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09.09.2018

Alkohol in der Schwangerschaft: Selbst ein bisschen ist zu viel

Die fatalen Folgen von Alkohol in der Schwangerschaft kennen nach Expertenmeinung zu wenige Menschen.
Bild: Maurizio Gambarini, dpa (Symbolbild)

Ein Glas Sekt oder ein Schluck Wein: Wie schädlich selbst kleine Mengen von Alkohol für ein ungeborenes Kind sind, wird häufig unterschätzt - mit fatalen Folgen.

Ein Abend im Rausch mit lebenslangen Auswirkungen für das ungeborene Kind: In Deutschland werden laut Schätzungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) jährlich mindestens 2000 Kinder mit fetalen Alkoholspektrum-Störungen (FASD) geboren. Immer noch gibt es bei vielen Menschen die Vorstellung, dass ein Gläschen Wein in der Woche dem ungeborenen Baby nicht schaden würde. Laut Dr. Mirjam Landgraf, Oberärztin der Abteilung für Pädiatrische Neurologie, Entwicklungsneurologie und Sozialpädiatrie am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München, greift circa ein Drittel aller Frauen während der Schwangerschaft zum Alkohol. Doch Experten warnen: Oftmals macht sich erst in der Schulzeit bemerkbar, ob der Alkohol während der Schwangerschaft dem Kind Schaden zugefügt hat.

Ab wann schadet Alkoholkonsum dem ungeborenen Kind?

In den ersten 14 Tagen einer Schwangerschaft gilt das sogenannte "Alles-oder-nichts-Prinzip", wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erläutert. Das bedeutet, dass eine Eizelle, die durch den Alkoholkonsum bereits im frühen Stadium geschädigt wurde, sich gar nicht erst einnistet. So kommt es nicht zu einer Schwangerschaft. Wer schwanger werden will, sollte daher bereits im Vorfeld auf Alkohol verzichten, empfiehlt Gela Becker, Psychologin vom FASD-Fachzentrum, einer Beratungsstelle für alkoholgeschädigte Kinder und Jugendliche. Schon in den ersten Wochen der Schwangerschaft wird der Embryo über den Brutkreislauf der Mutter mit Nährstoffen versorgt. Das heißt: Der Alkohol kann zum ungeborenen Kind gelangen und es schädigen. Die Oberärztin Landgraf weist aber darauf hin, dass viele Frauen erst viel später ihre Schwangerschaft bemerken.

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Gibt es eine Dosis an Alkohol, die für das Ungeborene verträglich wäre?

Laut einer Forsa-Umfrage vom November 2017 sind acht Prozent der Befragten überzeugt: Ein Glas Wein, Bier oder Sekt während der Schwangerschaft schadet dem Kind nicht. Doch das ist falsch, wie die Expertinnen warnen. „Schon geringe Mengen Alkohol können schädlich sein“, sagt Becker. Alkohol ist aus ihrer Sicht schlimmer als harte Drogen. Nimmt die Mutter Heroin oder Kokain in der Schwangerschaft, kann sich das Kind nach der Geburt wieder regenerieren. Das ist bei alkoholgeschädigten Kindern nicht der Fall, wie die Psychologin des FASD-Fachzentrums weiß. Wenn eine Frau von ihrer Schwangerschaft erfährt, soll sie komplett auf jegliche alkoholische Getränke verzichten. Denn es ist nicht wissenschaftlich gesichert, wie schwer bereits kleine Mengen Alkohol dem ungeborenen Kind schaden können. Laut Kinder- und Jugendärztin Landgraf basieren die Studien über Alkoholschädigungen während der Schwangerschaft auf den Aussagen der Mütter. „Die können natürlich verfälscht sein“, sagt Landgraf. Es gibt keine gesicherten, wissenschaftlichen Erkenntnisse, ab wann der Alkoholkonsum dem ungeborenen Kind schadet. Daher ist die Empfehlung der Gesundheitsorganisation WHO : Schwangere Frauen sollten komplett auf Alkohol in der Schwangerschaft verzichten.

Gibt es Schwangerschaftsmonate, in denen sich der Alkohol besonders stark auf den Fötus auswirkt?

