1. Startseite
  2. Panorama
  3. Chef der Essener Tafel: "Man treibt die Leute reihenweise zur AfD"

Interview

22.09.2019

Chef der Essener Tafel: "Man treibt die Leute reihenweise zur AfD"

Jörg Sartor ist ein Kind des Ruhrgebiets. Und er wirkt genauso, wie sich viele die Menschen im Pott vorstellen: geradeheraus, bodenständig, das Herz am richtigen Fleck.
Bild: Roland Weihrauch, dpa (Archiv)

Exklusiv Jörg Sartor ist bekannt geworden, als er zeitweise keine Ausländer mehr in seiner Tafel aufnahm. Rasch wurde ihm Rassismus vorgeworfen. Was ihn wirklich bewegt.

Herr Sartor, Sie sind Chef der Essener Tafel, einer Einrichtung, die Bedürftige mit Lebensmitteln, die etwa von Supermärkten gespendet werden, versorgt. Sie sind dadurch bekannt geworden, dass Sie im Frühjahr 2018 einen zeitweiligen Aufnahmestopp für Ausländer an Ihrer Tafel verfügten. Wie kam es dazu?

Jörg Sartor: Wir sind eine der größten Tafeln in Deutschland. Zu uns kommen pro Woche 1800 Berechtigte, die pro Kopf wiederum im Schnitt Lebensmittel für 3,5 Menschen abholen. Früher hatten wir einen Ausländeranteil von 35 bis 40 Prozent. Im Gefolge der Flüchtlingskrise stieg dieser Wert aber auf etwa 75 bis 80 Prozent an. Das ist im Prinzip erst einmal nichts Verkehrtes. Dann stellten wir fest, dass immer mehr Deutsche – vor allem Ältere oder Frauen – wegblieben. Wir gingen der Sache nach und mussten handeln.

Was war passiert? Hatten die Betreffenden Angst?

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Sartor: Ich würde nicht von Angst sprechen, sondern von einem Unwohlsein. Da stießen einfach zwei Welten zusammen. Die Flüchtlinge haben auf ihrer Flucht lernen müssen, dass sie sich immer ganz nach vorne drängeln sollten, um ans Ziel zu kommen. Außerdem dachten sie, dass die Tafeln eine staatliche Einrichtung sind, in denen sie Anspruch auf Leistungen haben. Darum sind sie damals entsprechend forsch aufgetreten. Was meinen Sie wohl, wie sich eine alte Dame fühlt, die zur Tafel kommt und da stehen 50 junge arabische Männer, die teils mit Ellenbogen versuchen, an Essen zu kommen? Ganz einfach: Die Frau kommt nicht mehr. Auch wenn sie dann weniger auf dem Teller hat. Sie verhungert natürlich nicht. Denn eine staatliche Grundsicherung gibt es ja trotzdem. Aber ohne unsere Leistungen geht es ihr schlechter.

Wie haben Sie die Sache gelöst?

Sartor: Bei uns ist es so, dass jeder nur ein Jahr lang ein Bezugsrecht hat. Dann muss er eine Weile pausieren, bis er sich erneut anmelden kann. Sonst schaffen wir es nicht, alle Interessierten zu versorgen. In Essen mit seinen 583.000 Einwohnern beziehen schließlich 108.000 Menschen Sozialleistungen. Bei 1800 Bezugsberechtigten kann man durch diese Jahres-Regelung im Schnitt sagen, dass pro Monat 150 Leute ausscheiden. Wir haben dann einfach drei Monate lang keine neuen Bezugsberechtigungen für Ausländer erteilt. Das betraf natürlich nicht jene Ausländer, die im Bestand waren. Aber auf diese Weise sank der Anteil der Ausländer im Laufe der nächsten Monate quasi von allein. Bis er wieder ein ausgewogenes Maß hatte. Und siehe da: Jene, die wegblieben, kamen wieder. Und das blieb so. Bis heute.

Sie wurden wegen dieser Aktion als Ausländerfeind hingestellt...

