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RN-Serie

23.05.2015

Von Zwiedärmern und vom Zwölfelaita

Viele Necknamen der Dörfer haben damit zu tun, was sich der Rieser so alles durch den Magen gehen ließ. Aber auch von Hungerleidern wird erzählt

„Essen und Trinken hält Leib und Seel z’am“ – heißt eine treffende Redensart. Mehrere Necknamen im Ries nehmen wohl deshalb auch Bezug zum Essen, Trinken und Hungern.

Die Belzheimer „Zwiedärmer“ sind ein Paradebeispiel dafür. Eine kleine Begebenheit aus vergangenen Tagen berichtet, dass eine Handvoll junger Burschen und Mädchen die Kirchweih in Breitenlohe besuchte. Die Theres hatte schon gut gegessen, aber danach noch ein paar Küchle und sieben Schalen Kaffee getrunken. Als der Wirt verwundert fragte, wo das alles Platz hätte, meinte sie: „Der earschte Darm isch vool, d’Nochschpeis kommt en zwoita Darm nei.“ Daher haben die Belzheimer ihren Spitznamen.

Aber nicht umsonst heißt es im Ries: „Dr Riaser hot zwoi Mäga, abr koi Hearz.“ Letzteres kommt wohl daher, dass es bei uns auch etliche „Hungerleider“ gibt, etwa in Oettingen und Enkingen, und auch das „Zwölfelaita vo Kloisore“ hat denselben Hintergrund: Man ließ trotz üppiger Kirchweihspeisen bettelnde Handwerksburschen selbst zur schönsten Mittagszeit glatt weg verhungern. In Oettingen wollten sie dieses Unglück sogar vertuschen und steckten dem Toten eine Bratwurst in den Mund, um es aussehen zu lassen, als hätte er sich überfressen.

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Selbst aber gönnte man sich schon etwas, besonders an Kirchweihen und Festtagen, jedem nach seinem Geschmack. In Hochaltingen machten sie aus der Not eine Tugend, sammelten die Weinbergschnecken, die zur Plage geworden waren, kochten diese in einem vorzüglichen Sud und ließen sie sich schmecken. „Was den Franzosen schmeckt, wird auch uns nicht umbringen“, meinten sie. Doch schon waren sie als „Schneckafresser vo Holde“ bekannt.

In Balgheim liebte man Linsen und baute diese bevorzugt im Krautgarten an. So ein Linsengericht schmeckte nicht nur dem Esau in der Bibel (siehe 1. Mose 25, 34), sondern auch den Balgheimern: Als „Lesascheißer“ gingen sie in die Necknamen-Geschichte ein.

Nicht besser erging es denen von Goldburghausen (Krauthausen) mit ihrem Namen „Krautscheißer“. Die Maihinger „Krautskufen“ hatten da mehr Glück, denn hier geriet dieses anrüchige Grundwort im Laufe der Zeit in Vergessenheit.

Und ob die „Holheimer Neigucker“ ihren Necknamen vom Topfgucken haben oder vom „Neigucka“ in die Ofnethöhlen oder vom Riegelberg aus ins weite Ries, bleibt ein gut gehütetes Geheimnis. Die Kerkinger am westlichen Riesrand nennt man wegen ihres Lieblingsgerichts „Ruabahäfa“.

Hohentrüdingen droben auf dem Hahnenkamm zählt zwar nicht mehr zum Ries, doch da sich folgende und namengebende Geschichte auf dem Oettinger Wochenmarkt abgespielt haben soll, sei sie erwähnt:

Eines Tages wollte ein Bäuerlein von Hohentrüdingen für seine Kundin das gewünschte „Pfündle“ Kirschen abwiegen, doch die Waage kam einfach nicht ins Gleichgewicht. Nahm er eine Kirsche weg, senkte sich die Seite mit dem Gewicht, tat er die Kirsche wieder drauf, neigte sich die Waagschüssel zu seinen Ungunsten. So schlitzte der schlaue Mann eine Kirsche mit seinem Taschenmesser – und seine Geschäftswelt war in Ordnung, aber auch der Neckname „Kerschlschlitzer“ geboren.

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