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Amoklauf
10.03.2019

Zehn Jahre Winnenden: Was eine Mutter über den Mörder denkt

„Da gibt es kein Vergessen“: Gisela Mayer verlor beim Attentat an der Albertville-Realschule ihre Tochter Nina.
Foto: Silas Stein, dpa

Am 11. März 2009 tötete der Amokläufer von Winnenden 15 Menschen. Auch Nina, die Tochter von Gisela Mayer. Was die Mutter aus dem Attentat gelernt hat.

An der einen Wand stehen nichts als die nackten Zahlen: 11.03.2009, 9.33 Uhr. Der Moment, als alles begann. Grausamkeit in aller Schlichtheit.

Die anderen Wände sind geprägt vom Versuch, Trost zu spenden, Hoffnung zu geben. Sie haben den kleinen Prinzen von Saint-Exupéry nachgemalt und berühmte Sätze aus der Erzählung aufgeschrieben. „Ihr seid, wie mein Fuchs war. Der war nichts als ein Fuchs wie hunderttausend andere. Aber ich habe ihn zu meinem Freund gemacht, und jetzt ist er einzig in der Welt“, steht da, minimal verkürzt gegenüber dem Original. Und dann die berühmtesten Worte von allen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Die Fenster lassen warmes Licht herein. Es breitet sich über die 15 Stelen, die in Form kleiner Tische fast die ganze Fläche des Raumes ausfüllen. Eine Stele für jedes Opfer.

Der Gedenkraum in der Albertville-Realschule in Winnenden bei Stuttgart erinnert an das Massaker, das ein ehemaliger Schüler hier vor zehn Jahren anrichtete, bevor er sich nach mehrstündiger Flucht vor der Polizei selbst mit einem Kopfschuss niederstreckte. Hier steht man nun also und betrachtet die 15 Fotos. Lachfältchen, Zöpfe, Sommersprossen, Lebensfreude. Ein großes Foto für jeden Einzelnen, der ermordet wurde: neun Schüler, darunter acht Mädchen und ein Junge, drei Lehrerinnen, drei Männer. Erschossen vom 17-jährigen Tim K. Daneben liegen persönliche Dinge der Opfer: ein weißer, abgegriffener Stofftiger, eine getrocknete Rose, ein rosa Schulheft, ein Hufeisen, eine zierliche Schneekugel.

„Wir wollen, dass die Opfer im Vordergrund stehen, nicht die Tat“, sagt der Rektor der Schule, Sven Kubick. Damit meint er zum Beispiel den Jungen, der am 11. März 2009 eigentlich krank geschrieben war und mit Krücken in die Schule humpelte, um eine Klassenarbeit nicht zu verpassen. Den Teenager, dessen zwei jüngere Schwestern heute die Realschule besuchen. Oder den Verkäufer und den Kunden des Autohauses in Wendlingen, in dem sich der Amokläufer am Ende selbst tötete. Einer der beiden hinterließ ein einjähriges Baby.

Besonders oft denkt der Schulleiter an den Vater einer Schülerin, der einige Zeit nach der Tat weinend mit der Mütze seiner Tochter in der Hand im Rektorat stand. „Was sollte ich ihm sagen? Ich konnte ihm sein Kind doch nicht wiedergeben.“ Zehn Lehrer, die damals teils direkt betroffen waren, arbeiten noch heute an der Realschule – ein Viertel des Kollegiums. Rektor Kubick kam erst anderthalb Jahre nach dem Amoklauf nach Winnenden.

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Die Mutter sagt: Der Amoklauf von Winnenden hätte verhindert werden können

Eines der Fotos in der ersten Reihe zeigt Nina, die damals 24-jährige Referendarin für Deutsch, Religion und Kunst. Sie kam gerade vom Geburtstag ihrer 14-jährigen Schwester, als sie aus dem Leben gerissen wurde. In diesem Jahr wird die kleine Schwester 24. Ihre Mutter Gisela Mayer ist eine derjenigen, die sich dafür einsetzen, dass so etwas wie damals in Winnenden nie wieder passiert. „Denn es war kein Naturereignis, sondern eine menschliche Tat, die hätte verhindert werden können“, sagt sie. „Deshalb können wir das nicht einfach so hinnehmen, wir müssen etwas tun!“

Kerzen und andere Gegenstände stehen im Gedenkraum der Albertville-Realschule auf symbolischen Pulten.
Foto: Marijan Murat, dpa

Nein, es war kein Naturereignis. Und doch begann dieser 11. März 2009 so normal, wie er nur beginnen konnte. In der Nachbargemeinde Leutenbach setzte sich Tim K. zu seiner Mutter an den Frühstückstisch, aß ein Stück Rührkuchen und trank Kakao. Nur was dann passierte, sprengt jede Vorstellungskraft. Er nahm die Pistole aus dem Schlafzimmerschrank seines Vaters, eines Sportschützen, und Munition aus dem Nachtkästchen: 285 Kugeln. Er verließ das Haus. Gegen halb zehn klopfte er in seiner ehemaligen Realschule an die Tür eines Klassenzimmers. Die Lehrerin sagte noch „Ja, bitte“. Tim K. trat ein und schoss. Und schoss.

Gisela Mayer war an jenem Tag Einkaufen, als Martin, der Freund ihrer Tochter Nina, sie vor dem Laden abpasste. Ob sie wisse, dass es an der Albertville-Realschule einen Amoklauf gebe. Sie wusste nichts.#

Die Frau lebt heute in Hessen in der Nähe ihrer zweiten Tochter. Wie ist das nun mit den Gedanken an den Täter? „Ich empfinde ihm gegenüber keinen Hass mehr. Das befreit mich, dass ich nicht durch Hass an einen Menschen gebunden bin, den ich nicht einmal kenne, der mich aber fesselt und der auch mein Leben komplett verändert hat.“ Wenn sie an Tim K. denkt, sieht sie nicht mehr das Monster vor sich. Sie sieht einen armseligen und bedauernswerten Jungen.

Das anfängliche Entsetzen, die überwältigende Wut ist über die Jahre in Entschlossenheit übergegangen. Die blitzt in den Augen der 62-Jährigen auf, wenn sie erzählt, dass sich die Angehörigen aller (!) Opfer zu einem Aktionsbündnis zusammengeschlossen haben, dass sie einen offenen Brief an die Bundesregierung geschrieben, Unterschriften gesammelt und im Bundestag und im baden-württembergischen Landtag mit Experten Maßnahmen zur Amok-Prävention erarbeitet haben. Wenn sie erzählt, dass es jetzt Amnestieregelungen gibt, die es Waffenbesitzern ermöglichen, alte, teils geerbte Waffen straffrei abzugeben. Wenn sie erklärt, wie wichtig unangemeldete Kontrollen sind, um sicherzustellen, dass Sportschützen ihre Waffen und Munition ordnungsgemäß aufbewahren.

Die Familie des Täters lebt heute unter einer anderen Identität

Das war ja so eine Verschärfung des Waffenrechts, die infolge von Winnenden in Kraft trat. Denn Waffe und Munition, womit Tim K. tötete, hatte dessen Vater unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt. „Der Junge musste einfach nur hinlangen“, sagt Gisela Mayer. Deshalb wurde der Vater später wegen fahrlässiger Tötung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Außerdem musste er 500000 Euro an die Unfallkasse für die Behandlung der Opfer und seine Haftpflichtversicherung 400.000 Euro an die Stadt für die Renovierung der Schule zahlen. Die Familie lebt heute unter anderer Identität an einem anderen Ort.

Wir sind eine ganz normale Schulgemeinde“: Sven Kubick ist heute Rektor der Albertville-Realschule in Winnenden.
Foto: Marijan Murat, dpa

Was das Waffenrecht angeht, habe sich in Deutschland vieles verbessert, sagen die Angehörigen. Aber das reicht ihnen nicht. Aus dem Aktionsbündnis ist eine Stiftung gegen Gewalt an Schulen mit einem eigenen Büro in Winnenden geworden. Von hier aus entwickeln 20 Ehrenamtliche gemeinsam mit einer hauptamtlichen Kraft ihre Projekte: ein Schultheaterstück über Beleidigung und Ausgrenzung mit dem Titel „War doch nur Spaß!“, ein Programm zur Gewaltprävention namens „Haltung zählt“, ein Akrobatik-Projekt in Form einer Menschenpyramide, bei der Kinder im Sportunterricht spielerisch erfahren, was es heißt, sich gegenseitig zu unterstützen. Das große Ziel ist: Alle Menschen sollen respektvoll miteinander umgehen.

Tausende Jugendliche, Lehrer und Eltern haben sie mit ihrer Botschaft schon erreicht. 200 Schulen waren es allein in den vergangenen zwei Jahren. Die Anfragen steigen von Jahr zu Jahr – auch über Baden-Württemberg hinaus. Die Bayerische Unfallkasse beispielsweise verteilt die von der Stiftung erarbeitete Broschüre über Mobbing an allen bayerischen Schulen.

