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Humor

01.12.2019

Abschiedsinterview: Der Karikaturist Horst Haitzinger hört auf

Nach 60 Jahren hängt der Karikaturist Horst Haitzinger seinen Beruf an den Nagel.
Bild: Horst Haitzinger

Plus Als Karikaturist ist Horst Haitzinger eine Legende und hat auch unsere Zeitung geprägt. Jetzt hört er auf und blickt auf über 15.000 Zeichnungen zurück.

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Horst Haitzinger: Nicht unbedingt. Wie soll ein Lachen ausgelöst werden, wenn man erfährt, dass die Welt zugrunde geht wegen der Klimakatastrophe? Aber auch wenn es um ein ernstes Thema geht, besteht der Reiz einer Karikatur darin, das Thema auf eine knappe grafische Formel zu bringen. Ich bemühe mich eigentlich immer, aus einer Karikatur ein kleines Bühnenstück zu machen.

Gar nicht so einfach – in einem Bild.

Abschiedsinterview: Der Karikaturist Horst Haitzinger hört auf

Haitzinger: Nein, es geht nur mit Beschriftung, die man aber nicht überstrapazieren darf. Sonst wird’s auch witzlos.

Was ist zuerst da? Der Spruch oder das Bild?

Haitzinger: Erst mal muss ich wissen: Bin ich dafür oder bin ich dagegen? Dann wird danach abgeklopft, in welchem Milieu spielt das: Welche Gleichnisse bieten sich an? Welche Metaphern sind brauchbar? So tastet man sich an ein Bild heran. Und nachdem ich schon mal richtig auf die Schnauze gefallen bin, weil ich das Bild fertig hatte und es hat kein Text dazu gepasst, fange ich überhaupt erst zu zeichnen an, wenn ich auch den Text im Kopf habe.

Sie haben mal gesagt, Sie hätten keine Einfälle...

Haitzinger: Es fällt nichts ein, es muss herbeigedacht werden. Man muss die politische Situation analysieren, sein Verhältnis dazu definieren, man muss entschlacken und auf den Punkt bringen, man muss es reduzieren. Das ist ja die Voraussetzung für funktionierende Satire, egal ob Karikatur oder Kabarett.

Das passiert alles, bevor Sie den Stift in die Hand nehmen.

Haitzinger: Ja. Manchmal verrennt man sich auch. Zum Beispiel hat mich neulich der Macron mit seiner hirntoten Nato dazu verführt, ständig was mit einem Gehirn machen zu wollen. Daran bin ich aber gescheitert. Da fängt man dann irgendwann wieder von vorn an. Es ist jeden Tag ein kleines Abenteuer. Denn manchmal ist die Nachrichtenlage so, dass einem eine Idee geradezu in den Pinsel hineinläuft. Aber die Regel ist was anderes.

Ist man da eigentlich dankbar für solche Figuren wie Donald Trump?

Haitzinger: Kurzfristig. Ich bin da sehr gespalten: Als Staatsbürger find ich ihn eine Katastrophe, als Karikaturist ist er kurzfristig ein Geschenk. Aber irgendwann hängt er einem zum Hals raus. Ich kann mich nicht erinnern, dass es eine derartige Realsatire von Politiker schon einmal gegeben hätte. So etwas Ordinäres. Dass das von einer demokratischen Nation akzeptiert wird, ist rätselhaft und deprimierend.

Haben sich Politiker bei Ihnen beschwert, wie sie karikiert wurden?

Haitzinger: Das gab’s früher, aber nicht bei mir persönlich. Die CSU hat so zwei, drei Mal bei der Münchner TZ interveniert. Aber das macht heute keiner mehr. Die haben begriffen, dass das Eigentore sind.

Sie sind seit unglaublichen 60 Jahren im Geschäft...

Haitzinger: ...schreiben Sie ruhig: seit 1000 Jahren!

Sie haben alle Kanzler der Bundesrepublik erlebt und gezeichnet – von Adenauer angefangen. Wer war Ihnen am liebsten zum Zeichnen?

Haitzinger: Das kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ich glaube, der Schwierigste war Kurt Georg Kiesinger. Adenauer war ja ein Karikaturisten-Ideal, Kohl genauso. Die waren alle gut.

Man kommt wahrscheinlich auch nur in solche Positionen, wenn man einen Charakterkopf hat, oder?

Haitzinger: Nein, den Charakterkopf erwirbt man sich im Lauf der Amtszeit. Die Typen werden ihren Karikaturen immer ähnlicher.

