Die Sportfreunde Reinhardt Nördlingen im Gründungsjahr 1974: (stehend von links) Erwin Schröter, Karl Lichtl, Trainer Heiner „Zigarrn“ Lippenberger, Jürgen Joswig, Peter Reinhardt, Joschi Reinhardt, Karl „Rome“ Rohm, Romeo Reinhardt, Anton „Kaud“ Reinhardt, Johann „Saif“ Reinhardt und „Galamosch“ Lehmann; (kniend von links): unbekannt, Rudi „Oscht“ Lehmann, Peter Reinhardt, Wolfgang „Keule“ Gührs, Tyronne Reinhardt, Jack Reinhardt und „Glöckle“ Lehmann. Die Namen der Spieler beruhen auf Angaben von Zeitzeugen.Foto: Familie Reinhardt
1974 war ein bemerkenswertes Jahr für den Rieser Fußball. Im Sommer schoss der Nördlinger Gerd Müller Deutschland mit seinen Toren zum Weltmeistertitel. Kurz darauf nahm in seiner Heimatstadt eine neu formierte Fußballmannschaft den Spielbetrieb auf, die im bayerischen Fußball und weit darüber hinaus bis zum heutigen Tag ihresgleichen sucht. Was sie so einzigartig machte, war die Tatsache, dass sie sich mehrheitlich aus Angehörigen der Nördlinger Sinti-Familien zusammensetzte.
Die Volksgruppe der Sinti, die auf eine rund 600-jährige Geschichte in Mitteleuropa zurückblicken kann, war im Sport seit jeher so gut wie unsichtbar, auch aus Angst vor Diskriminierung. Die Nördlinger Sinti waren stolz auf ihre Herkunft und Traditionen. Dies machten sie bereits mit der Wahl des Namens für ihren Verein deutlich: Sportfreunde Reinhardt Nördlingen. Mit ihm kam neben der Liebe zum Sport und zur Heimatstadt auch zum Ausdruck, dass die Mannschaft im Wesentlichen aus Sinti bestand. Den Namen Reinhardt trugen und tragen nicht nur in Nördlingen viele Sinti-Familien.
Johann Reinhardt war die prägende Figur für das Nördlinger Sinti-Team
Vorsitzender, Finanzier und prägende Figur der Sportfreunde war Johann „Saif“ Reinhardt (1922-1992). Mit einer charismatischen Persönlichkeit ausgestattet, war er das Familienoberhaupt der Nördlinger Reinhardts und ein geschätzter Ansprechpartner für die Stadt Nördlingen. Seine von Leid und Verfolgung geprägte Lebensgeschichte kommt auch in einer aktuellen Ausstellung im Stadtmuseum zur Sprache, die sich mit Vergangenheit und Gegenwart schwäbischer Sinti und Roma auseinandersetzt.
Hier sind die Freunde Peter Reinhardt (stehend, Zweiter von links) und Gerd Müller (kniend, Zweiter von links) als Spieler der Jugendmannschaft des TSV Nördlingen auf dem Hartplatz hinter der Alten Turnhalle zu sehen. Die Aufnahme entstand circa 1960.Foto: Archiv TSV Nördlingen
Der in Geifertshofen (Kreis Schwäbisch Hall) geborene Johann Reinhardt lebte während des Krieges – wie auch seine Eltern – im Bereich Stuttgart. Er verdiente seinen Lebensunterhalt als Musiker, bis ihm die Ausübung seines Berufes 1942 von den Nationalsozialisten verboten wurde. Anschließend musste er im Raum Ludwigsburg Zwangsarbeit leisten. Im Oktober 1944 brachte seine spätere Ehefrau Lydia Bogner den gemeinsamen Sohn Peter in Obertürkheim zur Welt. Es war eine lebensgefährliche Beziehung für Johann Reinhardt. Denn Lydia war keine Sintiza, ihr Vater war in der NSDAP aktiv. 1981 berichtete Reinhardt dem Journalisten Carl Völkl, dass ihn sein Schwiegervater nicht verraten habe. Anders als viele Familienangehörige überlebte Johann Reinhardt die NS-Zeit und wusste dabei genau, wem er dies vor allem zu verdanken hatte: „Wenn Amerikaner und Russen nicht gewesen wären, ich säße heute nicht hier.“
Gerd Müller pflegte Freundschaft mit Familie Reinhardt
Nach dem Krieg zog Johann Reinhardt nach Nördlingen, wo er zunächst einige Zeit im Barackenlager bei der heutigen Würzburger Straße lebte. 1948 heiratete er Lydia. Aus dieser Ehe gingen noch die weiteren Kinder Laura und Tyronne hervor. Sein Geld verdiente Johann Reinhardt in Nördlingen mit einem Metallhandelsunternehmen. Ende der 1950er-Jahre zog er mit seiner Familie in die Luckengasse. Dort war auch der junge Gerd Müller häufig zu Gast, der anders als viele Zeitgenossen keine Vorbehalte gegenüber den Sinti hatte und sich mit Johann Reinhardts Kindern anfreundete.
Gemeinsam mit Peter spielte er beim TSV Nördlingen Fußball. Laura wurde nach Angaben von Zeitzeugen eine Art Jugendliebe Müllers. Der fußballverrückte Johann Reinhardt schließlich wurde zu einem väterlichen Freund und Förderer des jungen Torjägers. Es war wohl kein Zufall, dass die Sportfreunde Reinhardt nur kurze Zeit nach der erfolgreichen Weltmeisterschaft den Spielbetrieb aufnahmen. Die Verbindung zum „Bomber der Nation“ verschaffte ihnen Respekt in Fußballkreisen. Später liefen auch Jugendfreunde Gerd Müllers wie „Hugo“ Kraus und Horst Dürr für die Sportfreunde Reinhardt auf. Einige Spieler aus den Reihen der Familie Klamt waren über Gerd Müllers Schwester Paula sogar mit dem Torjäger verwandt.
Heiner Lippenberger führte Sportfreunde Reinhardt als Trainer auf Erfolgskurs
Die Wahl des Trainers für die Premierensaison 1974/75 unterstrich die sportlichen Ambitionen der Sportfreunde. Kein Geringerer als TSV-Urgestein Heiner „Zigarrn“ Lippenberger sollte die neue Mannschaft auf Erfolgskurs bringen. Dabei hatte er aber mit diversen Problemen zu kämpfen. So war ein geregelter Spiel- und Trainingsbetrieb mangels eines eigenen Fußballplatzes nicht gewährleistet. Da die Stadt Nördlingen keinen Platz zur Verfügung stellte, musste die neu zusammengestellte Mannschaft ihre Spiele in der C-Klasse Nord I zunächst alle auswärts bestreiten. Erst später wurde die Berger Wiese zur Spielstätte der Sportfreunde.
Bei einem Pokalturnier in Wallerstein wurden die Sportfreunde Reinhardt (kniend im Vordergrund) Zweiter nach einer Finalniederlage gegen Marktoffingen (stehend im Hintergrund). Außerdem durfte sich Johann Reinhardt (links stehend) über den Gewinn des Fairness-Pokals freuen.Foto: Fred Kraus
Das erste Punktspiel der Vereinsgeschichte gegen Amerdingen endete noch mit einer deftigen 7:1-Niederlage. Im Lauf der Zeit wurde aus der Ansammlung von vielen technisch versierten Einzelspielern eine echte Einheit, die sich durch guten Teamgeist auszeichnete und die erste Spielzeit auf einem respektablen siebten Platz beendete. In der dritten und erfolgreichsten Saison ihres Bestehens wurden die Sportfreunde Vize-Meister und verpassten den Titelgewinn nur knapp. Im entscheidenden Spiel gegen den späteren Meister Mönchsdeggingen kam es auf dem Feld laut Rieser Nachrichten zu „Tumulten und Schlägereien“, nachdem der Schiedsrichter kurz vor Schluss einen umstrittenen Elfmeter gegen die Sportfreunde verhängt hatte.
1983 endete die Geschichte der Sportfreunde wegen Nachwuchsmangel
Außerhalb der Punktspielrunde nahmen die Sportfreunde häufig an den traditionellen Pokalturnieren der Rieser Dorfvereine teil und konnten dabei einige Erfolge erzielen. Bei einem Turnier in Wallerstein belegte man den zweiten Platz und wurde darüber hinaus als fairste Mannschaft ausgezeichnet. Noch erfolgreicher waren die Sportfreunde in Grosselfingen, wo sie bereits im ersten Jahr ihres Bestehens Pokalsieger wurden.
Noch heute rühmen Zeitzeugen die Gastfreundschaft der Sportfreunde. Wenn diese nach den Spielen auf der Berger Wiese mit traditioneller Sinti-Musik feierten, wurden regelmäßig auch die gegnerischen Spieler eingeladen. Nach insgesamt neun Spielzeiten ging 1983 die Geschichte der einzigartigen Mannschaft aufgrund von Nachwuchsproblemen zu Ende. Bei den Rieser Fußballfreunden ist sie unvergessen. Das liegt auch an Spielern, die echte „Typen“ waren, wie Wolfgang „Keule“ Gührs (Spitzname: „Kamikaze-Torwart“), Karl „Rome“ Rohm oder „Glöckle“ Lehmann, um nur einige zu nennen. Die Sportfreunde Reinhardt liebten den Fußball und dienen bis heute als Beispiel dafür, was diese Sportart zu leisten vermag, nämlich Menschen über gesellschaftliche Grenzen miteinander zu verbinden.
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