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Soziales

11.10.2019

Wenn das Geld für das Nötigste nicht reicht

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3 Bilder
Marga Venzmer hilft ehrenamtlich bei der Tafel in Nördlingen und verteilt Lebensmittel an die Kunden. Es ergeben sich aber auch persönliche Gespräche, manche Menschen zeigen ihr sogar Familienfotos.
Bild: Jan-Luc Treumann

Plus Viele Menschen sind auf die Hilfe der Tafel angewiesen. Doch allein das Anstehen ist für manche von ihnen beschämend, neben der Straße, inmitten der Abgase. Andere suchen den Kontakt zu den ehrenamtlichen Helfern.

Die Frau möchte noch rein, doch die Tür schließt sich. Sie muss warten, es bleibt ihr nichts anderes übrig. Die Hand liegt am Türgriff, sie drückt ihr Gesicht an die Scheibe daneben und schaut hinein. Minutenlang steht sie so da. Bis die Tür geöffnet wird und sie hineindrängt.

Rund 30 Leute stehen am Dienstagmorgen vor dem Eingang zur Nördlinger Tafel und warten darauf, dass sie hineinkönnen. Um 9 Uhr öffnen die Ehrenamtlichen die Türen, doch einige kommen schon früher, deutlich früher. Helmut Weiß arbeitet bei der Diakonie und sagt: „Manche sind schon vor 8 Uhr da, in der Anfangszeit standen sie vor 7 in der Schlange. Aber die Menschen haben gemerkt, dass es nicht notwendig ist, als Erster hier zu sein.“ Es gebe genug zu essen, auch für jene, die erst um halb 12 kommen. Am Morgen könnten die Leute nur in gruppenweise in den Laden, es sei sonst zuviel los.

Draußen stehen die Menschen dicht nebeneinander am Eingang. Sie drängeln nicht, aber jeder will schnell hinein. Auf dem schmalen Gehweg in der Drehergasse ist kaum Platz und am Morgen rauschen Lkw und Busse vorbei. Wer nah an der Straße steht, muss aufpassen, nicht von einem Seitenspiegel getroffen zu werden. Dienstags und donnerstags hat die Tafel geöffnet, von 9 bis 12 Uhr. Drinnen sieht es ein bisschen aus wie in einem Supermarkt. Metall-Körbe mit rotem Plastikgriff, Regale, in denen die Lebensmittel liegen. Zur Tafel gehört auch ein Kleiderladen im ersten Stock, Jeans, Handtücher oder eine Kassette mit ostpreußischen Witzen gibt es dort. Beide Geschäfte werden als CaDW bezeichnet, in Anlehnung an das Kaufhaus des Westens in Berlin, wie Vanessa Ziegler von der Caritas berichtet. In Nördlingen sei es eben eine Zusammensetzung aus den beiden Trägern Caritas und Diakonisches Werk. Im Jahr 2007 wurde die Tafel in Nördlingen eröffnet, die beiden Vereine teilen sich die Aufgaben und die Kosten.

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Ein voller Korb kostet drei Euro

Ganz kostenlos können Bedürftige nicht in der Tafel einkaufen, ein Unkostenbeitrag von drei Euro pro Korb wird erhoben. Ein Korb kann voll werden, die meisten Personen packen so viel rein, bis er fast schon überquillt. Die Auswahl scheint groß: Es gibt Obst, Milch, Joghurt, Eier, Gemüse, aber auch lang haltbare Produkte wie Mehl, Puddingpulver oder Kindernahrung. Die Lebensmittel spenden Betriebe, Supermarktketten, aber auch Landwirte. Weiß betont aber, dass sie kein Vollsortiment hätten: „Wir können nur das ausgeben, was wir an Spenden erhalten“, sagt der Sozialpädagoge.

Doch darüber sind viele der Kunden sehr dankbar. Engelbert H.* sagt: „Ich finde es sehr gut, dass es so etwas gibt. H. ist Anfang 50. Seit einem Unfall vor neun Jahren sei sein Körper kaputt, sagt er. Er höre und sehe nicht mehr gut, seine Knie seien in einem schlechten Zustand, auch sein Denkvermögen sei nicht mehr in Ordnung, er könne kaum ein Formular ausfüllen. H. hat auf dem Bau gearbeitet. Dann der Unfall.

Mit seinem Chef sei er im Auto unterwegs gewesen, er selbst schlief auf dem Beifahrersitz. Aufgewacht sei er im Krankenhaus, ein junger Mann ist aufgefahren. Drei Jahre sei er im Krankenhaus gewesen, hatte unter anderem ein Schädel-Hirn-Trauma. „Ich habe 2000 Euro Schmerzensgeld bekommen, mein Anwalt hat mich beschissen“, berichtet er. Er hoffe, dass er eine Erwerbsminderungsrente bekommt, derzeit werde das geprüft. Momentan lebe er von Arbeitslosengeld II. Aigner wohnt mit seiner Lebensgefährtin zusammen. Zu zweit kämen sie gerade so über die Runden, doch wenn Besuch kommt, wie beispielsweise das Enkelkind, „dann reicht es nicht.“

Viele Menschen, die vor der Tafel anstehen, wollen nicht über ihre Situation reden. Auch Cornelia N.* will ihren Namen nicht nennen. Sie und ihr Mann sind Rentner, das, was sie bekommen, reiche ihnen nicht, kürzlich sei die Miete teurer geworden. Doch im Gegensatz zu denen, die am frühen Morgen anstanden, kommen sie erst etwas später, wenn sich der erste Trubel gelegt hat. „Das ist unangenehm, da draußen zu stehen, es ist kalt, es regnet, man steht dort mitten in den Abgasen der Autos“, sagt N.. Und: „Es ist peinlich.“

Seit den Anfängen im Jahr 2007 dabei

Edda Hundhammer ist ehrenamtliche Mitarbeiterin bei der Tafel und findet nicht, dass es jemandem peinlich sein muss, dort einkaufen zu gehen. „Man weiß nie, was kommt. Andere Leute sollten froh sein, dass sie nicht in dieser Situation sind“, sagt sie. Seit die Tafel 2007 eröffnet hat, ist sie dabei. „Ohne Sie kann ich mir das hier nicht vorstellen“, ruft eine Kundin im Vorbeigehen. Sie ist nicht die Einzige, die eine persönliche Beziehung zu den Leuten aufbaut. Eine Frau kommt im Laufe des Vormittags zu Marga Venzmer, einer anderen Ehrenamtlichen, und zeigt Fotos von ihrer Familie. Entwickelte Bilder, nicht auf dem Handy. Sie hat sie mitgenommen, um sie zu zeigen. Venzmer sagt dazu: „Man hat natürlich auch persönlichen Kontakt zu den Leuten, sie erzählen von sich und man erfährt manchmal schon von schlimmen Schicksalsschlägen.“

Laut Sozialpädagoge Weiß kommt „der arme Teil der Bevölkerung zur Tafel.“ Wer etwas zu essen will, muss sich einen Ausweis ausstellen lassen und nachweisen, dass er bedürftig ist. Alle zwei Jahre wird die Berechtigung überprüft. Laut Ziegler sind es 304 bedürftige Haushalte – hinter einem Haushalt steckt auch häufig eine Familie. „Es sind 613 Personen, die das Angebot von Tafel und Kleiderladen wahrnehmen“, sagt Ziegler. Jeder dritte sei Rentner. Vielen reicht das, was sie haben, nur schwer. Helmut Weiß sagt: „Ich denke, Armut in Deutschland heißt nicht, dass jemand verhungern muss. Hungern kommt aber schon vor.“

*Namen von der Redaktion geändert.

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