1. Startseite
  2. Lokales (Nördlingen)
  3. Wie ein Nördlinger um seine zwei entführten Söhne kämpft

Region

01.06.2019

Wie ein Nördlinger um seine zwei entführten Söhne kämpft

Er würde gerne wieder mit seinen Kindern auf einen Spielplatz gehen: Der in Nördlingen aufgewachsene Björn Echternach in Berlin.
Bild: Felix Lill

Plus Als sich Björn Echternach von seiner japanischen Frau trennt, bringt sie die Kinder in ihre Heimat - obwohl sie kein Sorgerecht hat. Der Beginn eines Dramas.

„Papa, jetzt komm!“, ruft der gestandene Mann. Er ahmt dafür eine Kinderstimme nach und ist drauf und dran, die Rutsche hochzuklettern. „Meine Söhne haben das immer gebrüllt, wenn wir hier waren. Und wenn ich oben auf der Rutsche saß, stieß ich mir jedes Mal den Kopf. Aber meinen beiden Prinzen war das egal.“ Björn Echternach steht, in eine schwarze Regenjacke gekleidet, auf einem Spielplatz im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg und muss lachen, als er von den Jungs erzählt. Einen Moment später stehen ihm Tränen in den Augen. Dann sagt er: „Was tut man nicht alles für seine Kinder?“

Echternach muss einiges tun. Zwei Jahre sind vergangen, seit er zum letzten Mal diesen Ort besuchte, der heute wie damals voll ist von kleinen Rasern und hinterherhechelnden Eltern. Noch immer wartet links die Rutsche, rechts die Netzschaukel, dahinter ein Klettergerüst. „Überall haben wir gespielt.“ Und der 41-Jährige käme weiterhin jeden Tag hierher – wären seine Kinder noch hier.

Björn Echternach, geboren in Franken, aufgewachsen in Nördlingen, steckt ein Kloß im Hals, als er ausspricht, was er sich vor der Trennung von seiner japanischen Frau im Herbst 2014 nicht im Traum vorgestellt hätte: „Ich weiß nicht, wann ich Karl und Johann wiedersehen kann. Vor zwei Jahren wurden sie von ihrer Mutter entführt.“

Ebenso wenig hätte sich Echternach ausgemalt, dass er sein heutiges Schicksal mit vielen getrennten Eheleuten teilen würde. Vor allem, wenn zumindest ein Elternteil aus Japan kommt, sind Kindesentführungen keine Seltenheit. Schätzungen gehen davon aus, dass in dem Land, in dem Echternachs vier- und fünfjährige Söhne nun mit der Mutter leben, sechs von zehn Kindern durch die Trennung ihrer Eltern jeden Kontakt zum Vater oder zur Mutter verlieren. Fast immer geschieht dies ohne Einverständnis des zurückgelassenen Elternteils. So ergeben Hochrechnungen rund 150.000 Kinder, die jedes Jahr in oder nach Japan entführt werden.

In Japan sind solche Entführungen fast schon legal

Viele dieser Fälle folgen einem Schema, das auch dem von Björn Echternach entspricht. Es beginnt mit Beziehungsproblemen, gefolgt von einer Trennung, die in separaten Haushalten mündet. Nicht immer, aber oft will die Mutter daraufhin gemeinsam mit dem Kind ausziehen. Befindet sich der neue Wohnort dann in Japan, ist das Sorgerecht auch schon de facto geklärt. Denn japanische Gerichte entscheiden bei Sorgerechtsfragen nach dem Kontinuitätsprinzip, wonach jener Elternteil die tägliche Erziehung übernehmen sollte, zu dem das Kind die vermeintlich nähere Bindung hat. Das ist der Auslegung nach derjenige, der im Moment der Trennung mit dem Kind lebt. Also auch der Entführer.

Diese Rechtspraxis ist es, die Kindesentführungen in und nach Japan im Prinzip legalisiert. Im Land ist das Thema derart verbreitet, dass Branchenmagazine für Scheidungsanwälte schon eine Anleitung veröffentlicht haben. Diese sollen Mandanten, die ihren Partner nicht mehr wollen, ihr Kind aber schon, demnach zu folgendem Ablauf raten: zuerst mit dem Kind verschwinden, dann gegen den Ex-Partner Anzeige auf Missbrauch erstatten und zuletzt mögliche Gerichtsentscheidungen einfach ignorieren, die einen Umgang des Ex mit dem Kind sichern sollen. Denn in Japan ist keine Behörde imstande, die Einhaltung solcher Urteile auch durchzusetzen.

