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Gericht

16.01.2019

„Zwölf Stämme“: Bewährung für Schläge mit Rute

Das Landgericht Augsburg verteilte einen 52-Jährigen zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung.
Bild: Alexander Kaya (Symbolbild)

Der Richter sah es als erwiesen an, dass ein 52-Jähriger Angeklagter der „Zwölf Stämme“ zwei Kinder geschlagen hat. Was die Buben vor Gericht aussagten.

Ein Jahr Gefängnisstrafe, ausgesetzt zur Bewährung – dazu hat das Augsburger Landgericht einen 52-jährigen Landwirt der Sekte „Zwölf Stämme“ verurteilt. Ihm wurde vorgeworfen, dass er vor etwa sechs Jahren zwei Kinder geschlagen haben soll. An die beiden Buben muss der Mann zudem je 500 Euro Schmerzensgeld zahlen. Damit fällt das Urteil anders aus als das des Amtsgerichts Nördlingen vom Sommer 2018. Dort war der Angeklagte zu 15 Monaten Haft verurteilt worden. Dagegen war der 52-Jährige in Berufung gegangen.

Nachdem das Gericht am ersten Verhandlungstag die Video-Aufzeichnungen der Aussagen der beiden Kinder von Anfang 2016 angeschaut hatte, wurden gestern die beiden Buben direkt als Zeugen vernommen. Ein heute 14-jähriger Schüler hatte seinen Pflegeeltern erzählt, wie er als etwa Achtjähriger von dem 52-Jährigen mehrfach mit einer Rute gezüchtigt worden war. Und zwar auf dem Gelände einer Solar-Anlage nahe Neuburg an der Donau, die die „Zwölf Stämme“ betreut hatten und wo weidende Schafe zu versorgen waren. Er und der 52-Jährige seien dort mit dem Auto hingefahren – vor allem, um den Schafe Wasser zu geben. Weitere Details zu dem, was der Bub bisher ausgesagt hatte, fielen ihm auch auf Nachfrage des Richters nicht ein.

Ähnlich die Situation bei dem zweiten Buben: Der 13-Jährige hatte seinen Pflegeeltern geschildert, wie der Angeklagte, seine Mutter und eine Erzieherin ihn in einem Kellerraum („Schlagekeller“) auf Kloster Zimmern mit der Rute gezüchtigt hatten.

Staatsanwalt glaubte den Aussagen der Kinder

Als Gutachter befasste sich ein Biomechaniker vom Landesgesundheitsamt mit den Auswirkungen von Ruteschlägen auf den menschlichen Körper. Nach seiner Erklärung hätten hölzerne Ruten, wie sie die Kinder beschrieben haben, lediglich zu oberflächlichen, leichteren Verletzungen führen können. Freilich könnten auch diese sehr schmerzhaft sein.

Für Staatsanwalt Martin Neumann bestanden an den Aussagen der Kinder keine Zweifel. Für ihn waren die dem Angeklagten zur Last gelegten Misshandlungen glaubhaft. Gerade die Lücken in der Erinnerung und die mögliche Vermischung von Tatsachen seien Anzeichen dafür, dass die Buben in ihren Schilderung keine lückenlosen Fantasiegeschichten mit Erklärungen für alles ablieferten.

Wie bereits sein Kollege in Nördlingen forderte er, den Angeklagten zu einer Haftstrafe von zwei Jahren zu verurteilen. Dieser Forderung schloss sich Tino Brückner als Nebenklagevertreter der beiden Kinder an. Brückner gab vor allem zu bedenken, welches Motiv die beiden Buben haben sollten, den Angeklagten verurteilt zu sehen. An den Beschreibungen der Kinder habe er keine Zweifel.

Der Angeklagte zeigte in seinen letzten Worten Reue und bestritt die Tat

Eben die hatte Rechtsanwalt Hans Werner Forkel. Nicht sein Mandant müsse seine Unschuld beweisen, sondern die Ankläger mögliche Taten seitens des Angeklagten. Und da gebe es erhebliche Zweifel. Es gebe keine belastbaren Aussagen, die die vorgeworfenen Taten beweisen. Deswegen forderte Forkel wie bereits vor dem Amtsgericht in Nördlingen erneut einen Freispruch für seinen Mandanten.

Der Angeklagte zeigte in seinen letzten Worten Reue, sollte er den Kindern Leid zugefügt haben. Die ihm vorgeworfenen Taten habe es aber nicht gegeben, sie passten nicht zu seinen Überzeugungen.

Die Jugendstrafkammer um Vorsitzenden Richter Lenart Hoesch glaubte den Aussagen der Kinder und wertete die Ruteschläge als vorsätzliche Körperverletzung. Gerade in seinen letzten Worten habe der Angeklagte so etwas wie Reue, wie ein Geständnis, angedeutet.

Bei den Buben sah das Gericht keinen Grund, warum sie den Angeklagten unberechtigt belasten hätten sollen. Weil der 52-Jährige bislang nicht vorbestraft sei und man davon ausgehe, dass er in Tschechien, wo er jetzt mit den „Zwölf Stämmen“ lebt, keine Kinder mehr züchtigen werde, könne die Haftstrafe von einem Jahr zur Bewährung ausgesetzt werden, so die Begründung der Kammer. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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