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Jubiläum

07.07.2019

Wegen 233 Milliarden Mark Schulden wurde die Fahne gepfändet

Diese Protokolle und Rechnungsbücher dokumentieren 100 Jahre Vereinsgeschichte.
Bild: Ronald Hummel

Der Trachtenverein „D’Rieser Nördlingen“ feiert kommenden Samstag sein 100-jähriges Bestehen. Das erwartet die Besucher am Wochenende.

Die Geschichte beginnt mit einem geheimnisvollen Schrank beim Nördlinger Trachtenverein „D’Rieser“. Er war verschlossen, der Schlüssel fehlte. Schließlich brach man ihn auf und stieß auf einen Dokumentations-Schatz: die lückenlosen Protokolle des Vereins. So kann die Vorsitzende Sandra Beck heute unserer Zeitung erzählen, was ansonsten längst vergessen wäre: Die zwei Tischgesellschaften „Gemütlichkeit“ und „Fidelitas“, die in Gebirgstrachten auftraten, schlossen sich am 4. Juni 1919 „zum „Erhalt der Rieser Bauerntracht“ zusammen.

Der Verein hatte etliche wechselnde Namen: „D’Rieser Nördlingen“ setzte sich langfristig durch, 1927 gingen eigene Oettinger und Wemdinger Vereine daraus hervor. Mit dem damaligen Festspruch „Treu dem guten alten Brauch“ werden heute noch die Versammlungen des Nördlinger Vereins beendet. Man trat regelmäßig auf verschiedenen Trachtenfesten auf, feierte „Burschenfeste“, Familiennachmittage und Picknicks. Als 1924 überregional der Trachten-Gau „Vereinigung links der Donau“ gegründet wurde, der von Bayreuth bis Mertingen reichte, beschloss man, am Pfingstwochenende mit einem großen Fest die Fahnenweihe in Nördlingen zu feiern.

Das Problem: Es tobte die Hyper-Inflation, während der zum Schluss Arbeiter täglich mit Wäschekörben voller Geld bezahlt wurden. Von 80 geladenen Vereinen kamen gerade einmal 35, wegen der immensen Arbeitslosigkeit und der Inflation war kaum ein Bürger im Festzelt. Die Bilanz: Der Verein blieb auf mehr als 233 Milliarden Mark Defizit sitzen; auf dem Vereins-Sparkassenkonto lagen noch ganze zehn Pfennig.

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Einige Monate später wurde die Vereinsfahne gepfändet, doch die Chefin der Ankerbrauerei, Marie Grandel, löste sie wieder aus. Der gesamte Vorstand wurde nach diesem Desaster ausgewechselt, dabei schrieb man Vereinsgeschichte: Mit Marie Weidner als Schriftführerin gelangte erstmals eine Frau in einen Nördlinger Vereinsvorstand.

100 Jahre Trachtenverein D‘Rieser

Ab 1927 war die Kasse wieder im Plus, die Anzahl der Mitglieder war von 13 nach dem desaströsen Fest auf fast 200 gewachsen. „In den 30er Jahren waren die Nördlinger Vereine ein ganz eng vernetztes Völkle“, weiß Sandra Beck. Generell luden sich die Vereine sehr oft gegenseitig ein, es gab viele Feste, Tänze und Landpartien, D’Rieser Nördlingen residierten im Reh, im Café Grimm oder im Ankerstüble und hielten Tanz im Deutschen Haus ab. Die Nazis spannten Trachten- und Brauchtumsvereine ein, wo es ging, „D’Rieser Nördlingen“ tanzten mehrere Male im Berliner Olympiastadion. Doch 1936, im Jahr der Olympiade, distanzierte man sich offiziell von den Machthabern: „Wir wollen heimisches Brauchtum pflegen und nicht politisch werden“, ist in einem Protokoll nachzulesen.

Im Krieg nähten die Frauen Lodenröcke zu Soldatenjacken um und schickten sie an die Front, das Vereinsleben stand allgemein still. 1945 wurde das Lager des Vereins bei einem Brand geplündert, es gab noch neun Mitglieder (heute sind es 48). Dennoch ging es weiter: Man sammelte 300 Mark, zog übers Land, um neue Trachten zu kaufen, beschränkte sich aber nur noch auf die evangelischen Varianten. In den 50er Jahren ging es wieder aufwärts. Die Vereinsmitglieder reisten wieder, pflegten mit dem französischen Riom ab der Gründung der Städtepartnerschaft 1969 enge Beziehungen. Im Lauf der Zeit stieg das Durchschnittsalter rasant, ein Mitglied ist seit 80 Jahren dabei, mehrere bringen es auf 70. Vorsitzende Sandra Beck will die Initiative der Bayerischen Regierung nutzen, mit der das Fach „Brauchtum und Tradition“ an bayerischen Grundschulen eingeführt werden soll. Der Verein soll Schulungen zur Heimatpflege absolvieren und so direkt Kontakt zu Schülern und zukünftigem Nachwuchs knüpfen.

Festumzug durch die Fußgänger-Zone

Am Samstag, 13. Juli, wird das Jubiläum zum 10. Geburtstag zunächst um 17 Uhr mit einem Gottesdienst in der Nördlinger Georgskirche begangen. Danach führt die Knabenkapelle einen kleinen Festumzug durch die Fußgängerzone zur alten Schranne an, wo im Saal der Festakt mit Ehrengästen stattfindet.

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