Hast sich auch Angela Merkel entwickelt im Laufe der Jahre?

Haitzinger: Ja, absolut! Wenn ich meine Karikaturen sehe, wo Kohl noch Kanzler ist und sie Ministerin – da hat sie noch völlig anders ausgeschaut. Das war ja auch eine grausige Frisur!

Sie müssen mit den Frisuren mitgehen.

Haitzinger: Natürlich. Darum lieben wir Karikaturisten auch keine Frauen, die jede Woche mit einer anderen Frisur daherkommen. So wie die von der Leyen, die hat ein paar Mal die Frisur gewechselt. Hübsche Frauen sind überhaupt der Albtraum eines Karikaturisten.

Weil eine Karikatur auch immer so ein bisschen das Hässliche hervorholt.

Haitzinger: Sie ist nicht schmeichelhaft. Dass man eine Physiognomie verhässlicht, ist mehr oder weniger die Folge von Vereinfachung und Übertreibung. Das Ziel ist es nicht. Ich kann eine Person durchaus auch sympathisch darstellen.

Vieles hat sich in den 60 Jahren, in denen sie das politische Geschehen verfolgen, verändert. Gibt’s auch Dinge, die immer gleich bleiben?

Haitzinger: Durchaus. Meine ganze Berufslaufbahn bestand das politische Geschehen doch in erster Linie aus Wahlkämpfen, Korruptionsereignissen, Kriegen, Friedensverhandlungen, Parteiengezänk mit immer wechselnden Personen. Aber vom Prinzip her immer vergleichbar. Die einzige sensationelle Unterbrechung war die Wiedervereinigung und der Zusammenbruch des Ostblocks. Das war wirklich eine unglaubliche Zeit, wo wir uns ja alle der Illusion hingegeben haben, dass sich die Welt nun zum Positiven wandelt. Das Apartheid-Regime in Südafrika brach zusammen – überall bewegte sich etwas. Aber das jetzige Ergebnis ist wieder trostlos.

Karikaturist Horst Haitzinger in seinem Münchner Arbeitszimmer: „Manchmal verrennt man sich auch.“
Bild: Ulrich Wagner

Die Frage nach Merkels Nachfolge braucht Sie nicht mehr zu tangieren. Aber wer wäre dem Karikaturisten Haitzinger lieber: Annegret Kramp-Karrenbauer oder Friedrich Merz?

Haitzinger: Rein vom Zeichnerischen her mit großem Abstand Friedrich Merz, allein von der politischen Situation her auf jeden Fall die AKK. Ich halte sie für eine kluge Frau, auch wenn sie sich in den letzten Monaten eine Serie von Schnitzern erlaubt hat. Aber, mein Gott! Jeder von uns redet mal dummes Zeug. Ist das jetzt Altersmilde? Ich weiß es nicht. Ich bin ja mittlerweile dankbar für jeden, der diesen Job macht. Ich finde das grauenhaft, was diese Leute für Anfeindungen ausgesetzt sind und was die auch für ein Tagespensum bewältigen. Dass da mal einer danebentappt – verziehen!

Der Karikaturist kann da ja nicht ganz so leicht zu verzeihen...

Haitzinger: Wissen Sie was? Das ist einer der Gründe, warum ich über mein Ende als Karikaturist nicht traurig bin. Diesen moralisierenden Aspekt, den mein Beruf hat, den brauch’ ich nicht mehr.

Sie haben jetzt für dieses Wochenende Ihre letzte Karikatur für die Tageszeitungen gezeichnet. Sie werden vielen Leserinnen und Lesern fehlen. Haben Sie sich Ihren Entschluss, aufzuhören, gut überlegt?

Haitzinger: Ich bin mit 80 ja kein Frührentner mehr. Und ja, ich habe mir das sehr gut überlegt. Ich habe mitgekriegt, wie in anderen Fällen bei altgewordenen Zeichnern, hinter deren Rücken getuschelt worden ist. „Wie bringen wir’s ihm bei, dass er besser aufhört?“ So weit möchte ich es nicht kommen lassen. Ich merke selber, dass Ermüdungserscheinungen vorhanden sind. Ich möchte aufhören, solange ich selber noch eine Qualität liefere, zu der ich stehen kann.

Lesen Sie dazu auch: Horst Haitzinger hört auf: So lebt Deutschlands berühmtester Karikaturist

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