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Nördlingen

06.08.2020

Wie vier Astronauten im Ries für ihre Reise zum Mond übten

Alan Shepard nimmt Gesteinsproben im Ottinger Steinbruch unter die Lupe. Die Astronauten nahmen ihr Feldtraining außerordentlich ernst.
Bild: Otto Hahn

Plus Im August 1970 absolvierten vier amerikanische Astronauten ein geologisches Feldtraining in der Region. Um diese ereignisreiche Woche vor exakt 50 Jahren ranken sich noch heute Erzählungen und Mythen.

Chefreporter Karl Pflugmacher war in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Legende im Augsburger Mutterhaus unserer Zeitung. Dem kleinen, drahtigen Mann mit gepflegtem Kinnbart und wachen Augen entging selten etwas, wenn er bei einem Ortstermin in den Beobachtermodus schaltete. Wenn der „kapf“, wie ihn Freunde und Kollegen in Anlehnung an sein Autorenkürzel gerne nannten, also im August 1970 wortgewaltig aus Nördlingen für den Bayern-Teil berichtete, dann gab es keinen Grund, am Wahrheitsgehalt zu zweifeln. Die zum geologischen Feldtraining ins Ries beorderten NASA-Astronauten hätten bei einer abendlichen Bierprobe vier Liter „German Weizenbier“ intus gehabt, schrieb Pflugmacher und zitierte den „dezent rülpsenden“ künftigen Apollo 14-Kommandanten Alan Shepard: „Mehr geht nicht mehr, sonst pass’ ich nicht mehr in meinen maßgeschneiderten Raumanzug.“

Cernan war der bislang letzte Mensch auf dem Erdtrabanten

Die erste bemannte Mondlandung war gerade mal 14 Monate her, das Interesse an der Raumfahrt weltweit riesengroß. So gesehen ist es ein internationales Ereignis, als die amerikanischen Astronauten Alan Shepard, Edgar Mitchell, Eugene Cernan und Joe Engle (Ersatzmann für die Apollo 14-Crew) in der zweiten Augustwoche des Jahres 1970 – also vor exakt 50 Jahren – in Nordschwaben eintreffen, um es im Meteoritenkrater Ries mit mondähnlichem Gestein zu tun zu haben. Drei der Raumfahrer betreten bei den folgenden Apollo-Missionen den Mond; Cernan ist im Dezember 1972 sogar der bislang letzte Mensch, der seinen Fuß auf den Erdtrabanten setzt.

Das offizielle Apollo 14-Crewfoto mit Edgar Mitchell (links) und Kommandant Alan Shepard, die im Februar 1971 auf dem Mond landeten.
Bild: NASA

Die amerikanische Weltraumbehörde NASA hat die Devise ausgegeben, wenig Aufhebens vom Geologie-Crashkurs der Astronauten und ihrer wissenschaftlichen Begleiter zu machen. Ziel der Mission, die vom 10. bis zum 15. August dauern sollte, ist es, den künftigen Mondbesuchern weitergehende Kenntnisse der Gesteinskunde zu vermitteln, um Gesteinsproben auf dem Mond sehr viel gezielter einzusammeln. Sieben Steinbrüche im Ries und in der Umgebung arbeitet das Quartett an drei Tagen ab, wohlwollend begleitet von Geologieprofessor Wolf von Engelhardt von der Universität Tübingen.

Wie vier Astronauten im Ries für ihre Reise zum Mond übten

Die Astronauten waren im Landkreis Donau-Ries unterwegs

Der Weg führt unter anderem in den damaligen Siegling-Steinbruch bei Holheim (heute Geotop Lindle), wo zum Abschluss auch eine große Pressekonferenz stattfindet, in den Maihinger Steinbruch Langenmühle und in den Suevit-Steinbruch Otting. Dass das Ganze kein lockerer Betriebsausflug mit Bierprobe werden soll, unterstreicht der spätere Apollo 17-Kommandant Cernan: „Wir wissen wohl, was man von uns erwartet. Deshalb nehmen wir auch die geologische Feldarbeit absolut ernst. Selbst wenn es manchmal lustig aussehen mag, wenn wir in den Steinwänden herumklettern und die Geologenhammer wie ein Indianerbeil schwingen.“

Die Erinnerungstafel am ehemaligen Gasthaus „Zur Sonne“ in Wemding, wo die Astronauten am 12. August 1970 einkehrten.
Bild: Thomas Unflath