Sartor: Das Ganze kam daher, weil eine Journalistin der Westdeutschen Allgemeinen zwar einen guten Artikel über unser Vorgehen geschrieben hatte. Aber die Überschrift lautete – wohl aus Platzgründen, weil nicht mehr Wörter in die Zeile passten: „Essener Tafel nimmt keine Ausländer mehr auf“. Dabei hätte sie heißen müssen: „Essener Tafel nimmt vorübergehend keine zusätzlichen Ausländer mehr auf“. Noch am gleichen Tag kamen WDR, Sat.1 und RTL. Und am nächsten Tag standen acht Fernsehwagen vor der Tafel. Die Berichterstattung war überwiegend negativ, weil man das Ganze darauf verkürzte, dass wir angeblich keine Ausländer mehr versorgen wollen.

Wie ging es dann weiter?

Sartor: Zwei Tage später habe ich dann eine große Pressekonferenz bei uns anberaumt und in aller Ruhe erklärt, warum wir diese Entscheidung getroffen haben. Und von da an drehte sich der Wind. Die Journalisten hatten zugehört und die Sache offenbar verstanden. Was mich bis heute stocksauer macht, ist, dass Politiker wie etwa Frau Barley von der SPD weiter beidhändig auf uns draufhauten, ohne sich vernünftig zu informieren. Dieses Jahr habe ich zum ersten Mal in meinem Leben nicht die SPD gewählt. Sonst wären mir in der Wahlkabine sozusagen die Finger gebrochen. Barley war ja Spitzenkandidatin bei der Europawahl.

Liest man Ihre nun erschienene autobiografische Streitschrift "Schicht im Schacht" über den Niedergang des Ruhrgebiets aufmerksam, wird schnell klar, dass Sie alles andere als ein Ausländerfeind sind. Sie haben nichts gegen Ausländer, sondern beispielsweise etwas gegen kriminelle arabisch-libanesische Clans. Wie macht sich deren Einfluss in Ihrer Heimat bemerkbar?

Sartor: Die Bevölkerung meidet einfach Stadtteile, in denen sich diese Clans angesiedelt haben. Hier in Essen sind das vor allem Altenessen, wo ich wohne, und Altendorf. Wer es sich leisten kann, fährt sein Kind vier Stadtteile weiter, um es in eine Schule zu bringen, wo es nicht das einzige deutsche Kind in der Klasse ist. Und wenn die Gutmenschen der Kommunalpolitik auch etwas anderes sagen: Das alles ist einfach so, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollen. Damit treiben sie die Leute reihenweise zur AfD.

Was halten Sie eigentlich von der AfD?

Sartor: Gar nichts. Unfug. Schauen Sie sich doch den Höcke an, wie der einen anstiert. Das ist doch nicht normal.

Sie waren jahrzehntelang Bergmann, haben unter Tage gearbeitet. Früher waren die Menschen im Ruhrgebiet stolz auf ihre Heimat. Von 1950 bis 1980 war das Land Nordrhein-Westfalen Netto-Einzahler in den Länderfinanzausgleich, ebenso (mit einem Jahr Ausnahme) von 1995 bis 2009 – also den weitaus größeren Teil der Zeit seit Gründung der Bundesrepublik. Heute gilt der Ruhrpott als Armenhaus. Was hat sich in den Straßen Ihrer Heimatstadt Essen verändert?

Sartor: Früher wurde in der Steinkohle- und der Stahlproduktion viel Geld verdient. Mit dem Niedergang dieser Industriezweige sank die Kaufkraft und die Bevölkerungszahl, während die Zahl der Arbeitslosen stieg. Kriminelle verdienen nun ein Vermögen damit, Migranten in leer stehenden Bruchbuden unterzubringen. Früher ist man auf der Altenessener Straße gern spazieren gegangen, auch sonntags. Hat in die Schaufenster der Geschäfte geschaut, ein Eis gegessen. Heute gibt es dort nur noch Dönerbuden, Spielhallen und Friseure. Reizend.

