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Wallerstein

31.07.2020

Unfall verursacht, um Geld für einen alten Schaden zu bekommen?

Wollte ein Rieser Geld für einen alten Blechschaden und verursachte deshalb einen weiteren Unfall? (Symbolbild)
Bild: Jens Büttner/zb/dpa

Plus Ein 38-Jähriger muss sich vor dem Amtsgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr und Versicherungsbetrug vor.

Ein 84-Jähriger aus einem Rieser Dorf besucht am 14. Juli 2019 seine Frau im Seniorenheim in Wallerstein. Auf der Suche nach einem Parkplatz wendet er und fährt in eine Hofeinfahrt. Beim Zurücksetzen kollidierte er mit einem 38-jährigen Mercedesfahrer aus Wallerstein, der ihm ins Heck fuhr. Handelte der Mercedesfahrer mit Vorsatz?

Genau dies wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor: Er habe den Unfall provoziert, um Vorschäden an seinem Auto bei einer gegnerischen Haftpflichtversicherung abzurechnen. Der Mann ist deshalb wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr in Tateinheit mit Sachbeschädigung am anderen Fahrzeug in Höhe von 500 Euro angeklagt. Er habe den Ford, der nur einen Meter mit seinem Heck auf die Straße herausfuhr, von Weitem gesehen. Der Angeklagte soll zunächst gebremst und nach links in Richtung Fahrbahnmitte ausgewichen sein. Dann jedoch, so die Staatsanwaltschaft, habe er plötzlich und bewusst nach rechts gesteuert, direkt auf Kollisionskurs mit dem Heck des Fords.

Absichtlich einen Unfall provoziert?

Durch den Zusammenstoß habe er Leib und Leben des Seniors gefährdet. Er habe in der Absicht gehandelt, einen Unglücksfall herbeizuführen, um einen Versicherungsbetrug zu ermöglichen, so Staatsanwältin Julia Egermann. Sie sah dies durch den Versuch belegt, dass der Mercedesfahrer bei der gegnerischen Haftpflichtversicherung Kosten in Höhe von rund 3300 Euro geltend machen wollte, die sämtliche Vorschäden an der Front seines Mercedes einschlossen.

Unfall verursacht, um Geld für einen alten Schaden zu bekommen?

Der Angeklagte stritt die Vorwürfe ab. Er sagte, dass es ein Unfall gewesen sei. Er habe beim Fahren telefoniert und sei abgelenkt gewesen. Den Gegenverkehr habe er bei seinem Ausweichmanöver zu spät bemerkt, weshalb er plötzlich nach rechts fuhr und dabei mit dem Ford kollidiert sei.

Ein Zeuge, der das Geschehen aus rund 50 Metern Entfernung beobachtet hatte, sagte: „Das hat nach purer Absicht ausgesehen!“ Er rief die Polizei. Am Unglücksort gefragt, ob sein Mercedes bereits vorher Schäden hatte, verneinte der Fahrer dies ausdrücklich. Die Spurensicherung und ein Gutachter kamen jedoch zu einem anderen Ergebnis. Der Gutachter stellte auch fest, dass der Mercedes selbst bei Gegenverkehr (der nicht nachgewiesen werden konnte) langsam an dem Ford hätte vorbeifahren können, da die Hauptstraße ausreichend breit sei. Zahlreiche andere Autos seien ebenfalls an dem Ford zuvor vorbeigefahren. Der Mercedesfahrer habe Zeit gehabt, um zu reagieren. „Der Fahrer hatte 2,8 Sekunden, bevor es geknallt hat. Da muss irgendeine Reaktion stattgefunden haben“, sagte der Gutachter. Ein reflexhaftes Reißen am Lenkrad mit einer Hand hielt der Sachverständige für äußerst unwahrscheinlich.

Der Angeklagte ist zehnfach und einschlägig vorbestraft, unter anderem wegen Verkehrs- und Betrugsdelikten. Staatsanwältin Julia Egermann beantragte eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten ohne Bewährung sowie einen Entzug der Fahrerlaubnis und eine Sperre von sechs Monaten.

Die Verteidigung plädiert auf Freispruch

Verteidigerin Sabrina Philipps plädierte auf Freispruch. Es bestünden Zweifel an der Schuld des Angeklagten, ein Vorsatz habe nicht nachgewiesen werden können.

Das Schöffengericht verurteilte den Angeklagten zu einem Jahr und zwei Monaten Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Er muss außerdem eine Geldauflage in Höhe von 750 Euro an die Lebenshilfe Donau-Ries und 480 Euro Schadenswiedergutmachung bezahlen. Führerschein und Fahrerlaubnis werden dem 38-Jährigen entzogen.

Die Vorsitzende Richterin Ruth Roser sagte in der Urteilsbegründung, dass das Gericht die Unfall-Version für nicht nachvollziehbar halte. Wenn man eine Gefahrensituation im Verkehr von Weitem gewahrt habe, dann könne von einem „Überraschtsein“ durch innerörtlichen Gegenverkehr keine Rede mehr sein als Erklärung für den plötzlichen Kollisionskurs. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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