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Brand am Grenfell-Tower
31.10.2019

Chefermittler: Wesentlich mehr Menschen hätten gerettet werden können

Der Grenfell-Tower nach dem Großbrand.
Foto: Chris J. Ratcliffe, afp

72 Menschen starben beim Brand im Grenfell Tower. Die Feuerwehrleute galten damals als Helden. Zu Unrecht?

Zainab Deen konnte durch die Wohnungstüre hören, wie viele ihrer Nachbarn durch die Hölle rannten. Durch das Treppenhaus mit all dem Rauch, den Flammen. Atemlos. Panisch. Auch die 32-Jährige hatte Angst, hielt ihren zweijährigen Sohn Jeremiah, während sie nasse Handtücher in die Schlitze ihrer Wohnungstür stopfte, um die Rauchschwaden aufzuhalten. Ein Mann der Notrufzentrale versuchte, sie am Telefon zu beruhigen: „Jemand kommt und holt euch.“

Zu diesem Zeitpunkt stand der Grenfell Tower im Westen Londons bereits lichterloh in Flammen, das Hochhaus ragte wie eine brennende Fackel in den Nachthimmel. Zainab Deen befolgte den Rat der Rettungskräfte und harrte im 14. Stock aus. Die Frau und ihr Kind starben eingeschlossen vom Feuer in ihrem Zuhause. 70 weitere Menschen kamen am 14. Juni 2017 bei der Katastrophe ums Leben.

Auslöser war ein Kühlschrank, der in einer Wohnung im vierten Stock durch einen Defekt explodiert war. Mehr als zwei Jahre später legte die von der Regierung eingesetzte Untersuchungskommission nun ihren ersten Bericht vor – ein vernichtendes Urteil über die Arbeit der Feuerwehr.

Grenfell-Tower: „Wesentlich mehr Menschen“ hätten gerettet werden können

Deren Reaktion habe „schwerwiegende Mängel“ und „signifikante systemische Fehler“ offenbart. Insbesondere die Anweisung an die Bewohner, in ihren Wohnungen zu bleiben, wird massiv kritisiert. Obwohl bereits um 0.54 Uhr der erste Notruf einging und die Einsatzkräfte nur wenige Minuten später eintrafen, begann die Evakuierung des 24-stöckigen Gebäudes erst um 2.47 Uhr. Zu spät. „Wesentlich mehr Menschen“ hätten gerettet werden können, hätte man die Regel außer acht gelassen und früher bestimmte Maßnahmen ergriffen, befand Chefermittler Martin Moore-Bick. Gleichwohl lobt der mehr als 1000 Seiten umfassende Report auch die Feuerwehrleute vor Ort, die „Mut und Hingabe für die Erfüllung ihrer Pflicht“ gezeigt hätten.

Der Grenfell Tower ist heute komplett mit weißen Planen verhüllt.
Foto: Steve Parsons, PA Wire, dpa

Die Reaktionen auf die Ergebnisse fielen derweil gemischt aus. Bei der Feuerwehr herrscht Unzufriedenheit, mitunter Wut. Man wäre einer „noch nie da gewesenen Situation“ gegenübergestanden, rechtfertigte die Londoner Feuerwehrchefin Dany Cotton. „Wir sind enttäuscht über die Kritik an einzelnen Kräften, die unter beispiellosen Umständen und unvorstellbaren Bedingungen gearbeitet haben, um die Leben anderer zu retten.“

Premierminister Boris Johnson zollte den Überlebenden Tribut, die für den Bericht ihre furchtbaren Erlebnisse schilderten. Sie litten unter einem „unvorstellbaren Trauma“, sagte Johnson, der von 2008 bis 2016 Bürgermeister Londons war. Er versprach: „Der Gerechtigkeit wird Genüge getan werden.“

„Feuerwehr, die völlig zerfleischt wird, wird die ganze Schuld gegeben“

Einer der beim Einsatz Beteiligten meinte, er sei angewidert darüber, was aus diesem Land geworden sei. Johnson, der in seiner Zeit als Stadtoberhaupt zehn Feuerwehrstationen geschlossen, 30 Fahrzeuge und 500 Feuerwehrleute gestrichen habe, weise jede Verantwortung von sich, schrieb Gav Lynch auf Twitter. „Aber der Feuerwehr, die völlig zerfleischt wird, wird die ganze Schuld gegeben.“

Während im jetzigen Bericht untersucht wurde, was passiert war, geht es im nächsten Teil um die Frage, warum es zu der Tragödie kam. Die neu angebrachte Fassadenverkleidung aus brennbarem Kunststoff sei laut Bericht ein „Hauptgrund“ dafür gewesen, dass sich die Flammen so schnell ausbreiteten. Schon vor dem Brand hatte die Mieterinitiative von Grenfell immer wieder, erfolglos, vor mangelhaftem Brandschutz gewarnt sowie auf die Fassadenverkleidung verwiesen – bevor sich genau diese in der schicksalhaften Nacht als Brandbeschleuniger entpuppte. Für die Ummantelung des Sozialbaus wurde aus Spargründen entflammbares, günstiges Material benutzt statt der teureren, feuerfesten Ausführung.

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