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Interview

04.10.2019

ARD-Moderator Schreiber: "Soziale Medien sind Jauchegruben"

Constantin Schreiber moderiert unter anderem die ARD-„Tagesschau“ und das NDR-Medienmagazin „Zapp“.
Bild: NDR, Pritschet

Exklusiv Der ARD-Moderator Constantin Schreiber will mit seiner Stiftung Hass im Netz, Fake News und „Lügenpresse“-Vorwürfen etwas entgegensetzen.

Herr Schreiber, hat Sie der Ausgang der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg überrascht? In beiden Bundesländern erreichte die AfD deutlich mehr als 20 Prozent der Stimmen.

Constantin Schreiber: Eigentlich nicht. Das hatte sich ja schon in den Umfragen abgezeichnet.

Sind Sie besorgt über die Ergebnisse?

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Schreiber: Ich weiß nicht, inwieweit Journalisten besorgt sein sollten. Es sträubt sich jedenfalls etwas in mir, als Journalist dieses Wort zu verwenden. Ich sehe aber bestimmte Aspekte mit Besorgnis, die meine Arbeit als Journalist betreffen. Es gibt zum Beispiel eine zunehmende Journalismus- und Medienskepsis. Und zwar nicht nur in der AfD, sondern in der gesamten Gesellschaft. Dem will ich etwas entgegensetzen.

Die AfD hatte mit Slogans wie „Vollende die Wende“ Wahlkampf gemacht. Mehr als 100 DDR-Bürgerrechtler warfen ihr deshalb vor, sie verbreite eine „Geschichtslüge“.

Schreiber: Offensichtlich verfangen solche Slogans, offensichtlich kann man auch mit plumpen Aussagen Zuspruch ernten. Daran zeigt sich aber auch, dass viele Menschen unzufrieden sind mit ihrem Leben in den neuen Bundesländern. Die Wende war ja gerade für Menschen mittleren Alters eine extreme Zäsur, es hat damals Biografien zerrissen, nicht jeder schaffte es etwa, wieder in einen Beruf einzusteigen. Ich bin momentan viel im ländlichen Sachsen unterwegs und höre oft den Satz: Wo bleibe ich denn mit meinen Problemen?

Sie wurden 1979 im niedersächsischen Cuxhaven geboren. Wie haben Sie den Fall der Mauer am 9. November 1989 und die Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 erlebt?

Schreiber: Ein Teil meiner Familie kommt aus Berlin. Ich weiß noch, wie ich unmittelbar nach dem Mauerfall dort war, in der Friedrichstraße. Am Bahnhof Friedrichstraße konnte man von einem bestimmten Punkt aus bis zum Reichstagsgebäude blicken. Über die Freiflächen hinweg, die es mitten in Berlin gab. Später war ich mit der Schule, ich war in der Ruder-AG, in Mecklenburg-Vorpommern. Wie die Häuser aussahen, die Straßen – da wurde ein krasses Wohlstandsgefälle deutlich. Ein Stück weit wirkte das sehr trostlos auf mich.

Heute gelten manch einem die neuen Bundesländer, insbesondere Sachsen, als „Dunkeldeutschland“.

Schreiber: Das ist doch Quatsch. Insbesondere Leipzig oder Dresden haben zum Westen aufgeschlossen, dort gibt es auch keine Abwanderung mehr. Wenn man dort unterwegs ist, erlebt man in weiten Teilen herausgeputzte, schöne Städte mit hoher Lebensqualität. Sachsen ist nicht nur AfD und Pegida – man tut da sehr vielen Menschen unrecht. Medial wird aber wieder der alte Gegensatz Ossi-Wessi verbreitet. Denken Sie an das Spiegel-Cover „So isser, der Ossi“ oder das Spiegel-Cover, auf dem das Wort Sachsen teils in brauner Frakturschrift stand.

