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Oratorium

02.04.2013

Vergessene Kostbarkeit entdeckt

Eine ergreifende Aufführung des lange vergessenen Passionsoratoriums „Der Tod Jesu“ von Carl Heinrich Graun durch die Kantorei St. Georg Nördlingen mit dem überzeugenden Solistenquartett, Sabine Seidl, Michaela Zeitz, Matthias Heubusch , Christoph Kögel, und dem tadellosen Oettinger Bachorchester unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Udo Knauer.
Bild: Ernst Mayer

Kantorei St. Georg führt in Nördlingen „Der Tod Jesu“ auf. Überzeugende Solisten

Nördlingen Unbedingt hörenswert war die Aufführung der großen Passionskantate „Der Tod Jesu“ von Carl Heinrich Graun durch die Kantorei St. Georg Nördlingen, mit einem überzeugenden Solistenquartett und dem tadellosen Oettinger Bachorchester mit Konzertmeister Günter Simon. Kirchenmusikdirektor Udo Knauer behielt als Dirigent die Fäden in der Hand und sorgte für eine spannende, wohlklingende und nie langweilige Aufführung.

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In gewisser Weise geriet Grauns Oratorium, obwohl es hundert Jahre lang zu den meist aufgeführten Oratorien gehörte, durch die Entdeckung der Bach-Oratorien ab 1855 in Vergessenheit. Der Komponist war Hofmusiker bei Friedrich II., und mit dem Preußenkönig seit Jugendzeiten verbunden. „Der Tod Jesu“ wurde 1755 im Berliner Dom uraufgeführt, fünf Jahre nach Bachs Tod, ein Jahr vor Mozarts Geburt, und während der Stil sich nicht weit von Bach entfernt hat, atmen die Sologesänge einen ganz anderen Geist, dem man in den frühen italienischen Mozartopern begegnet.

Graun war den damals neuesten italienischen Operntendenzen zugetan mit heiterer Melodieseligkeit und einer etwas irritierender Gefühligkeit, die auch vom Libretto Carl Wilhelm Ramlers vorgegeben wird. Es griff den Stil der damals aufkeimenden „Empfindsamkeit“ auf, einer theologischen Konzentration auf fromme Seelenregungen, einem wahren Gefühlskult, bei dem andererseits kaum Rücksicht auf die historisch unhaltbare Schuldfrage am Tod Christi genommen wurde und die Juden insgesamt darob verfemt wurden. Darum ist der Text in gewisser Weise angesichts der grauenhaften Vorkommnisse im 20. Jahrhundert zu hinterfragen, andererseits enthält dieses Oratorium großartige musikalische Kostbarkeiten zwischen Bach’scher Prachtentfaltung und Mozart’scher Leichtigkeit und Lebenslust.

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Es begann mit einer einfach und wohlklingend gesetzten Choralstrophe auf die Melodie von „O Haupt voll Blut und Wunden“. Den eigentlichen Eingangschor, eine konventionelle, durchaus emotional wirkende Chorfuge, nahm Udo Knauer im Tempo, gemäß deren depressiven Affektgehaltes („Sein Odem ist schwach“) recht breit. Das gab dem Chor Gelegenheit, die Koloraturen ohne Hast korrekt und wohlklingend auszuführen, und in der Folge entwickelte sich ein ungemein beeindruckend wogender Chorklang, in dem Männer- und Frauenstimmen einander kontrastreich, stimmlich schön und gut ausgeglichen gegenüberstanden. Auch die Dynamik war vorzüglich ausbalanciert, ebenso wie das klangliche Verhältnis zum Organisten und zum souverän, klangschön musizierenden Orchester, - allesamt Qualitäten, die bis zum Schluss andauerten.

Der Sopranistin Sabine Seidl fiel das erste der nun folgenden Rezitativ-Arie-Folgen zu. Das Rezitativ gestaltete sie wunderbar innig und unterstrich in der Arie mit schönen, schwungvoll tänzelnden Koloraturen den ausgesprochen opernhaften Charakter. Sopranistin Michaela Zeitz gestaltete ihrerseits das Rezitativ ansprechend, aber etwas kehlig und neutral, während sie nach diesem Beginn überraschend schwungvoll und strahlend in der folgenden Arie, - von einem filigranen Orchesterspiel unterstützt -, die schmückenden Figuren genussvoll auskostete. In das Duett der beiden Soprane fügten sich die Flöten (Christian Möwes, Theresa Schröttle) ein, und es hob ein anmutiges Musizieren an, das gewiss mit zu den Höhepunkten der Aufführung zählte.

Sehr detailreich gestaltend vermittelte Tenor Matthias Heubusch seiner Partie anhaltende Spannung. Sein Rezitativ wirkte agil, und er verstand es, die gegensätzlichen Affekte wirkungsvoll auszudrücken. Seine gleichermaßen schlanke wie kraftvoll geschmeidige Stimme setzte sich mühelos gegen den Orchesterklang durch. Die Arie war bewegend mit den sehr gefühlvoll ausgesungenen Koloraturen.

Bariton Christoph Kögel, der kurzfristig den Bass-Part übernommen hatte, wirkte sicher und überlegen, interpretierte die Affekte auf ganz andere Weise. Sein Text handelte von Ungewittern, die er machtvoll donnern, und von Sonnenstrahlen, die er prachtvoll glänzen ließ. Raum greifend füllte er das Kirchenschiff mit klarer Artikulation und bereitete den Raum für die große Doppelfuge „Christus hat uns ein Vorbild gelassen“, welche die Kantorei zu vorwärts drängender spannungsgeladener Strahlkraft steigerte.

Wirkte das Oratorium zu Anfang durch die langen Rezitative noch sehr textlastig, entwickelte es sich zu einer musikalischen Köstlichkeit durch die Prachtarie der Sopranistin (Sabine Seidl) mit langen fabelhaften Koloraturpassagen, durch das hochinteressante Accompagnato des Baritons (Christoph Kögel) und dessen eindringlichen Zwiegesang mit der sehr aufmerksamen Kantorei; und zuletzt krönte der Chor selbst das Werk mit dem ergreifenden Schlusschoral „Hier liegen wir gerührte Sünder“, der die stille Nachdenklichkeit der Zuhörer motivierte, ehe nach dem andächtigen Verharren den Mitwirkenden der verdiente herzliche Beifall gespendet wurde. (emy)

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