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Justiz

13.02.2015

Zwölf Stämme: Verfahren ziehen sich in die Länge

Das Gut Klosterzimmern bei Deiningen ist in Besitz der Sekte "Zwölf Stämme". Immer wieder hat die Glaubensgemeinschaft Probleme mit den Behörden.
Bild: Richard Lechner (Archiv)

Das Gericht verurteilte drei Frauen der Sekte, weil sie ihre Kinder geschlagen hatten. Dagegen wurde nun Berufung eingelegt. Auch beim Sorgerechtsstreit ist kein Ende in Sicht.

Die Polizei kam im Morgengrauen. Es war kurz nach sechs Uhr, als einhundert Beamte sowie Mitarbeiter des Jugendamtes alle 24 minderjährigen Kinder der Glaubensgemeinschaft Zwölf Stämme in Klosterzimmern abholten und sie in Pflegeeinrichtungen brachten. Es war eine in dieser Größenordnung beispiellose Inobhutnahme, wie es im Amtsdeutsch heißt, vielleicht die umfangreichste, die es jemals in Deutschland gab.

Das war am 5. September 2013, vor eineinhalb Jahren. Seitdem hat sich einiges verändert. Fünf Kinder der Zwölf Stämme durften per Gerichtsbeschluss zurück zu ihren Eltern, zwei weitere Mädchen rissen aus ihrem Heim aus. Die Polizei hat sie noch nicht gefunden, auch nicht bei einer Razzia in Klosterzimmern im Juli 2014.

Einiges hat sich aber auch nicht verändert: 16 Kinder leben noch in Pflegeheimen oder Familien. Und vor dem Familiengericht in Nördlingen laufen weiterhin die Verhandlungen, in denen geklärt werden soll, wer das Sorgerecht bekommt. Ob die Kinder langfristig in den Pflegeeinrichtungen bleiben oder bei ihren Eltern besser aufgehoben sind. Ein zügiges Ende dieser Verfahren ist offenbar nicht in Sicht, wie Amtsgerichts-Pressesprecher Helmut Beyschlag erklärt. Zuletzt hatten sich die Sektenmitglieder gegen Gutachten gesträubt, die das Gericht erstellen lassen wollte. Psychologische Sachverständige sollen darin klären, was für das Wohl der Kinder besser ist: Sie von den Eltern zu trennen oder sie in den Familien zu lassen.

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Das Gericht hat nun in sechs Fällen entschieden, dass die Gutachten auch ohne Mitwirkung der Eltern angefertigt werden dürfen. Es könnte in dem Sorgerechtsstreit ein entscheidender Schritt sein. Doch die juristischen Vertreter der Sektenmitglieder haben in fünf der sechs Fälle gegen die Entscheidung des Gerichtes Beschwerde eingelegt. Das Verfahren wird sich noch eine Weile hinziehen.

Gerade diese Dauer bemängelt Michael Langhans, der elf Familien der Sekte vor dem Familiengericht vertritt. Alle 14 Tage, sagt der Anwalt, sehen sich die Eltern der Zwölf Stämme und ihre Kinder unter Aufsicht. „Die Kinder leben seit 16 Monaten mit einer Ungewissheit, die mindestens genau so traumatisierend ist, wie es die angeblichen Taten der Eltern sein könnten.“ Unter den aktuellen Voraussetzungen des Sorgerechtsstreites seien seine Mandanten nicht bereit, an Gutachten mitzuwirken. Damit würden sie das Verfahren aber nicht verzögern. „Wir nehmen für uns schon in Anspruch, verfassungsmäßige Rechte wahrzunehmen.“

Auch die Strafverfahren gegen zwei Mitglieder der Sekte sind noch nicht abgeschlossen. Sie gehen in eine neue Runde. Das Amtsgericht Nördlingen hatte die Frauen jüngst wegen gefährlicher Körperverletzung zu Bewährungsstrafen von neun und sechs Monaten verurteilte, weil sie ihre Kinder mit Ruten geschlagen hatten. Als einzige Beweise dienten Aufnahmen des RTL-Reporters Wolfram Kuhnigk, der sich im Sommer 2013 zwei Wochen in die Glaubensgemeinschaft eingeschleust und die Schläge gefilmt hatte. Ob diese Videos überhaupt als Beweismittel verwendet werden dürfen, war vor Gericht strittig, da sie heimlich aufgenommen wurden. Richter Gerhard Schamann stufte sie als zulässig ein, ahnte aber schon während der Verhandlung, dass die Sache damit nicht abgeschlossen sein würde. „Ich gehe davon aus“, sagte er, „dass es in einer weiteren Instanz weitergeht.“

So kommt es nun auch. Die Verteidiger der beiden Frauen haben Berufung eingelegt. Auch in dem Fall einer Sektenaussteigerin, die für die Züchtigungen ihres Sohnes eine dreimonate Bewährungsstrafe erhielt, kommt es zu einem Berufungsverfahren. Das bedeutet: Die nächsthöhere Instanz wird sich mit den Fällen beschäftigen, und das ist das Landgericht Augsburg. In einem halben oder dreiviertel Jahr könnte es soweit sein. Die Staatsanwaltschaft hat ebenfalls Berufung eingelegt. Sie fordert höhere Strafen für die Frauen.

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