Ein Foto aus schöneren Tagen: Björn Echternach mit seinen beiden Söhnen.
Bild: Björn Echternach

Unter japanischen Vätern ist dieses Problem bekannt, angesichts verbreiteter Resignation auch schon fast anerkannt. Kizuna, eine Vereinigung von Eltern in Tokio, die sich für Kinderrechte einsetzt, berichtet, dass japanische Eltern, deren Kinder vom Ex-Partner entführt wurden, selten klagen. Vor Gericht rechnen sie sich keine Chancen aus. Zu starr sind die Geschlechterrollen, die den Mann auf dem Arbeitsmarkt sehen und die Frau im Haushalt mit den Kindern. So bedeutet für Väter eine Trennung von der Frau oft auch gleich eine Trennung von den Kindern. Zu einem politischen Streitpunkt wurde das Thema erst vor einigen Jahren, als ausländische Eltern, die sich um ihr Kind beraubt fühlten, unbequem wurden.

Einer von ihnen ist Björn Echternach. Als der studierte Informatiker dem Spielplatz dem Rücken kehrt, erzählt er von seiner Ehe. Die beiden waren Schulfreunde. Sie wuchs wie er in Nördlingen auf. Irgendwann heirateten sie und lebten zusammen in der Nähe von Berlin. „Aber nach der ersten Geburt stritten wir immer mehr, und irgendwann drohte mir meine Frau: ‚Wenn du dich trennen lässt, wirst du die Kinder nie wiedersehen.‘“

Als Björn Echternach dennoch seine Frau verließ, begann ein Rechtsstreit. Die Mutter forderte das alleinige Sorgerecht, der Vater suchte eine paritätische Lösung. „Kinder würden sich immer für beide Eltern entscheiden“, ist sich Echternach noch heute sicher.

Man warf ihm häusliche Gewalt und Kindesmissbrauch vor

Vor Gericht wurde dem Vater von häuslicher Gewalt bis zu Kindesmissbrauch vieles vorgeworfen. Die offiziellen Gutachten, die unserer Redaktion vorliegen, wiesen alles zurück. Doch als der Mutter nach abgebrochenen Mediationsversuchen offenbar dämmerte, dass sie das erhoffte alleinige Sorgerecht nicht bekäme, machte diese ihre Drohung an den Ehemann wahr: Noch während des Rechtsprozesses setzte sie sich mit den zwei Söhnen Karl und Johann nach Japan ab.

Im September 2017 entschied das Amtsgericht Nauen in Brandenburg, das bei der Mutter eine „fehlende Bindungstoleranz“ feststellte, auf alleiniges Sorgerecht für den Vater. Doch das Urteil ist von theoretischer Natur. Björn Echternach hat seit fast zwei Jahren kein Zeichen von seinen Kindern erhalten. Medienanfragen an die Mutter ließen sowohl die japanischen als auch die deutschen Anwälte unbeantwortet.

Eigentlich dürfte es solche Fälle gar nicht geben. Schon 1980 schloss die internationale Gemeinschaft das Haager Kindesentführungsübereinkommen ab, das zumindest den grenzüberschreitenden Kindesentzug verbietet. Auf großen Druck trat 2014 auch Japan dem Vertrag bei. Allerdings sind die diplomatischen Unstimmigkeiten in dieser Sache seitdem eher stärker geworden. Die USA stuften Japan Anfang 2018 als „non-compliant“ ein, also als den Haager Vertrag nicht beachtend. Derzeit sind allein in Deutschland sieben Fälle anhängig, bei denen der japanische Elternteil mindestens ein Kind in die Heimat entführt hat. Aus der Schweiz sind es zwei Fälle, aus Frankreich sechs, aus den USA sogar 42. Weltweit sind es 108 Entführungen aus dem Ausland nach Japan, bei denen bisher keine Rückführung gelungen ist.

Wie wenig das Haager Abkommen von Japans Justiz umgesetzt wird, zeigt sich an mehreren Beispielen. Da ist etwa der Deutschjapaner Klaus Schmidt, dessen japanische Ex-Frau im Dezember 2015 die gemeinsame Tochter von Frankfurt nach Nagoya entführte. Vor dortigen Gerichten einigte sich Schmidt, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, weil er weiter prozessiert, auf einen Vergleich. „Die Hoffnung war, so zumindest einen geregelten Umgang mit meiner Tochter zu sichern“, erzählt der Vater, der das Sorgerecht damit zähneknirschend der Mutter zugestand, am Telefon.

Doch die gerichtlich vereinbarten Treffen, für die Schmidt schon mehrmals eigens nach Japan gereist ist, sowie die geplanten wöchentlichen Gespräche über den Internet-Dienst Skype werden von der Mutter einfach abgesagt. Schmidt hat seit knapp drei Jahren kein Lebenszeichen von seiner Tochter. Auf Anfrage will sich die Anwältin der Mutter nicht äußern.

Oder der Fall des Franzosen Emmanuel de Fournas, dessen Frau ebenso ohne Absprache die gemeinsame Tochter nach Japan brachte. Ein Sieg vor einem französischen Gericht sowie ein Antrag über das Haager Abkommen auf Rückführung nach Frankreich haben de Fournas bis jetzt nicht geholfen. „Ich dachte, ich könnte von den klaren Haager Regeln profitieren“, sagte er in einem Interview. „Aber die werden in Japan nicht respektiert.“ Die Liste solcher Fälle, wo ein Elternteil recht hat, aber dies nicht umsetzen kann, ließe sich noch länger fortführen.

Er schaut sich Fotos seiner Kinder an. Seine Augen sind glasig

Der Fall von Björn Echternach geht sogar noch weiter. Anders als die meisten ausländischen Eltern hat er schon vor japanischen Gerichten in mehreren Instanzen recht bekommen. Im Dezember 2018 beschloss das Tokioter Familiengericht einen indirekten Vollzug des Haager Abkommens, wodurch die Mutter durch jeden verstrichenen Monat, den sie ihre zwei Kinder nicht an den Vater übergibt, eine Strafe zahlen muss. Nachdem über drei Monate weder gezahlt noch die Kinder übergeben wurden, entschied das Gericht im März auf einen direkten Vollzug. Dieser soll in Kürze in Tokio erfolgen. Trotzdem hat Echternach guten Grund, zu bezweifeln, dass er seine Söhne bald wiedersehen wird. Die Gerichtsvollzieher vor Ort sind nämlich trotz rechtskräftigen Urteils nicht befugt, die Kinder ohne Zustimmung der Mutter mitzunehmen.

Ein paar Straßen und einen Park weiter hat sich Björn Echternach auf eine regennasse Bank gesetzt und scrollt durch alte Bilder auf seinem Handy. Seine Augen sind glasig. „Was mich am traurigsten macht, ist der Gedanke daran, dass Karl und Johann sich manchmal einsam fühlen, und ich dann nicht für sie da sein kann.“ Manchmal denkt er darüber nach, sagt er, was für eine Version der Trennung wohl bei den Kindern angekommen sei. „Wahrscheinlich hat ihre Mutter ihnen entweder gesagt, dass ihr Vater sie nicht mehr liebt, oder dass er tot ist.“ Und falls das Recht, das sich Björn Echternach als Vater vor Gericht erkämpft hat, weiter undurchsetzbar bleibt, könnte es noch einige Zeit dauern, bis sich die Sache aufklären lässt.

Bis auf Weiteres kann der Vater erst ab der Volljährigkeit der beiden Söhne Kontakt aufnehmen, ohne mit der japanischen Polizei in Konflikt zu geraten. Für die Zwischenzeit hat sich Björn Echternach geschworen, jede Stunde, die er sonst mit seinen Kindern verbracht hätte, in die Interessenvertretung zu stecken. Mit anderen Eltern hat er sich verbündet, den Verein „Japan Child Abduction“ gegründet, der über die Entführungen informiert, Rechtsberatung gibt und bei Regierungen vorstellig wird. „Es ist alles, was wir tun können“, sagt der Vater ohne Söhne mit gebrochener Stimme. „Aber das müssen wir tun. Japan verletzt die Rechte der Eltern. Aber vor allem die der Kinder.“

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren