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RN-Serie

19.01.2015

Wo das Ei ein Gaggali ist

Der in die Rolle eines Clowns geschlüpfte Rieser Fasnachtshansel sammelte neben Eiern auch Küchle in seinen Korb.

Kreisheimatpfleger Herbert Dettweiler schreibt über die Rieser Dialekte

Im Jahr 1999 brachten Hartmut Steger und vier weitere Grosselfinger Freunde im Steinmeier-Verlag Nördlingen das „Wörterbuch der Rieser Mundarten“ heraus, um – wie sie in ihrer Einführung schrieben– etwas festzuhalten, was verloren zu gehen droht und die Rieser Mundart, die nur den Riesern gehört, weiter „zu achten, zu pflegen und zu bewahren.“ Da genau dieses Anliegen eine der Aufgaben eines bayerischen Heimatpflegers ist, nämlich Brauchtum, Trachten, Volkslied, Volksmusik, Volkstanz und Mundart“ zu pflegen, werden die Rieser Nachrichten in unregelmäßigen Abständen jeweils eine kleine Mundart-Geschichte veröffentlichen.

Brauchtum und Mundart sind oft untrennbar miteinander verknüpft, wie gleich unser erstes Wortbeispiel zeigen wird, das Hühner-Ei.

Früher war es beispielsweise an Fas(t)nacht üblich, dass aus der Schule gekommene Burschen mit einem Fasnachtswagen von Ort zu Ort zogen, Gaudi machten und dafür bei den Bauern danach allerlei Gaben einsammelten. Mit dem Schlachtruf: „Ga-ga-ga-gaak, d’Henna lega alle Tag!“ wurden die Bäuerinnen aufgefordert, neben Schmalzgebackenem auch Eier heraus zu rücken, die dann später gemeinsam im Wirtshaus des eigenen Dorfes verzehrt oder/und bei einer Eierhändlerin zu Bargeld gemacht wurden. Diese Zeiten sind längst vorbei.

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In manchen Dörfern ist es aber heute noch Brauch, dass „maschkierte“ Kinder an Fasnacht von Haus zu Haus ziehen und um Gaben betteln, etwa Küchle und Krapfen, Bonbons und Eier:

„Hasabäre, Muckastera,

fliagt a Vögele übers Haus,

Baura gent a Oile raus!

D’Kiachla sen scho bacha,

i has höara kracha!“

Wenn also „a Oile“ heraus gegeben werden sollte, muss das drinnen im Ries gewesen sein, denn nur da heißt das Ei „Oi“. Im östlichen Ries um Wemding herum heißt das Ei „Oa“, wird also bereits bayrisch ausgesprochen. Und nördlich von Oettingen, auf Franken zu, gibt es weder Oier noch Oaer, sondern Gaggali (Einzahl: a Gaggala).

Jahrtausende lang war das Ries bei allen Kulturen und Völkern ein begehrter Landstrich, bei den Menschen der Alt-, Mittel- und Jungsteinzeit genauso wie zur Zeit der Kelten und Römer. Dann kamen die Alemannen (Schwaben) und gründeten ihre -ingen-Orte. Ab dem 6. Jahrhundert siedelten hier im Ries die Franken und selbst die Baiern drangen von Osten bis zum Ries vor. Alle -ing-Orte können dieser bayerischen Landnahme zugeordnet werden: Wemding, Otting, Warching u.a. Jeder Volksstamm hatte seine eigene Mundart - und deshalb ist das Ries ein Gemisch in Brauchtum und Mundart. Die Begriffe Fasnacht (schwäbisch), Fasching (bayerisch) und Karneval werden hier durcheinander benutzt und ge-braucht. Die Grenzen fließen, doch unterschiedliche Sprechweisen sind feststellbar.

Ganz fertig sind wir aber noch nicht mit der Sprachbetrachtung über das Ei, denn da gibt es im Ries ja noch das „O˚-gliggsoi“. Laut Wörterbuch von Hartmut Steger, Seite 121, heißt es da: „wrtl. Unglücksei = Ei ohne Dotter. Solche Eier sind kleiner und von missratener Form. Sie werden gerne über ein Dach geworfen, wobei der Werfer mit dem Rücken zum betreffenden Gebäude stehen muss. Dieser Brauch soll Unglück für das Anwesen und seine Bewohner verhindern.“

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