qualität nimmt. Satirische Schärfe oder gar kabarettistischen Tiefgang gibt es ohnehin nur in homöopathischen Dosen.

Beim nächsten Auftritt steigt er auf den Daniel

In den letzten Nummern versammelt Ceylan noch einmal alle seine Figuren, lässt sie quer durcheinander quasseln und vereint sie schließlich im abgewandelten Live-Aid-Song "We are the World - we are the Bülents". Zwei Zugaben gibt's noch zum Abschied, darunter einen Headbanger zu einem knallharten Rammstein-Song. Standing Ovations bei den Zuschauern, und weil auch die Aktion "Türke meets Türmer" noch geklappt hat, ist das Glück perfekt: Bülent Ceylan fühlt sich ab sofort als Nördlinger und verspricht, beim nächsten Auftritt zum Türmer hochzusteigen und mit ihm zusammen das "So, G'sell, so" zu rufen. Die ultimative Integration sieht er dann jedenfalls erreicht: "Der Türke schreit aus der Kirche!"

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