07.07.2010

von Kreisheimatpfleger

Der Heimatdichter Friedrich Völklein steht heute gleichberechtigt neben den anderen Dichtern des Rieses wie Johannes Kähn, Gottfried Jakob, Melchior Meyr oder Michel Eberhardt. Er war kein Vielschreiber, vielmehr ein sparsamer Schwabe, dem diese natürliche Sparsamkeit sein ganzes Leben lang nachhing, wie er in seinen Erinnerungen bekennt. Er hinterließ gerade mal ein halbes Dutzend Büchlein im Taschenbuchformat.

Nach seinem Tod zum 100. Geburtstag brachte der Verein Rieser Kulturtage 1980 noch ein letztes Büchlein heraus, in dem bis dato nicht veröffentlichte Manuskripte verarbeitet wurden. "Isch des a Zeit!" ist auch das einzige Werk Völkleins, das noch im Handel zu haben ist. Seine sechs früheren Bücher sind nur noch ab und zu und wenn man Glück hat, antiquarisch zu bekommen.

Michel Eberhardt urteilte einmal über seinen Dichterkollegen Völklein: "Was er in vielen seiner Geschichten und vor allem in seiner Lyrik zur Aussage bringt, ist das allgemein Menschliche und darum auch etwas allgemein Gültiges. Er vermochte tief einzudringen in die menschliche Seele und konnte sie deuten in all ihren Regungen, in ihrem Aufruhr und in ihrer Harmonie, in ihrer Lust und in ihrer Qual, in ihrer Reinheit und in ihrem Grauen." Dabei zeigte sich Völklein stets als echter Rieser mit allen Eigenschaften und Eigenheiten der Bewohner seiner Heimat, selbst als er nach erfolgreichem Studium im Königlichen Schullehrer-Seminar Altdorf ab 1905 vierzig Jahre lang in Würzburg seinen Dienst als Lehrer tat. Er hat sich nur schwer eingewöhnen können in der Großstadt, wie zwei Gedichte aus den ersten Jahren dort in der Fremde erahnen lassen:

Kein Gräslein wächst und keine Blume blüht

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Auf Straße, Markt und Pflasterstein,

Und nur das kleine, zarte Licht

Wagt sich herein.

Schritte und Wagengepolter

Auf Straße und hartem Stein.

Da fällt mir mein liebes

Feldweglein ein.

Doch er hat Würzburg mit der Zeit lieben gelernt, er hat die Großstadt angenommen, er wollte, wie er einmal bekannte, "in seinem Leben und in seinem Werk den Segen des Dorfes und der Stadt verbinden und vereinen - des Menschen wegen."

Würzburg

Ich sehe dich in zartes Grün gekleidet, Von einem Sonnengürtel licht umspannt,

Den heitern Himmel über dir gebreitet,

Du schönste Stadt im Frankenland.

Von deiner edlen Schönheit fast erschrocken,

Schau ich dein Spiegelbild verklärt im Main,

Im großen Abendlied von deinen Glocken

Es schlummern Burg und Tal und Weinberg ein.

Und bin ich in die Fremde fortgekommen,

Sie war von deinem Lob und Preis erfüllt;

In tausend frohe Herzen aufgenommen,

Bleibt dir gewahrt dein wundersames Bild.

Einmal schickte Völklein seiner kranken Mutter ein kleines Fässlein Frankenwein. Das machte eine große Freude für eine lange Zeit. Allen Frauen und Nachbarn musste die Mutter davon erzählen. Und die Freude hat ihr Herz noch mehr erquickt als der Wein.

Und ein Jahr später schickte der Petermichel wieder ein Fässlein Wein aus dem sonnigen Franken. Mit diesem ist sie nicht mehr fertig geworden. In ihren letzten Stunden hat sie noch so fleißig davon getrunken, dass es dem Vater etwas zu reichlich erschien. Aber die Mutter verteidigte sich: Der Wein ist ja vom Petermichel!

Und Petermichel vergisst diesen letzten Ausspruch seiner Mutter nicht und meint, er werde auf der Erde keinen Wein mehr finden, der so viel Freude und Erinnerung schenken könnte als diese zwei Fässlein aus dem Maintal - so unbedeutend sie auch sein mögen gegen die Mutterliebe und Sorge, die wir nie genug bekommen können.