Alkohol ist ein Zellgift und wirkt sich in jeder Phase der Schwangerschaft aus, sagt die Berliner Diplompsychologin Becker. Im ersten Drittel würden vor allem die Organe geschädigt. Im zweiten Drittel löse der Alkoholkonsum vor allem Wahrnehmungsstörungen bei den Kindern aus. „Aber in allen Phasen der Schwangerschaft schädigt Alkohol das Gehirn des Ungeborenen“, sagt Becker. Während der neunmonatigen Schwangerschaft entwickelt sich das Ungeborene sehr schnell. Bereits in der zweiten bis dritten Schwangerschaftswoche bildet sich das zentrale Nervensystem aus. Becker beruft sich auf ihren Kollegen Professor Hans-Ludwig Spohr, wenn sie sagt: „Ein Vollrausch während der Schwangerschaft reicht, um das ungeborene Kind vom Gymnasium auf die Hauptschule zu schicken.“

Gibt es irgendeinen Alkohol, der besonders schädlich ist?

Pauschal kann man sagen: je höher der Alkoholgehalt des Getränks, desto schädlicher ist es für das Kind. Natürlich ist auch die Menge ausschlaggebend. Vor allem das sogenannten „Binge Drinking“ – das Trinken von fünf und mehr alkoholischen Getränken zu einer Gelegenheit – sei besonders problematisch, sagt Landgraf. Denn der extrem hohe Alkohollevel im Blut wirkt sich ungemein stärker auf den Fötus als auf die Schwangere aus. „Wir bauen rund 0,1 Promille in der Stunde ab“, sagt die Kinder- und Jugendärztin. Wer berauscht ins Bett geht, wacht im Normalfall nüchtern wieder auf. Doch bei dem Ungeborenen sieht es anders aus. Der Alkohol bleibt laut Experten zehn Mal länger im Körper des Kindes, sagt Landgraf. „Wenn die schwangere Frau nach acht Stunden wieder fit ist, dann wird das ungeborene Baby im Mutterleib 80 Stunden lang dem Alkohol ausgesetzt.“

Welche Folgen hat der Alkoholkonsum der Mutter für das Kind?

Der mütterliche Alkoholkonsum kann vielfältige Folgen haben. Diese werden oftmals nicht diagnostiziert. Zu diffus sind die Symptome. „Erst in der Zusammenschau der Symptome, wird die schwere Störung sichtbar“, sagt die Berliner Diplompsychologin Becker. So seien Menschen mit FASD unkonzentriert, werden leicht aggressiv und leiden häufiger unter Lernschwierigkeiten, wie Becker sagt. Organische Schäden betreffen vor allem das Herz und die Leber. Landgraf fügt hinzu, dass vor allem die Exekutivfunktionen beeinträchtigt werden. Die Kinder sehen beispielsweise keinen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung. „Sie verstehen zum Beispiel nicht, dass eine Schaufel auf den Kopf, das andere Kind schwerwiegend verletzen kann“, sagt die Oberärztin. Die ausgeprägte Form der Alkoholschädigung wird durch äußere Merkmale sichtbar: Die Kinder sind kleiner als ihre Altersgenossen, sie wiegen weniger und haben einen geringeren Kopfumfang. Zudem haben sie schmale Lidspalten, einen kurzen Nasenrücken und die Mittelrinne zwischen Nase und Oberlippe ist kaum ausgeprägt. Menschen, die an FASD leiden, haben es im Alltag um ein Vielfaches schwerer als gesunde. So fliegen sie häufiger von der Schule und haben eine höhere Neigung zu Suchtstörungen, sagt Becker vom FASD-Fachzentrum.

Ist FASD behandelbar?

Nein, die Auswirkungen des Alkohols im mütterlichen Leib sind nicht umkehrbar. Becker vom FASD-Fachzentrum in Berlin bestätigt: 70 Prozent der Menschen mit FASD sind auf eine dauerhafte Betreuung angewiesen. „Was wir tun können, ist fördern“, sagt die Psychologin, „doch die Gehirnschädigung geht nicht wieder weg.“

Welche Frauen greifen besonders häufig zum Alkohol?

Landgraf wie Becker weisen darauf hin, dass Alkoholkonsum in der Schwangerschaft kein Phänomen ist, das sich auf eine untere Gesellschaftsschicht beschränkt. Eher das Gegenteil ist der Fall: „Es sind vor allem die Mittel- und Oberschicht davon betroffen“, sagt die Berliner Psychologin Becker. Und Medizinerin Landgraf fügt hinzu: „Das Risiko für Alkoholkonsum bei gut gebildeten Frauen über 30 ist am höchsten.“ Der Schaden, den Alkohol Menschen zufügt, sei enorm. Dennoch ist der Konsum von Alkohol in der Gesellschaft anerkannt.

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