In Duisburg-Bruckhausen etwa haben 92 Prozent der Einwohner unter 18 Jahren einen Migrationshintergrund. Wenn ganze Stadtteile nun nicht mehr von Deutschen bewohnt werden, es in Schulklassen "zehn Mehmets, aber nur noch einen Josef gibt", wie Sie schreiben: Wie kann man das Problem Gettoisierung denn lösen? Die Stadt kann die Menschen ja nicht einfach aus den auch privat gemieteten Wohnungen vertreiben.

Sartor: Nein, das geht natürlich nicht. Aber man kann verhindern, dass neue Migranten zuziehen. In Dänemark gibt es etwa eine Regelung, dass derjenige, der in solche Stadtteile zieht, einfach keine Sozialleistungen mehr bekommt. Das funktioniert. Eigentlich gibt es bei uns eine Residenzpflicht, wonach etwa ein Asylbewerber drei Jahre in der Stadt bleiben muss, wo sein Asylantrag anerkannt wurde. Eine Ausnahme kann bei der Familienzusammenführung gemacht werden. In Essen leben allein 18.000 Syrer. Was glauben Sie, wie viele Zusammenführungen es da gibt. So entstehen weiter Gettos mit ihren für alle schädlichen Auswirkungen.

Sie schreiben, dass sich viele Migranten gar nicht integrieren wollen. Liest man genauer, betrifft dies weniger Zuwanderer etwa aus Rumänien, Polen oder Russland. Inwiefern machen Sie die Religion des Islam verantwortlich für mangelnden Integrationswillen?

Sartor: Ich habe hier erlebt, dass sich etwa viele Türken, die hier schon in der dritten und vierten Generation leben, immer mehr islamisierten. Die hohe Zustimmung für Erdogan der Türken in Deutschland kommt ja nicht von ungefähr. Die Zahl der Moscheen wird immer größer. Sich nicht zu integrieren – das wird doch in diesen Moscheen vorgebetet. Diese Vorbeter sollte man mit der AfD in einen Sack packen und draufhauen.

Durch die hohen Sozialkosten, die auch durch arbeitslose Migranten entstehen, müssen die hoch verschuldeten Städte im Ruhrgebiet Kredite aufnehmen, um den Soli für Ostdeutschland finanzieren zu können. Zugleich dachten die Stadtoberen von Mühlheim an der Ruhr darüber nach, den Straßenbahnverkehr einzustellen, weil kein Geld mehr da war. Wie fühlen Sie sich bei diesem Gedanken?

Sartor: Das ist doch völliger Schwachsinn. Ich habe ja nichts gegen den Soli an sich. Aber dass wir hier Kredite aufnehmen müssen, damit im Osten Stadthallen und Schwimmbäder gebaut werden können, ist einfach unfassbar. Das versteht man doch eigentlich auch, wenn man nicht aus dem Ruhrpott kommt.

Was ist eigentlich konkret gut gelaufen in den vergangenen 25 Jahren im Ruhrgebiet?

Sartor: Wenig. Es gab ein paar Leuchtturmprojekte wie etwa den Wissenschaftspark in Gelsenkirchen. Aber das brachte nicht wirklich Arbeitsplätze. Viele Menschen ziehen weg. Allerdings: Weglaufen ist auch scheiße. Dann ändert sich gar nichts und es wird eher noch schlimmer.

Sie präsentieren am Schluss Ihres Buches Lösungsvorschläge. Wie sehen diese aus?

Sartor: Wir brauchen einen "Aufbau West". Der darf natürlich nicht so sein wie der Soli, bei dem man das Geld nach dem Gießkannenprinzip über dem Osten ausgeschüttet hat. Aber die Städte im Ruhrpott brauchen Hilfe. Und nicht nur dort. In Mannheim oder Bremen gibt es auch Probleme. Das Geld muss dort vorgehalten werden, wo es benötigt wird. 

Zur Person: Jörg Sartor, Jahrgang 1956, war jahrzehntelang Bergmann. Seit 2006 ist er ehrenamtlicher Vorsitzender der Essener Tafel, eine der größten Tafeln in Deutschland.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren