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Kirche

02.11.2017

Wie die Juden Martin Luther sahen

Michael Rummel stellte in der ehemaligen Synagoge Hainsfarth Schriften jüdischer Chronisten vor, die zur Reformation Stellung nahmen. Er war vom Evangelischen Bildungswerk Donau-Ries, Christa Müller (rechts), und vom Freundeskreis der ehemaligen Synagoge, Sigi Atzmon (links) eingeladen worden.
Bild: Mayer

Bei einem Vortrag in der Synagoge Hainsfarth stellt Michael Rummel antike Schriften vor

Im Jubiläumsjahr der Reformation wird diese aus verschiedenster Sicht beurteilt. In einem Vortrag in der Synagoge Hainsfarth stellte der evangelische Diplomtheologe Michael Rummel auf Einladung der Evangelischen Erwachsenenbildung Schriften jüdischer Chronisten vor, um die Sicht der Juden auf die Reformation zu verdeutlichen.

In einer Chronik berichtet Josel von Rosheim (1476 bis 1554), dass Fürst Hans Johann Friedrich von Sachsen unter dem Einfluss des „Priesters Martin“ die Juden vertrieben habe und ihnen verbot, nur einen Fuß in sein Land zu setzen. Es sei beabsichtigt gewesen, das Volk durch scharfe Gesetze und Verfolgungen auszurotten. In einem anonymen Manuskript von 1530 wird behauptet, dass es Herzöge, Fürsten und andere Mächtige zu Martin Luther hinzöge, dazu auch viele Gelehrte christlichen Glaubens. Er habe zuerst gesagt, man solle den Juden kein schweres Joch auflegen, mit ihnen ehren- und liebevoll umgehen und sie so der Kirche nahe bringen, denn Jesus stamme aus der Familie Israels. Da man aber über ihn gespottet habe, dass er fast ein Israelit sei, habe es ihn gereut, sodass er seine Worte geändert und Böses über Israel geschrieben habe.

Josef HaKohen, ein jüdischer Geschichtsschreiber aus Spanien, schrieb in seiner Chronik, dass alles mit dem Bau des Petersdoms in Rom begonnen habe, als der Papst Julian II. seinen Abgesandten die Macht gegeben habe, durch Geld die Seelen vor der Verdammnis zu retten. Martino, ein scharfsinniger und weiser Mann, habe dies infrage gestellt. Über seine Exkommunikation im Jahre 1518 sei er sehr aufgebracht gewesen und hätte gegen den Papst und gegen dessen Visionen und Missbräuche gepredigt.

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David Gans, ein jüdischer Historiker, schrieb, dass Martin Luther der Lehre des Johannes Huss gefolgt sei. Er habe entgegen den päpstlichen Satzungen verlangt, die Heiligenbilder zu verbrennen oder wegzuräumen. Man solle weder Maria, die Mutter von Christus, noch die zwölf Apostel anbeten. Die Bischöfe, Mönche und Nonnen sollten eheliche Verbindungen eingehen.

Schnell hätte diese Lehre großen Anklang bei den vorzüglichsten Fürsten und Bürgern Deutschlands gefunden. Durch den Reichstag zu Worms im Jahre 1522 habe dieses neue Glaubensbekenntnis öffentliche Verbreitung gefunden mit der Folge großer und gewaltiger Kämpfe in den Ländern Europas, bei denen zahllose Christen ihren Tod gefunden hätten.

Eine anonyme Prager Chronik berichtete, dass ein Priester namens Martinus Luther mit der Verhöhnung der katholischen Religion und ihrer Bräuche Unruhe verursacht habe. Die Bauern seien gegen die Priester aufgestanden. Diese wären voller Furcht, andere unter ihnen würden mit Luther sympathisieren und die Dogmen verachten.

In all diesen Schriften, die Michael Rummel vorstellte, wurde die Sicht der Juden deutlich. Es bestehe Übereinstimmung darüber, dass Luther ein Priester sei, ein Gegenspieler des Papstes, und dass er einen großen politischen Einfluss gehabt habe. Die Bedeutung Luthers für die Juden aber werde unterschiedlich beurteilt, eine negative Einstellung der deutschen Juden bestünde wegen Luthers Judenhass, im Ausland dagegen erschien die lutherische Theologie durchaus positiv. Im Allgemeinen spüre man aber eine gewisse Befriedigung darüber, dass die Christen über ihren Auseinandersetzungen die Juden eher in Ruhe gelassen hätten. Die Folgen des Judenhasses hätten erst später die verheerenden Wirkungen ergeben.

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