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08.01.2019

„Woll-Lust“ in Nördlingen schließt

Gitti Loibl gab sich der Woll-Lust mit Herz und Seele hin; doch es kam nicht einmal der Mindestlohn dabei heraus.
Bild: Ronald Hummel

Plus Zwölf Jahre lang führte Gitti Loibl den Laden in der Löpsinger Straße. Warum sie jetzt aufhört.

Innerhalb einer halben Stunde eröffnet sich die ganze Seele, die im „Woll-Lust“-Laden steckt: Eine ältere Dame legt eine Zeitschrift auf den Tisch – die Enkelin will unbedingt, dass sie ihr den abgebildeten Woll-Wichtel strickt. Ladeninhaberin Gitti Loibl sucht das passende Material zusammen, legt eine Farbauswahl vor, sagt, welche Nadeln dafür passen. Eine andere Frau hat eine Mütze dabei, sucht die passende Wolle für einen Schal. Da wartet schon eine Kundin mit einem Schal, den sie nachstricken will – Gitti Loibl wiegt ihn: „Das sind genau zwei Knäuel“. Gäbe es ein Citta-Slow-Emblem, dieser Laden mitsamt seiner Chefin hätte es wahrlich verdient.

Vor zwölf Jahren eröffnete Gitti Loibl, bis dahin war an dieser Stelle Elly Schönherr-Beers exklusives Hut-Geschäft angesiedelt. Die Rahmenbedingungen hätten bis zuletzt gestimmt: „Das Umfeld in Altstadt und Fußgängerzone ist sehr schön, der Einzelhandel ist nicht zuletzt durch den Stadtmarketing-Verein gut organisiert.“ Ihr Konzept war klassisch einfach – angeboten wurde hochwertige Wolle in riesiger Auswahl, dazu Fachberatung „von der ersten bis zur letzten Masche“, also von Farbe, Material, Stricknadeln bis zu Tipps wie etwa Größenänderungen während des Strickens. Der Laden ist behaglich eingerichtet, Holzregale reichen vom Boden bis zur Decke, ein Regal mit Handarbeits-Zeitschriften steht neben einem Tisch mit vier Stühlen, die zum ausführlichen Kundengespräch einladen.

Gitti Loibl gab Handarbeitskurse an der Volkshochschule; einmal im Monat veranstaltete Mitarbeiterin Leeanne Walter privat einen Strick-Treff am Samstagnachmittag, das wird es auch weiterhin noch geben. Doch gerade der Extra-Service ließ zusammen mit den üblichen Zusatzaufgaben wie Buchhaltung oder Lagerführung alles in eine Schieflage geraten: „Ich kam auf 50 Wochenstunden, aber nicht auf den gesetzlichen Mindestlohn für mich“, sagt Gitti Loibl. Und es war nie genug: Sie solle doch früher öffnen und am Samstag später schließen, hieß es, trotz beispielloser Auswahl fehlte genau der richtige Ton. „Ein bisschen fühlte ich mich wie der berühmte Prophet im eigenen Land“, meint sie und lacht, „vor allem, wenn Touristen restlos begeistert vom Sortiment waren und sich oft kiloweise Wolle an die Heimatadresse schicken ließen.“ Natürlich gab es auch die üblichen Zeiterscheinungen, unter denen der gesamte Fachhandel leidet: So ließen sich Kunden lange und ausführlich beraten, befühlten ausgiebig die Wolle, machten ein Foto von der Banderole und verschwanden. Klar, sie bestellten im Internet, aber zuweilen kamen sie glatt zurück, erklärten, sie hätten ein Knäuel zu wenig bestellt, das Nachbestellen sei ihnen zu umständlich und das solle doch bitte die Chefin erledigen.

Gitti Loibl ist alles andere als enttäuscht oder geknickt: „Ich bin ein positiver Mensch – es war eine wunderschöne Zeit mit dem Laden und es wird eine wunderschöne Zeit folgen, aber jetzt ist für mich einfach der Moment, aufzuhören.“ Der Laden wird bis Anfang, Mitte Februar vollständig aufgelöst, je nachdem, wie der Ausverkauf läuft. Nachfolge gibt es (noch) keine, Loibl selbst hat noch keine konkreten Pläne, will nun aber eher als Angestellte arbeiten, anstatt weiter als Selbstständige um ihre Existenz zu kämpfen.

Es gibt einen Wandel in der Nördlinger Innenstadt. Lesen Sie hier, welche Geschäfte eröffnet haben: Nördlingen: Mit drei Geschäftsideen ins neue Jahr

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