1. Startseite
  2. Lokales (Nördlingen)
  3. Vortrag: In Deutschland muss sich einiges ändern

Düstere Aussicht

16.04.2008

Vortrag: In Deutschland muss sich einiges ändern

"Die Zukunft", sagt Professor Meinhard Miegel, Vorstand des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG), in seinem Vortrag, "ist nichts anderes, als das, was in der Gegenwart geschieht oder nicht geschieht." Der Soziologe lässt keinen Zweifel daran, dass einiges geschehen muss, wenn Deutschland eine Zukunft haben soll.

Von Sandra Baumberger

Harburg - "Die Zukunft", sagt Professor Meinhard Miegel, Vorstand des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG), in seinem Vortrag, "ist nichts anderes, als das, was in der Gegenwart geschieht oder nicht geschieht."

Und der studierte Philosoph, Soziologe und Rechtswissenschaftler lässt beim Wirtschaftstag der Volks- und Raiffeisenbanken im Landkreis Donau-Ries unter der Überschrift "Wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in der Zukunft" keinen Zweifel daran, dass in Deutschland einiges geschehen muss, soll es eine Zukunft haben.

Zwar seien die vergangenen beiden Jahre äußerst dynamische Wirtschaftsjahre gewesen, so dass aus der Ferne betrachtet die Oberfläche der deutschen Gesellschaft glatt und ruhig zu sein scheine. Aus der Nähe zeige sich jedoch ein anderes Bild: Hier wie überall in der europäischen Union gehe die Wachstumsdynamik zurück, bereiteten die hohe öffentliche Schuldenlast und die Inflation Probleme.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Obwohl die Arbeitslosigkeit in Deutschland geringer ist als jemals zuvor, beschäftigt Miegel die Qualität dieser Jobs: "Nur noch die Hälfte der Arbeitnehmer hat eine reguläre Vollzeitbeschäftigung." Hinzu komme, dass das reale Nettoeinkommen im Durchschnitt seit 30 Jahren gleich geblieben sei - trotz steigender Bruttolöhne. Entsprechend sei es "kein Hirngespinst", dass der Aufschwung bei den Leuten nicht ankomme.

Es stelle sich deshalb die Frage: "Ist die Party, die kaum erst begonnen hat, schon wieder vorüber?" Und wenn ja, warum? Miegels Antwort ist ebenso prägnant wie unbequem: "Es liegt an der Unfähigkeit und Unwilligkeit einer Mehrheit, Veränderungen der Wirklichkeit anzuerkennen und anzunehmen." So führe etwa die weltweit massive Inflation in den Kernbereichen Nahrung und Energie nicht etwa dazu, den Gürtel enger zu schnallen, sondern es würden höhere Löhne gefordert.

"Öl ins Feuer der Inflation", wie Miegel meint, der ohne Umschweife zum Kernpunkt seines Vortrags kommt: "Nichts, überhaupt nichts ist für die Entwicklung der Wirtschaft und der Gesellschaft so wichtig, wie die Entwicklung der Bevölkerung - und nichts wird mehr vernachlässigt."

Während die Bevölkerung weltweit pro Jahr um 90 Millionen Menschen zunehme, schrumpfe sie in Europa jährlich um eine Million, in Deutschland um 100 000. "Allem Anschein nach sind hochmobile, hochflexible, hochproduktive Gemeinwesen kein optimaler Lebensraum für Kinder", lautet sein ernüchterndes Fazit. Kindertagesstätten nutzten wenig, wenn das "Biotop" nicht stimme. Kinder wollten weder Mobilität noch Flexibilität, sondern brauchten vor allem eines: "unendlich viel Zeit".

Noch bedeutsamer seien jedoch die Verschiebungen im Altersgefüge: "Herr Hoeneß, Sie werden Schwierigkeiten haben, Ihre Fußballmannschaft zu bilden", wandte er sich an den Manager des FC Bayern München, einen weiteren Referenten des Wirtschaftstages. Die Zahl der Kranken und Pflegebedürftigen und damit die Gesundheits- und Pflegekosten werden steil ansteigen, das Durchschnittsalter der Erwerbsbevölkerung sich zügig erhöhen: "Wohl dem Unternehmen, das gelernt hat, mit 50-, 60- und einzelnen 70-Jährigen zurecht zu kommen." Der von Roman Herzog unlängst gebrauchte Begriff der Altendemokratie sei nicht aus der Luft gegriffen. "Das ist schon eine Altenrepublik."

Diese Menschen wünschten sich Sicherheit, Geborgenheit, Beschaulichkeit und Ruhe. "Und es spricht vieles dafür, dass die Politik diesem Wunsch im Übermaß Rechnung trägt." Während die Leistungsfähigkeit alter Menschen bereits nachgewiesen sei, werde nie gefragt, ob sie diese Leistung überhaupt noch erbringen wollen.

"Wir in den hochentwickelten Ländern werden Vorsprünge und Privilegien einbüßen", ist sich der Fachmann sicher. Denn der Satz: "Wir müssen nur soviel besser sein wie wir teurer sind", sei zwar schön, entspreche angesichts der sich stetig verbessernden Konkurrenz aber nicht mehr der Wirklichkeit. Gleichzeitig sei eine Welt, in der alle am Wohlstand teilhaben, unrealistisch: "Die Welt ist kein Garten Eden." Die Ver- und Entsorgungskapazitäten seien begrenzt und ließen sich nicht beliebig erweitern, so dass sich das bisherige Verteilungs- zum Knappheitsproblem wandle.

"Wir werden es nicht schafffen, unseren Platz in der Welt zu behaupten - wenn wir so weitermachen wie bisher, wenn wir die Realitäten nicht anerkennen und annehmen." Trotz dieser düsteren Prognose zeigt sich Miegel jedoch auch optimistisch: "Ich bin zuversichtlich, dass immer mehr Leute begreifen werden, dass die Herausforderungen der Zukunft nicht die der Vergangenheit sind."

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren