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Medienskandal

07.07.2011

Briten empören sich über Handy-Hacker

Neue "Guardian"-Enthüllung über "News of the World".

Der größte Medienskandal Großbritanniens hat einen neuen Höhepunkt erreicht: Journalisten sollen Detektive engagiert haben, um an Informationen zu kommen.

Ausgerechnet zum Jahrestag der Londoner Terroranschläge vom 7. Juli 2005 sehen sich die Hinterbliebenen der Opfer mit erschütternden Schlagzeilen konfrontiert. Ihre Handys wurden vermutlich von der Zeitung News of the World angezapft, als ihre Angehörigen im Sterben lagen. Der seit Jahren schwelende größte Medienskandal Großbritanniens hat damit einen neuen Höhepunkt erreicht – und geht weit über das Blatt News of the World hinaus. Ein Gutachten des Informationsbeauftragten der Regierung listet Hunderte Fälle auf, in denen nahezu alle Boulevard-Redaktionen Detektive nutzten, um an Informationen zu kommen.

Wie ernst die Lage ist, zeigte gestern eine für alle Abgeordneten einberufene Notsitzung im Unterhaus. Parlamentarier forderten darin den Rücktritt der verantwortlichen Führungskräfte, sofern sie „noch eine Faser Anstand besitzen“. Während die Polizei ermittelt – sogar ihre eigene Mordkommission war von der Presse observiert worden –, will Premier David Cameron eine Untersuchungskommission einrichten. „Wenn die Vorwürfe sich bewahrheiten, ist der Sachverhalt schauderhaft“, sagte er.

Dabei ist schon jetzt klar, dass die Fährte erneut auf den engsten Kreis des Regierungschefs weist. Camerons Pressesprecher Andrew Coulson musste im Januar zurücktreten, weil er in seinem alten Job als Chefredakteur der News of the World die illegalen Methoden abgesegnet hatte. Gestern stellte sich heraus, dass es offenbar zu Coulsons Arbeitsweise zählte, Polizeibeamten Schmiergelder für Indiskretionen zu zahlen. Und nun wackelt auch noch der Stuhl der Cameron-Vertrauten und Geschäftsführerin der News of the World, Rebekah Brooks. Ihr wird vorgeworfen, Privatdetektive zur „Recherche“ gebucht zu haben. Eine solche Praxis hatte sie bisher immer als fehlgeleitetes Verhalten einzelner Redakteure dargestellt.

Briten empören sich über Handy-Hacker

Doch Brooks trug als Ex-Chefredakteurin direkte Verantwortung für ihre Mitarbeiter, als sich der pikanteste Skandal ereignete. Im März 2002 heuerte das Blatt private Ermittler an, die sich in die Mailbox der vermissten Milly Dowler einwählten. Die Detektive erhofften sich ein paar saftige Schlagzeilen aus den Handy-Nachrichten – und löschten die Botschaften, die die Eltern ihrem Kind hinterließen, um Platz für neue Nachrichten zu schaffen. Polizei und Eltern glaubten deshalb lange, dass Milly leben und ihr Telefon nutzen würde. In Wahrheit war die 13-Jährige bereits tot. Die Kriminalpolizei will als Konsequenz sämtliche Vermisstenfälle überprüfen. Sollten Reporter oder Detektive Ermittlungen manipuliert haben, drohen ihnen Haftstrafen.

Fest steht, dass zahlreiche Prominente, darunter die Schauspielerin Sienna Miller, abgehört wurden. Sie hatten vergessen, ihren Handy-Anrufbeantworter per Passwort zu schützen oder die Standard-Fabrikeinstellung des Passwortes zu ändern. Sobald die Rufnummer belegt ist, ist es für Schnüffler ein Leichtes, sich in die Mailbox einzuwählen. Die Polizei will auch Schauspieler Hugh Grant in den Zeugenstand rufen.

Graham Foulkes, der seinen Sohn bei den Londoner Terroranschlägen verloren hat, fand gestern gegenüber dem Sender BBC klare Worte. „Meine Frau und ich haben nach dem Unglück sehr emotionale Telefonate mit Freunden geführt. Der Gedanke, dass wir von Fremden für ein paar billige Schlagzeilen belauscht worden sein könnten, ist erbärmlich.“

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