Die New York Times stellte mit Blick auf den Ausgang der Wahlen in Sachsen und Brandenburg eine „steigende politische Spaltung“ zwischen Ost- und Westdeutschland fest…

Schreiber: Zumindest unterscheidet man auf einmal wieder sehr deutlich zwischen Ost und West, und das ist problematisch.

In Leipzig ist der Sitz Ihrer „Deutschen Toleranzstiftung“, die Sie kürzlich gegründet haben. Mit der Stiftung wollen Sie das Miteinander stärken. Klingt nach etwas Großem.

Schreiber: Ich habe tatsächlich lange nach einem Namen gesucht. Aber wenn man ein Zeichen setzen und Aufmerksamkeit will, sollte man sich auch nicht kleinmachen.

Was verstehen Sie unter Toleranz?

Schreiber: Auf Toleranz gründet unsere Gesellschaft. Ohne Toleranz geht es nicht. Ich habe im Kollegen- oder Bekanntenkreis aber auch schon gehört: Toleranz werde überstrapaziert, was würden wir nicht alles hinnehmen im Namen der Toleranz! Da habe ich gemerkt, wie stark selbst dieses Wort polarisiert.

Wie kommt ein „Tagesschau“-Moderator wie Sie auf die Idee, eine Stiftung in Sachsen zu gründen?

Schreiber: Mit meiner Arbeit hat das zunächst nur bedingt zu tun. Ich sehe das als meinen Beitrag an, mich gesellschaftlich zu engagieren. Eben in dem Bereich, in dem ich mich auskenne. Und auf Sachsen liegt nun mal der öffentliche Fokus. Wenn es etwa um Rassismus geht, um eine Spaltung in Rechts und Links, Ost und West, dann geht es leider auch immer um Sachsen.

Sie wollen auch „Lügenpresse“-Vorwürfe entkräften. Wie genau?

Schreiber: Etwa mit dem Projekt „Triff mich!“, bei dem ich und andere Journalisten in Schulen gehen. Ich glaube, dass in einer immer digitaleren, virtuelleren Welt der persönliche Kontakt stark an Bedeutung gewinnt. Hinzu kommt, dass Schüler unter Anleitung von Journalisten für eine Mediathek Videobeiträge erstellen über Meinungs- oder Religionsfreiheit. Ende des Jahres wollen wir die Videos freischalten.

Wissen Schüler überhaupt, wer Sie sind?

Schreiber: Kürzlich war im ARD -Hauptstadtstudio ein Tag der offenen Tür. Da haben 15-Jährige zu mir gesagt: Ich sehe Sie immer im Fernsehen. Ich habe das erst gar nicht richtig glauben können, weil junge Menschen angeblich doch nur auf Youtube unterwegs sind. Sie erklärten mir, dass sie sich für Themen wie den Klimawandel interessieren und deshalb auch Nachrichtensendungen anschauen. Ich erlebe so etwas immer wieder. Dass Jugendliche aber wissen, was genau Journalismus ist und was Journalisten machen, das kann man nicht voraussetzen.

Sollte es ein Schulfach für „Medienkompetenz und Medienmündigkeit“ geben, wie es der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen vorschlägt?

Schreiber: Diese Inhalte sind sehr relevant: Wie gehe ich mit Informationen um? Wer verbreitet Fake News? Schüler sollten das wissen.

Erzählen Sie Schülern auch von dem Hass, der Ihnen entgegenschlägt? Immerhin sind Sie eines der Gesichter des in rechtspopulistischen und rechtsextremen Kreisen so verhassten öffentlich-rechtlichen „Staatsfunks“.

Schreiber: Nein. Aber mit dem Thema geht jeder Journalist anders um. Es gibt Kollegen, die da auf Twitter in jeden Kampf einsteigen. Ich habe für mich entschieden, dass ich das so gut es geht ignoriere. Ich will mich nicht die ganze Zeit mit Hassbotschaften aufhalten, darauf habe ich einfach keine Lust.

Würden Sie bitte die folgenden Satzanfänge ergänzen? In der „Tagesschau“ oder den ARD-Polit-Talks wird mit der AfD...

Schreiber:…angemessen umgegangen.

Journalisten sollten mit Rechten…

Schreiber:…genauso kritisch umgehen wie mit allen anderen. Rechten Pöblern im Netz sollte nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Ich selbst wurde von der AfD

Schreiber:…bislang weder angepöbelt noch direkt angesprochen.

Sie galten unter Rechtspopulisten plötzlich als Islamkritiker, nachdem Sie 2017 das Buch „Inside Islam. Was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird“ veröffentlicht hatten. AfD-Politikerin Beatrix von Storch warb regelrecht für Ihr Buch in einem Youtube-Video. Wie dachten Sie darüber?

Schreiber: Ich kann keinem verbieten, Videos zu machen. Das Video war aber ärgerlich, denn damals stand ich ohnehin unter Beschuss.

Ihnen wurde unter anderem vorgeworfen, Sie würden Stimmung gegen Muslime machen.

Schreiber: Ja, und das Video schien das zu belegen. Es zeigte mir, wie schnell man oder etwas instrumentalisiert werden kann. Ich habe damals bewusst nicht darauf reagiert. Manche Kritiken zu meinem Buch waren auch einfach ausgedacht. Man versuchte, mich zu diskreditieren.

Die taz schrieb: „Constantin Schreiber war mal das Gesicht der ,Willkommenskultur‘. Für die Sendung ,Marhaba‘, mit der er Flüchtlingen das Grundgesetz erklärte, erhielt er den Grimme-Preis. Nun hat er sich dafür entschieden, das Gesicht der Misstrauenskultur gegen Muslime zu werden.“

Schreiber: Gerade in meinem Umfeld hieß es zu derlei Kritik: Du musst dagegen angehen! Bis auf wenige Ausnahmen habe ich davon abgesehen. Heute würde ich mit einigem Abstand sagen: Das war richtig. Mein Umfeld war damals wesentlich aufgeschreckter als ich. Freunde haben sich richtig empört über manchen Bericht. Die Art und Weise, wie Dinge aufbereitet wurden oder wie bei Twitter kommentiert wurde, sprach gegen meine Kritiker.

Befürchten Sie, dass sich das Schwarz-Weiß-Denken, die Polemik durchsetzen wird – dass Deutschland ein ähnlich polarisiertes Land werden könnte wie die USA?

Schreiber: Es gibt eine erschreckende Entwicklung. Ich bin deswegen bei Facebook oder Twitter so gut wie gar nicht mehr aktiv. Vor ein, zwei Jahren war ich das noch sehr intensiv. Bei Facebook oder Twitter verkämpfen sich Menschen mit verschiedenen weltanschaulichen Positionen, ein Meinungsaustausch findet nicht mehr statt. Es geht nur noch darum, sich gegenseitig niederzubrüllen. Das Niveau ist unterirdisch. Soziale Medien sind zu medialen Jauchegruben geworden. Ich empfinde es nicht als Verlust, dort nur noch wenig Zeit zu verbringen.

Am 27. Oktober wählt Thüringen. Worüber werden wir danach diskutieren?

Schreiber: Wahrscheinlich über das Gleiche wie nach den Wahlen in Sachsen und Brandenburg. Es wird eine politische Rechts-Links-Debatte geben und viel Empörung. Es wird aber vermutlich nicht um die Ursachen für die momentanen Verwerfungen gehen.

Zur Person: Constantin Schreiber beschäftigt sechs freie Mitarbeiter für seine „Deutsche Toleranzstiftung“. Er finanziert sie nach eigenen Angaben mit Einnahmen aus seinen Buchveröffentlichungen. Die ersten Projekte werden unter anderem vom Bundesfamilienministerium und der „ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius“ gefördert.

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