Weil die weit gereiste Delegation von ihren deutschen Begleitern zumindest bei den Arbeitseinsätzen nach Möglichkeit abgeschirmt wird, sind Fotos zu Beginn der Woche rar. Selbst der Kameramann der damals legendären „Wochenschau“, eigens aus Hamburg angereist, erhält einen „Platzverweis“ und muss unverrichteter Dinge wieder abziehen. Geschickter stellt es ein Filmer und Fotograf aus der württembergischen Nachbarschaft an: Otto Hahn aus Bopfingen. Der damals 35-jährige gelernte Maschinenbauer hat sich als Tier- und Naturfilmer gerade selbstständig gemacht und die amerikanische Delegation bereits am Vortag bei einer Stadtführung am Nördlinger Kriegerbrunnen kennengelernt. Auch Autogramme hat er ergattert, darunter eines von Eugene Cernan, der wunschgemäß Hahns Reisepass signiert („wir hatten einfach kein Papier zur Hand“).

Das legendäre Weizenbier-Foto im Nördlinger „Hotel Sonne“ mit (von links) Edgar Mitchell, Eugene Cernan, Joe Engle und Alan Shepard. Vier Liter habe jeder Astronaut am Ende des Abends intus gehabt, berichteten Beobachter.
Bild: Fred Schöllhor

Hahn wird zwar misstrauisch beäugt, darf aber im Unterschied zu seinen Kollegen bleiben. „Jetzt oder nie, habe ich mir damals gedacht, und losgelegt“, erzählt der mittlerweile 85-jährige Schwabe vor wenigen Tagen unserer Zeitung. Einige Dutzend Schwarz-Weiß-Bilder und ein Fünf-Minuten-Streifen im 16-Millimeter-Filmformat kommen am Ende zusammen. Die Filmdokumente kann Hahn am nächsten Tag für die seinerzeit beachtliche Summe von 3500 Mark an das Zweite Deutsche Fernsehen verkaufen; bis heute sind es die einzigen bewegten Bilder dieser Woche, die auch im Rieskratermuseum in Nördlingen anzuschauen sind.

Armverletzung nach Radrunde auf der Stadtmauer

Hahns sich anbahnendem Vertrauensverhältnis zu den Astronauten verdanken wir außerdem die abenteuerliche Geschichte von Eugene Cernans Trip auf der Nördlinger Stadtmauer. Dem Fotografen war beim abendlichen Umtrunk der Verband an Cernans linkem Ellbogen aufgefallen und er fragte nach, was denn passiert sei. Cernan habe offenbar aus Übermut eine Radrunde auf der Stadtmauer gedreht und sei dabei gestürzt, erfuhr er. „Wir dachten uns: Das kann ja heiter werden auf dem Mond“, witzelt Hahn heute. Tatsächlich war Eugene Cernan bei der späteren Apollo 17-Mission der einzige Astronaut, der den Kotflügel eines Mondfahrzeugs schrottete.

Der Bopfinger Otto Hahn blättert im Erinnerungsalbum mit Fotos und Briefen zum Astronautenbesuch des Jahres 1970.
Bild: Robert Milde

Heute erinnern vielerorts Erinnerungstafeln und -bilder an den illustren Besuch des Hochsommers 1970. Auf dem Rückweg von Otting kehrte die Delegation beispielsweise im Gasthaus „Zur Sonne“ (heute Pizzeria La Fontana) in Wemding ein und freute sich vor allem über die bayerische Wurstvielfalt. In der Wallfahrtsstadt gab es zudem einen Eintrag ins Goldene Buch der Stadt, tags darauf auch in Nördlingen bei einem Empfang von Oberbürgermeister Dr. Hermann Keßler, der eigens aus dem Urlaub anreiste.

Astronaut Eugene Cernan mit (von links) Irmgard, Hermann und Gertrud Hahn, Ehefrau, Bruder und Schwägerin von Otto Hahn. An Cernans linkem Arm ist deutlich ein Verband zu sehen; er hatte sich auf der Nördlinger Stadtmauer verletzt.
Bild: Otto Hahn

Sieht man von Otto Hahn und seiner Frau ab, die nach wie vor am Stadtrand von Bopfingen zu Hause sind, leben die Protagonisten des Jahres 1970 allesamt nicht mehr, die Astronauten nicht und auch der legendäre Karl Pflugmacher nicht. Selbst das „German Weizenbier“, dem die Weltraumfahrer damals wohl eher maßweise als maßvoll zugetan waren, gibt es längst nicht mehr: Die traditionsreiche Sixen-Brauerei, die seinerzeit zahlreiche Hotels und Gaststätten versorgte, hat bereits Ende der 1980er-Jahre den Betrieb eingestellt.

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