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Nördlingen/Bonn

02.09.2017

Wie der RAF-Terror im Ries zu spüren war

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Zu Zeiten des RAF-Terrors in den 1970er Jahren gehörten Polizeikontrollen zum Alltag, wie ehemalige Nördlinger Polizisten erzählen. Das Ziel war neben Festnahmen auch, die Mobilität der Terroristen einzuschränken. (Symbolfoto)
Bild: Hartmut Reeh/dpa

Ein damaliger Bundestagsabgeordneter und zwei Nördlinger Polizisten beschreiben den „Deutschen Herbst“ vor 40 Jahren.

Ein Büro im Bonner Hochhaus „Langer Eugen“, darin ein Sofa mit Decke. Für einen Monat schläft dort der damalige Bundestagsabgeordnete Dr. Axel Wernitz aus Nördlingen. Es ist das Jahr 1976, der Nördlinger sitzt seit vier Jahren für die SPD im Bundestag. Zwar besitzt er eine Wohnung im Bonner Norden, dort wohnen darf er aber nicht. „Die Sicherheitsbehörden hielten das Risiko für zu hoch“, erklärt der heute 80-Jährige in einem Sessel seines Arbeitszimmers in Nördlingen sitzend.

Wernitz ist gerade zum zweiten Mal in den Bundestag gewählt worden und wird zum Vorsitzenden des Innenausschusses ernannt. Mit dem Innenminister gehört er damit zu den wichtigsten Entscheidern für Innenpolitik und Polizeiarbeit in Deutschland – eine Position, die ihren Träger wie eine Zielscheibe bekleidet. Drei Leibwächter schützen ihn rund um die Uhr, überall. In Bonn wachen sie in der Nachbarwohnung. Ist Wernitz bei seiner Familie in Nördlingen, wohnen die Leibwächter im Gasthof Engel. „Besonders für meine damals noch sehr jungen Kinder war das nicht einfach“, erzählt er.

Wernitz besucht mit seinem Ausschuss das Bundeskriminalamt in Wiesbaden. Ebenfalls anwesend: Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Nur wenige Wochen später, am 7. April 1977, feuern zwei Unbekannte von einem schwarzen Motorrad aus mit einem Sturmgewehr 15 Schüsse auf dessen Wagen. Buback und seine zwei Begleiter sterben. „Kurz davor haben wir uns noch unterhalten, ich habe ihn als sehr lebhaft erlebt“, erzählt Wernitz. „Dass er wenig später ermordet wurde ...“, er stockt kurz. „Das war schon heftig.“

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RAF entführen Hanns Martin Schleyer und palästinensische Terroristen eine Lufthansa-Maschine

Im September desselben Jahres beginnt der Höhepunkt des RAF-Terrors. In dieser Zeit, die man später „Deutscher Herbst“ nennt, wird der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer entführt und ermordet. Zur selben Zeit kapern palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine „Landshut“ – erst fünf Tage später befreien Spezialeinheiten die gut 80 Geiseln. Darauf folgt die „Todesnacht von Stammheim“, in der die Anführer der RAF Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe Suizid begehen.

Wernitz erinnert sich an den Staatsakt vor der Beerdigung Schleyers. Fast alle führenden deutschen Politiker waren dort anwesend. „Das waren wirklich harte Zeiten“, sagt er. Die Verantwortung, im Innenausschuss die richtigen Entscheidungen zu treffen, sei eine große Herausforderung gewesen. Sowohl Bund als auch Länder räumten den Polizeibehörden damals weitreichendere Befugnisse ein.

Eine der Neuerungen war die Rasterfahndung, die in Wernitz Wirkenszeit an Bedeutung gewinnt. Schon damals habe es, auch parteiintern, Kritiker gegeben – allerdings eine kleine Minderheit, sagt er. Noch heute stehe er hinter seinen Entscheidungen von damals – Sicherheit und persönliche Freiheit sind seiner Meinung nach untrennbar verbunden. Auch die aktuelle Sicherheitspolitik unterstütze er, sagt er – mehr Polizisten und modernere Ermittlungsmethoden seien notwendig. Die heutige Terrorabwehr hält Wernitz sogar für schwieriger als die damalige. Schließlich handle es sich nicht um einen verhältnismäßig kleinen Kreis Verdächtiger wie bei der RAF. Ein Terroranschlag sei heute überall, jederzeit und von beliebigen Tätern zu befürchten.

RAF-Anschlag in der Polizeidirektion in Augsburg

Fünf Jahre vor dem „Deutschen Herbst“ hinterließ die RAF in Augsburg ihre Spuren. Der Linksextremist Thomas Weisbecker und die Studentin Carmen Roll hatten in der Augsburger Georgenstraße eine konspirative Wohnung gemietet. Wochenlang observieren Fahnder verschiedener Sicherheitsbehörden ihr Umfeld – die Hoffnung, Führungspersonen der RAF zu fassen, ist groß. Am 2. März 1972 vermuten zwei Fahnder enttarnt worden zu sein und versuchen eine Festnahme. Weisbecker zieht seine Waffe, ein Polizist reagiert und erschießt ihn.

Etwa zwei Monate später folgt die Antwort der Terrororganisation: Am 12. Mai detonieren um 12.15 Uhr zwei Zeitbomben in der Polizeidirektion am Prinzregentenplatz, nur wenige Meter vom Büro des Polizeichefs August Schepp entfernt. Eine Betondecke zerbirst. Glücklicherweise werden nur sechs Personen leicht verletzt.

Häufig Personenschutz und Straßenkontrollen im Ries

Im selben Jahr arbeitet der in Deiningen geborene Erich Waldenmeier noch im Bayerischen Innenministerium in einem Lagezentrum für das Olympia-Attentat. Vier Jahre später, im Jahr 1976, wird er Leiter der Nördlinger Polizeiinspektion. Die RAF-Fahndung hält die Polizei auch in der Region auf Trab: „Wir waren damals im Ries sehr häufig mit Personenschutz und Straßenkontrollen beschäftigt“, erzählt der heute 84-jährige Wallersteiner. Neben Wernitz habe man auch den damaligen bayerischen Finanzminister Anton Jaumann aus Belzheim schützen müssen.

Nördlingens Oberbürgermeister Faul ist damals noch Polizist und stellvertretender Leiter der Nördlinger Inspektion. „Ich erinnere mich an zahlreiche Straßenkontrollen“, sagt er. Neben der Möglichkeit, eine der Personen auf den Fahndungsfotos in die Finger zu kriegen, hätten die Straßenkontrollen einen weiteren Zweck erfüllt: Sie hätten die Bewegungsfähigkeit der RAF eingeschränkt und sie in die Enge getrieben. Eine vergleichbare Situation hätte er in seiner Zeit als Polizist, bis zu seinem Austritt vor elf Jahren, nicht mehr erlebt.

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