1. Startseite
  2. Lokales (Nördlingen)
  3. Lokalsport
  4. Die boxenden Zwillingsbrüder aus Wörnitzostheim

Sportgeschichte

30.11.2019

Die boxenden Zwillingsbrüder aus Wörnitzostheim

Die boxenden Zwillingsbrüder Herbert (links) und Walter Hochradel.
Bild: Karl Hochradel

Vor 50 Jahren entschieden sich Herbert und Walter Hochradel für eine im Ries noch ganz junge Sportart.

Wer dieser Tage in der lokalen Sporthistorie ein halbes Jahrhundert zurückblickt, wird auf eine Sportart stoßen, die seiner Zeit sozusagen wie „Phönix aus der Asche“ in den Blickpunkt geriet: Die Wörnitzostheimer Zwillinge Herbert und Walter Hochradel ernteten nämlich da in der nationalen und auch internationalen Amateur-box-Szene erste größere Erfolge. Am 6. Dezember 1969 gewannen beide zunächst einmal die mittelfränkische Meisterschaft, und von da ab ging es in ihrer Sportkarriere über die Teilnahme an den bayerischen und dann den deutschen Meisterschaften weiter bergauf.

Viele der Älteren erinnern sich wohl auch noch an die mittlerweile legendären Mannschaftsvergleichskämpfe des Box-Clubs Gunzenhausen im voll besetzten Festzelt bei der Oettinger Kirchweih, bei der die Box-Buben aus dem 200-Seelen-Dorf im Ostries die Fliegen- (bis 51 kg) bzw. die Bantamsklasse (bis 54 kg) dominierten. Und wenn sich gar kein Gegner mehr traute, boxten sie einfach hin und wieder auch öffentlich gegeneinander. Ein Blick 50 Jahre zurück ist zum einen ein wenig nostalgisch, zum anderen aber auch dokumentarisch, weil damit die doch recht einfachen Bedingungen für die Ausübung von Leistungssport in der damaligen Zeit sichtbar werden.

Einer der zahlreichen Höhepunkte für die Rieser Box-Brüder war das gemeinsame Auftreten in Ländervergleichskämpfen sowohl für Deutschland als auch für Bayern gegen Staffeln aus Ungarn, Dänemark, Italien, Österreich sowie auch aus der Türkei und der damaligen DDR, wobei beide ihre Kämpfe vielfach erfolgreich gestalteten und sich beispielsweise auch mit Europameistern im Ring duellierten.

Die boxenden Zwillingsbrüder aus Wörnitzostheim

Wie alles anfing, lässt einen heute schmunzeln: Beide hatten damals schnell erkannt, dass der übliche Dorf-Fußball nicht ihr Sport werden sollte. Und wie das bei Zwillingen so ist – der eine weiß das und der andere dies und am Schluss wissen beide mehr – entschieden sie sich fürs Boxen. Schließlich war es ja auch die Zeit, in der der mehrmalige Box-Weltmeister Cassius Clay alias Mohammed Ali auch viele Menschen in Deutschland begeisterte und sie mitten in der Nacht gar aufstehen ließ.

Also musste die Mutter daheim halt ihre Hühnerhaltung aufgeben, damit der Stall zum „Box-Studio“ umfunktioniert werden konnte. Ein aufgehängter Boxsack verbesserte die Schlagkraft, Expander und Bullworker sorgten für Kraftzuwachs und die Teilnahme an den damals beginnenden Volksläufen und ein fleißiges Üben mit dem Springseil für Kondition.

Mehrmals wöchentlich mit dem Moped nach Gunzenhausen

Um aber das Fechten mit der Faust schulmäßig zu erlernen, mussten sie sich mangels anderer Möglichkeiten dem damals bekannten Boxclub Gunzenhausen anschließen. Mehrmals in der Woche fuhren die beiden mit ihrem Sozius-Moped bei Wind und Wetter am Abend nach getaner Berufsarbeit 40 Kilometer nach Mittelfranken und in der Nacht wieder zurück. Ein heute übliches „Elterntaxi“ war damals noch undenkbar.

Auch bei der neu gegründeten Deutschen Sporthilfe fanden die beiden jungen Rieser Boxer Berücksichtigung. Ein wenig kurios und geradezu paradox war damals allerdings der Förderungszweck: Sie bekamen nämlich einen monatlichen Betrag als Essenszuschuss, obwohl sie doch eigentlich, um die Gewichtsklasse zu halten, oft fasten mussten. Walter Hochradel bestritt schließlich etwas mehr als 100 und sein Zwillingsbruder etwa 95 Kämpfe.

Während Ersterer sich nach seiner Karriere als Funktionär und Ringsprecher weiter in den Dienst des Boxsportes – auch beim späteren Boxclub Ries – stellte, sattelte Herbert Hochradel nun zum Fallschirmspringen um. Aber auch das ist mittlerweile Geschichte. Als nun fast 70-jährige Rentner halten sich die beiden Ex-Boxer nun im Sommer mit Tauchen und im Winter mit Skifahren fit. Und nach wie vor verfolgen sie das regionale Sportgeschehen mit regem Interesse.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren