Die Mutter liegt betrunken und nicht ansprechbar auf dem Sofa oder der Vater wird nach ein paar Bier gewalttätig: Es gibt Kinder, für die dies traurige Realität ist, auch in unserer Region. Leider ist die Zahl hoch: „Vier bis fünf Kinder in einer Grundschulklasse oder einer Kindergartengruppe wachsen in einer Familie auf, die von Sucht belastet ist. Auch im Landkreis Donau-Ries“, sagt Petra Bieneck-Ratzka, Sozialpädagogin und Therapeutin bei der Suchtfachambulanz der Diakonie Donau-Ries. 2,6 Millionen Kinder wachsen in Deutschland in Familien auf, in denen es ein Alkoholproblem gibt, 40.000 bis 60.000 Kinder haben Eltern, die von illegalen Drogen abhängig sind.
Deshalb hat man bei der Diakonie Donau-Ries im vergangenen Jahr ein Konzept zur Fortbildung von Fachpersonal aus Kindertagesstätten entwickelt, um die Verantwortlichen für das Problem zu sensibilisieren. Das Team des evangelisch-lutherischen Kinderhauses St. Martin in Nördlingen hat dieses Angebot kürzlich in Anspruch genommen.
Mieling: Kinder suchtkranker Eltern fehlt ein normales soziales Leben
Denn in Kindergarten oder Schule lernten diese Kinder oft zum ersten Mal, was es heißt, sich sicher zu fühlen und Vertrauen zu einer Bezugsperson zu haben. Eltern seien aufgrund ihrer Suchterkrankung meist nicht in der Lage, eine stabile Bindung zu den Kindern aufrechtzuerhalten, sagt Raluca Mieling, Sozialpädagogin bei der Diakonie Donau-Ries. „Da ist es manchmal so, dass die Mama morgens getrunken hat und deshalb für die Kinder entweder gar nicht ansprechbar ist oder aggressiv reagiert“, so die Sozialpädagogin. Kinder, die von suchtkranken Eltern erzogen werden, hätten nicht die Möglichkeit, sich normal zu entwickeln, und hätten kein soziales Leben wie andere. Es gebe keine Krabbelgruppe oder kein Verabreden mit anderen Eltern auf dem Spielplatz, sagt Mieling.
Betroffen seien im Übrigen alle Bevölkerungsschichten, vom Brennpunkt bis zur Akademikerfamilie, sagt Brigitta Lechner, Leiterin des evangelischen Kinderhauses St. Martin. „Die Kinder vereinsamen, haben so gut wie keinen Selbstwert und kaum Ehrgeiz, denn es ist ja niemand da, der sie lobt oder bewertet. Zudem müssten sie immer mit einer heftigen, etwa aggressiven Reaktion der Eltern rechnen.
Lechner: Kinder aus Suchtfamilien werden oft selbst süchtig
Die Folgen sind weitreichend. „Etwa ein Drittel der Kinder aus suchtbelasteten Familien entwickelt selbst eine Sucht oder eine psychische Erkrankung“, sagt Lechner. Denn aufgrund ihrer Vorgeschichte hätten sie oft keine Resilienz, mit Problemen umzugehen. Zudem gingen diese Kinder auch häufig Partnerschaften mit Süchtigen ein, so paradox es klinge, ergänzt Anna Wendler, stellvertretende Leiterin des Kinderhauses St. Martin. Denn man wähle, was man von zu Hause kennt.
Es sei wichtig, Eltern zu motivieren, sich der Sucht zu stellen, sagt Bieneck-Ratzka. Denn eine Alkoholsucht sei eine Krankheit, die behandelbar ist. Dass man sich diesem Problem stellt, komme wieder den Kindern zugute. Zu einer Beratung können nicht nur Süchtige selbst, sondern auch deren Angehörige kommen. „Wir können dann etwa die Frau eines alkoholkranken Mannes stützen und stärken und mit mir besprechen, wie die Kommunikation laufen kann“, so Mieling. Auch sei man ein Bindeglied zwischen Jugendamt und Eltern. „Hier haben viele Angst. Man muss aber wissen, dass es die Hauptaufgabe des Jugendamts ist, Familien und Kinder zu unterstützen“, so die Pädagogin. Zudem könne man, wenn nötig, weitergehende Unterstützung wie etwa eine Migrations- oder Schuldnerberatung vermitteln.
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