Tiefe Verbundenheit

Diese innige, tiefe Verbundenheit zu seiner Mutter, dieses überdurchschnittliche oder unbewusste Verhaftetsein mit ihr, beeinflusste wohl sein Verhalten gegenüber dem weiblichen Geschlecht so sehr, dass er Junggeselle blieb, wenngleich eine gewisse Zuneigung durchaus erkennbar ist. In einem erhaltenen Brief an eine jüngere Kollegin vom 14. Januar 1943 schreibt er ihr rückblickend auf einen Besuch bei ihr:

Nach Jahrzehnten hab ich's erfahren, dass sich's Arm in Arm leichter durch den Winter und durch die Nacht geht. Ein paar Tage vorher habe ich in mein Büchlein geschrieben: "Einsamkeit, uralter Mutterboden, Saat und Feld für unser höchstes Werk." Und nun wünsche ich Ihnen einen guten Weg bis zur nächsten Station - bis Ostern! Herzliche Heimatgrüße, Ihr F. Völklein

Und bereits fünf Tage später schickt er einen weiteren Brief nach, nur aus folgendem Gedicht bestehend:

Würzburg, 19. Januar 1943

Liebe Fräulein Rath!*

Sprech ich abends liebe Namen aus,

Gehen gute Geister durch mein Haus,

Zünden sie die heilgen Kerzen an,

Wagt nicht Sorg und Krankheit sich heran,

Träume ich von Wäldern und von Wiesen,

Wo des Lebens ew'ge Quellen fließen.

Von einem, der sich durchstochert durch die Schneewehen - Einen guten Sonntag in Augsburg ohne Schneewehen und einen herzlichen Gruß! Ihr F. Völklein

* Völklein wollte wohl schreiben: Liebe Fanny, hatte das F schon geschrieben und bekam "Skrupel" und schrieb dann "Liebe Fräulein", vergaß aber, das -s anzuhängen, so aufgeregt, wie er war bei diesem Liebesbrief.

Nur ein Jahr später musste sich Völklein mitten im Frühjahr wieder einmal durchkämpfen im Leben! Die grausige Bombennacht vom 16. März 1945 nahm ihm die Lebensgrundlage in Würzburg. In sieben Nachtmärschen schlug er sich durch bis nach Lehmingen und fand Unterschlupf bei seinem Bruder im väterlichen Hof. Gerettet hatte er lediglich, was in seinen Rucksack gegangen war und seinen unzerstörbaren und unverlierbaren Schatz seiner dichterischen Berufung. Völkleins erstes Gedicht nach der Flucht hatte bezeichnenderweise die Überschrift "Heimkehr".

Heimkehr

Hier find ich wieder Pfad und Spur,

Feldweg und Ackerkrume.

Die Heimat schaut aus Bach und Flur,

Aus jeder kleinen Blume.

Ich bin, von trunkner Freude müd,

Am alten Baum gesessen.

Er hat sein liebes Kinderlied

Auch heute nicht vergessen.

Ein gutes Jahr blieb Völklein auf dem Hof seines Bruders Johann. Am 1. Dezember 1945 erreichte ihn dort auch seine Ruhestandsversetzung. Am 6. April 1946 zog Friedrich Völklein nach Nördlingen in eine Mietwohnung in der Herlinstraße 19. Nun durchstreifte er seine ehemalige Schulstadt und widmete ihr zahlreiche Gedichte.

Marienhöh'

Du liebstes Wanderziel,

Wie bist du mir so viel,

Wirst Wald und Forst in meinem Reich,

Watzmann und Zugspitze zugleich,

Wer ein gesundes Aug behält

Der sieht im kleinsten schon die ganze Welt.

Wenig später begann Völklein wieder "richtig" zu schreiben. 1926 hatte er ein erstes Büchlein "Der Wanderer" heraus gebracht, 1941 seinen "Liederreigen" mit vertonten Gedichten für Kinder. Eines dieser Kinderlieder lautet:

Läutet eine kleine Glocke

Läutet eine kleine Glocke,

Läutet Fried und Ruh,

Und das letzte Bauernwäglein

Rollt dem Dorfe zu.

Läutet eine große Glocke

Aus der fernen Stadt,

Wo der Türmer schon sein Lichtlein

Angezündet hat.

Hinterm Walde halb verborgen,

Lauscht der Mond dem Schall,

Geht dann leise durch die Fichten

Über Berg und Tal.

1953 folgte das Geschichtenbüchlein "Das Wunder der Heimat". Hierin findet sich u. a. Völkleins einziges Mundartgedicht:

Rieser Gänse

Os flagget auf'm Wasa,

Os badat in der Wenz,

Os hüatet koine Hasa,

Os hüatet junge Gäns.

Dia Gänsle muaß ma schona,

Dia Gänsle send no kloi,

Do hont os net viel z'tona,

Dia wachset von alloi.

Dia kriaga scho bal Stupfla

Und Fedra weiß und schwarz,

Und tuats mei' Muatter rupfa,

Kriag i an Oierplatz.

1956 schrieb er seine Gedichtbände "In den lichten Morgen" und "Die Zukunft naht, die lichte Braut". Sein zweiter Prosaband "Zwischen Heimat und Fremde" erschien ebenfalls noch im gleichen Jahr. Kurz vor seinem Tod im Jahre 1960 veröffentlichte Völklein sein letztes Büchlein "Wende und Wandlung". Darin lässt der Dichter neue Töne anklingen, außergewöhnliche Bilder erscheinen, letzte Lebensgeheimnisse offenbar werden:

Der Tod und sein Spiegel

Im tiefsten Spiegel, den ich weiß,

Erscheint als winzig kleiner Kreis

Dir deine ganze Lebensfahrt,

Ein Blitz wird deine Gegenwart.

Der Tod sitzt auf des Lebens Thron,

Und nur ein Fünklein eilt davon

Und flieht in Gottes Hand und Reich

Und rettet dich und Tausende zugleich.

Der Nobelpreisträger Hermann Hesse urteilt 1956 über ein ihm zugegangenes Völklein-Buch: "Ich sage Dank, besonders für das Heimatbüchlein. Das ist ein erfreuliches, liebenswertes Ding."

An seinem 80. Geburtstag, den er im Altersheim begeht, stellt er sieben Fragen an sich und sein Leben. Es sollte sein letztes uns bekanntes Gedicht sein:

Sieben Fragen

Nun schaust du achtzig Jahr zurück,

Sag, war dein Leben dir zum Glück,

Zum Unglück dir gegeben?

Fiel es dir leicht? Fiel es dir schwer?

Und hast du Weisheit drin gefunden,

Vielleicht ein Quentlein oder mehr?

Wie heißt der Baum, den du gepflanzt

Und der in Abendstunden

Die reifsten Früchte trägt?

Wo warst du länger als drei Tag zu Gast?

Wie heißt das Tiefste, Mensch,

Das du verschwiegen hast?

Nur ein paar Wochen später starb Völklein am 7. Juli 1960 und wurde auf dem Nördlinger Emmerams-Friedhof beerdigt. Schulkinder sangen an seinem offenen Grab das von ihm gedichtete und von Gerhard Kronberg vertonte Rieser Heimatlied "Wogende Getreidefelder".

Was ist geblieben vom Heimatdichter Friedrich Völklein? Sein Name ist mit dem Tod der Frau seines Bruders, die die beiden Brüder einige Jahre überlebte, in Lehmingen erloschen. Seit dem 12. Juli 1986 aber erinnert eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus an ihn. Der Verein "Rieser Kulturtage e. V." hat es ermöglicht, Lehmingens berühmtestem Sohn ein sichtbares Denkmal zu setzen. Die Stadt Oettingen benannte im Jahre 1964 eine Siedlungsstraße nach ihm. Und sein schon erwähntes, posthum herausgebrachtes Büchlein "Isch des a Zeit!" hat schon größere Beachtung gefunden als seine anderen, längst vergriffenen Büchlein. Ein noch viel genaueres Lebensbild ist nachzulesen bei Kavasch/Lemke/Schlagbauer: Lebensbilder aus dem Ries; Verein Rieser Kulturtage e.V., 2002; ISBN 3-923373-54-6.

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