Kultur

25.02.2018

Und die Sau geht an…

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Hildegart Scholten aus Köln hat die erste Sau von Nördlingen gewonnen. In der Alten Schranne johlte das Publikum, als Scholten „Mutter“ am Telefon von der Stadt im Rieskrater erzählte. Der Nördlinger Kleinkunstpreis wurde zum ersten Mal verliehen.

Hildegart Scholten, die Kölner Wuchtbrumme und ihr Pianist Vincent Heinen gewinnen den ersten Nördlinger Kleinkunstpreis

Es war die Idee von Dominik Herzog, auf die Offene Unterhaltungsbühne, die erfolgreiche Talentplattform des Dramatischen Ensembles (DE), noch eine Stufe drauf zu setzen und mit einem Nördlinger Kleinkunstpreis bewährten Talenten einen ersten Durchbruch zu verschaffen. Herzog, der sich bekanntermaßen selbst als Kabarettist etabliert hat, trug durch seine Vernetzung mit der Szene entscheidend dazu bei, dass sich auf die Ausschreibung 18 Bewerber fanden, von denen die Jury sechs auswählte. Er moderierte denn auch den Wettbewerb um die Trophäe der Nördlinger Sau von fünf Finalisten (Nikita Miller fiel durch einen Autounfall aus) in der voll besetzten Alten Schranne.

Den Anfang macht „Des Duo“ – Pianist Oliver Arnold und Sänger Peter Bogowsky aus Stuttgart. Sie interpretierten englische Hits auf Schwäbisch: Aus „The Letter“ wird „Mei Tochter got jetzt mit ‘ma Rapper“, in einem weiteren Song beschreibt Bogowsky, wie er bei seiner Oma mit Essen „gschtopft“ wird; Höhepunkt ist „Bahncard“, der das tägliche Elend an Bahnschaltern zum hörbaren Vergnügen des Publikums beschreibt.

Martin Valenske und Henning Ruwe zeigen bissigen Humor mit ihrem entlarvenden Sketch im Altenheim, wo der Enkel eines Platzsuchenden mit einem Investor verwechselt wird. Doch nicht nur die Aussage zur Integration durch Fische, die Flüchtlingsleichen auf unsere Teller bringen, erntet ablehnendes Raunen im Publikum.

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Und dann kommt Hildegart Scholten – urkomisch in tristem Rock mit Bluse beschreibt sie ihrer Mutter am Handy, wo sie gelandet ist: „Da ist schon mal ein Komet runtergekommen. Nein, keine Gefahr, was hierher kommt, kommt nicht wieder.“ Trotzdem mauerten sich die Bewohner sicherheitshalber ein. Ja, der Oberbürgermeister ist auch da, er beweist, dass man hier bis weit nach der Rente arbeitet. Immer extremer geht sie auf Land und Leute ein, flirtet unter laszivem Körpereinsatz und mit zur begehrten Trophäe passenden Grunzgeräuschen mit Günther aus dem Publikum.

Tosender Applaus erklärt sie zur Favoritin des Augenblicks, doch Ralf Winkelbeiner aus Manching, dem „Kaff der guten Hoffnung“, erringt nicht weniger Publikumsbrüller. Er schildert, wie Industriemanager in einer Koksorgie „Des traust du dich net“ spielen und wetten, das sie völlig unsinnige Produkte erfolgreich auf den Markt bringen: Eine Abgassoftware, die irreale Werte anzeigt, einen riesigen Geländewagen ohne Geländegängigkeit, der nicht an Angler oder Jäger, sondern an Hausfrauen verkauft wird und sich gemäß dem Zustand des Erfinders wie „Suff“ ausspricht, ein Laubbläser, der das Laub nur umverteilt, eine 1400 Euro teure Küchenmaschine, die nur Eierlikör herstellen kann, oder einen riesigen Flughafen in Berlin, der ohne Architekten und Ingenieure entworfen wird. Passend folgt aus Berlin Ben Schmid. Er dokumentiert die Armut der Bundeshauptstadt damit, dass nur dort die Polizei einen Opel Corsa als Dienstfahrzeug benutzt. Mit seinem abgeschlossenen Philosophie-Studium findet er nur noch Jehovas Zeugen als Gesprächspartner und muss im Call-Center Sterbeversicherungen verkaufen: „Ein tolles Konzept – sie bekommen Geld, wenn sie tot sind.“

Die Jury verteilt systematisch Punkte für Textqualität, Ausstrahlung, Timing und diskutiert sonstige Aspekte. Das Ergebnis deckt sich mit dem Eindruck, den das Publikum vermittelte, wenngleich das extrem vielfältige Angebot sicherlich oft persönliche Geschmacksache war.

Sieger sind Hildegart Scholten und ihr Pianist Vincent Heinen, die von Oberbürgermeister Herrmann Faul den symbolischen Riesenscheck und die Trophäe der Sau überreicht bekommen. Mit 170 Punkten liegen sie knapp vor Ralf Winkelbeiner mit 162 Zählern; „des Duo“ Oliver Arnold und Peter Bogowsky erringen mit 124 Punkten den dritten Platz. Gewinner sind alle: Das Publikum zeigt sich begeistert von der gebotenen Vielfalt und dem großteils hohen Niveau der Darbietungen, Jury und Veranstalter haben keinen Zweifel, dass der Nördlinger Kleinkunstpreis vom Start weg zu einer traditionellen Veranstaltung wird.

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