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Belästigung
24.11.2017

#MeToo-Kampagne: Frauen in Indien schweigen nicht mehr

„Nein heißt nein“: Teilnehmerinnen einer Protestaktion demonstrierten schon 2014 gegen Gewalt gegen Frauen.
Foto: Money Sharma, dpa

Nach Hollywood erreicht der Skandal um sexuelle Belästigung jetzt Bollywood. Warum in der indischen Filmszene häufig Opfer statt Täter bestraft werden.

Die ganzen Erinnerungen waren plötzlich wieder da, als die indische Schauspielerin und Politikerin Vani Tripathi Tikoo die Botschaften im Internet sah. Sie alle enthielten das Schlagwort #MeToo – ich auch –, unter dem in den vergangenen Monaten zehntausende Frauen auf der ganzen Welt über ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung berichtet hatten. Die 38-jährige Vani Tripathi Tikoo erinnerte sich daran, wie 2013 vier betrunkene Männer nach einem Verkehrs-Unfall in der indischen Hauptstadt versucht hatten, sie in ihrem Auto zu vergewaltigen.

Wohl in keinem anderen Land der Welt gibt es mehr Frauen, die nach den öffentlichen Vorwürfen sexueller Vergehen gegen US-Prominente wie Harvey Weinstein Grund haben, sich in sozialen Medien zu Wort zu melden und „ich auch“ zu sagen. Das liegt nicht nur an der Bevölkerungsgröße von 1,3 Milliarden, sondern insbesondere an dem großen Problem sexueller Gewalt gegen Frauen in Indien. Auch innerhalb der Filmszene von Bollywood kommt nach dem Skandal im „großen Bruder“ Hollywood ans Licht, was schiefläuft.

Nach dem Fall Weinstein: Auch indischer Regisseur soll Frauen belästigt haben

Doch der Umgang damit ist oft ein ganz anderer als in der westlichen Welt: Statt die Opfer zu verteidigen, werden die Täter geschützt. Ende September etwa sprach ein Gericht in Neu Delhi den Regisseur Mahmood Farooqui frei, der wegen Vergewaltigung angeklagt war: Das Opfer habe nicht klar genug gemacht, dass es keinen Sex wolle, hieß es. „Ein schwaches Nein von Seiten der Frau kann während einer sexuellen Handlung als ein Ja gedeutet werden“, schrieb Richter Ashutosh Kumar in der Urteilsbegründung. Die Frau des angeklagten Filmemachers sprang ihrem Ehemann bei und erklärte, die Beschuldigungen seien nichts als haltlose Lügen.

„Die vielen #MeToo-Posts zeigen, wie weit verbreitet sexuelle Belästigung und Nötigung ist“, erklärt Namita Bhandare, die für die Tagesszeitung Hindustan Times schreibt. Viele Männer seien erstaunt, dass sich so viele Frauen in Indien jetzt zu Wort gemeldet hätten. Doch Kritiker der Social-Media-Kampagne finden, dass Aufregung in der Öffentlichkeit allein nicht ausreicht. Die Einstellung der konservativen, indischen Gesellschaft müsse sich ändern, in der die Opfer sexueller Gewalt stigmatisiert würden.

#MeToo-Kampagne zeigt: Sexuelle Gewalt ist in Indien weit verbreitet

Die #MeToo-Kampagne erreicht Indien fünf Jahre nach der Massenvergewaltigung und dem Mord an einer Studentin in einem Bus im Dezember 2012. Der Tod der Studentin hatte wochenlange Proteste im ganzen Land ausgelöst und eine Debatte über die Sicherheit von Frauen in Indien entfacht. Seither hat die Regierung die Gesetze bei Vergewaltigung drastisch verschärft, die Tat kann nun mit dem Tode bestraft werden. Doch die Kette der brutalen Fälle reißt nicht ab. Die #MeToo-Kampagne zeigt, wie weit verbreitet sexuelle Gewalt gegen Frauen weiterhin ist und wie oft diese als Kavaliersdelikt abgetan wird.

„Gegen Gewalt an Frauen“ steht auf den Stirnbändern dieser Inderinnen, die 2013 an einer Protestkampagne in Kalkutta teilnahmen.
Foto: Piyal Adhikary, epa/dpa

Immer noch ist es für die Opfer traumatisierend, an die Öffentlichkeit zu gehen. Eine indische Schauspielerin, die kürzlich einen Kollegen bezichtigte, sie auf einer Party begrapscht und anzügliche Bemerkungen gemacht zu haben, musste sich als Schlampe bezeichnen lassen, weil der Schauspieler-Kollege verheiratet war. Als im September ein Foto der Schauspielerin Karishma Sharma auftauchte, das die 23-Jährige in einem engen schwarzen Kleid mit Zigarette in der Hand zeigt, wurde sie im Netz als schamlos und als Pornostar beschimpft.

Die Kultur, in der die Ehre einer Frau eng mit antiquierten Moralvorstellungen verknüpft ist, ändert sich nur sehr langsam. mit dpa

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