Gemeinsam mit Experten der Universität Gießen haben sie eine Beratungshotline eingerichtet. Jeder, der einen Amoklauf befürchtet, kann sich telefonisch an Experten wenden. Gisela Mayer sagt, dadurch habe man schon so manches verhindern können. „Denn welcher 15-Jährige geht schon zur Polizei und gesteht: Mein Freund kommt mir komisch vor?“

Die 62-Jährige hat auch die Berichterstattung über das Axt-Attentat in Würzburg im Sommer 2016 intensiv verfolgt. Sie sagt: „Egal, ob jemand politisch oder religiös motiviert ist oder ob er eine gestörte Persönlichkeit besitzt, jeder Tat geht ein Prozess der Radikalisierung voraus, in dessen Verlauf der Täter seine Perspektive immer weiter einengt, bis am Ende nur die Lösung der Gewalt übrig bleibt.“ In dieser Zeit gelte es, die Warnzeichen zu erkennen. Bei den meisten Tätern äußerten sich diese in Gewaltfantasien und sozialem Rückzug.

Gerade heute, in einer Zeit, in der das Aggressionspotenzial in der Gesellschaft steige, der Ton in der Politik rauer werde und dazu noch viele Menschen anderer Kulturen integriert werden müssten, sei es ein Irrtum zu glauben, man müsse nur gut in Französisch, Latein oder Mathe sein. Zuallererst müssten Kinder lernen, gut mit ihren Mitmenschen umzugehen. Die ehemalige Lehrerin fordert, dass Schulen für diese Wertevermittlung mehr Zeit und Personal bekommen, etwa in einem eigenen Unterrichtsfach. Ein Schulpsychologe oder Sozialarbeiter für 600 Schüler sei einfach zu wenig.

Und wie geht sie bei allem Engagement mit ihrer eigenen Trauer um? Gisela Mayer sagt: „Zehn Jahre ist es her und so gegenwärtig, als wäre es vorgestern passiert.“ Zumal sich eine Sache nie verändert habe: die Nähe, die Mutter und Tochter miteinander verbindet. „Da gibt es kein Vergessen. Das ist ein bisschen für die Ewigkeit.“

Eine Augenzeugin von damals unterstützt die heutigen Schüler

Nur zehn Gehminuten vom Büro der Stiftung entfernt wummert der Bass von Queens „We will rock you“ aus dem Musikraum der Albertville-Realschule. Hier gibt es eine Schülerfirma, ein pädagogisches Projekt, das sich an echten Unternehmen orientiert; die „Firma“ bedruckt T-Shirts. Außerdem sind hier zu Hause: ein „Raufclub“, wo man überschüssige Energie loswerden kann, eine Gruppe für Capoeira, eine Art brasilianischer Kampftanz, ferner: ein Afrika-Projekt und eine ökumenische Schulgemeinschaft, die sich für Senioren einsetzt, Streitschlichter, eine Kaffeebar, ein Besinnungsraum mit Tischkicker und Palmentapete.

„Wir sind eine ganz normale Schulgemeinschaft. Es wird viel gelacht“, sagt Schulleiter Kubick. Auf einer Säule in der Aula ist in riesigen Buchstaben zu lesen: „Ich habe einen Traum.“

März 2009: Einschusslöcher einer großkalibrigen Waffe sind in der Scheibe eines Autohauses in Wendlingen zu sehen. Hier tötete Tim K. zwei Menschen, bevor er sich selbst erschoss.
Foto: Boris Roessler, dpa

Die Albertville-Realschule hat steigende Anmeldezahlen. In den vergangenen zehn Jahren ist sie um zwei Klassen, von 590 auf jetzt 650 Schüler gewachsen. Sie leben hier den Spagat zwischen Normalität und Traumabewältigung.

Wie in der Schülerfirma „Klamottenkiste“. Ein Blick hinein: eine einladende Cappuccino-Bar, knallbunte T-Shirts an zwei Kleiderstangen und Jugendliche, die geschäftig hin und her eilen. Für einen Freitagnachmittag ist viel los. Mittendrin steht die 20-jährige Katrin Haag. „Auch in diesem Raum ist jemand gestorben“, erzählt sie. Die Mädchen neben ihr reißen erstaunt die Augen auf. Dass Katrin auch dabei war, haben sie nicht gewusst. „Es hat sich mir ins Gedächtnis eingebrannt. Ich weiß noch, wie eine Schülerin ihren Pulli hochgehoben und einer Lehrerin den Streifschuss gezeigt hat.“ Katrin Haag war damals in der fünften Klasse.

Trotzdem kommt die ehemalige Schülerin gerne hierher und engagiert sich in ihrer Freizeit. Geübt bedient eine Schülerin neben ihr die schwenkbare Klamottenpresse, die mit einem schmatzenden Geräusch das bedruckte T-Shirt freigibt. „Wir sind hier wie eine Familie“, sagt Katrin Haag, legt sorgfältig den schwarzen Stoff zusammen und streicht Kante um Kante glatt. „Ich habe einen Traum AS“ – die Abkürzung für Albertville-Realschule – prangt in Leuchtgrün auf dem Shirt. Sie deutet auf das Etikett. „Bio und Fairtrade“, liest sie vor.

Und sagt dann etwas leiser: „Um die Welt ein bisschen besser zu machen.“

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